Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Spielzeit 2020/21 Olivia-Khalil, Marie-Rötzer, Julia-Engelmayer, Ruth-Brauer-Kvam © Alexi Pelekanos

Spielzeit 2020/21: Frauenpower zum 200-Jahre Jubiläum

Allein schon mit der Eröffnungspremiere von Molières „Die Schule der Frauen“ macht das Landestheater Niederösterreich klar, wer in der kommenden Saison auf und hinter der Bühne das Reden hat. Es sind die Frauen! Ruth Brauer-Kvam wird bei dieser Komödie Regie führen und versprach bei der Pressekonferenz zur Präsentation der Spielzeit 2020/21, aus dem 1663 erschienenen Stück ein ihrer Meinung nach zeitloses Problem, nämlich den Zugang der Frauen zur Bildung, so unterhaltsam aufzuarbeiten, wie es der erstaunlich feministische Franzose gemeint haben könnte.

 

Nicht ganz so alt ist das Theater selbst. Dennoch dürfen heuer 200 Jahre Bestehen gefeiert werden. Der Beginn des Festjahres war bekanntlich brüsk unterbrochen worden. Da damals die Eröffnung des von den St. Pöltner Bürgern gegründete Haus aber erst im Dezember 1820 erfolgt ist, verbleiben noch einige Monate, um das Programm des Jubiläums vorzubereiten. Vorgesehen sind, so die Künstlerische Leiterin Marie Rötzer im Pas de deux mit der Leitenden Dramaturgin Julia Engelmayer, u. a.:

Molières Schule der Frauen, Szenenfoto © Alexi Pelikanos

Sujetfoto aus Molières Schule der Frauen, Emilia Rupperti, Michael Scherff, Laura Laufenberg, Tilman Rose © Alexi Pelekanos

200 Jahre Gala, Theaterfest, Der spendierte Platz (In Kooperation mit der Sparkasse Niederösterreich Mitte West Ag), 20 X 20 Gemeinden (In Kooperation mit der NÖN), Wegmarkierungen in der Stadt, Hausverhüllung, Konzert auf dem Rathausplatz, Landestheater Jubiläums-Café Edition (in Kooperation mit Felix Kaffee), Landestheater-Sessel oder das 200 Jahre Jubiläums-Abo.

 

 

Verlässlich nachgeholt werden Premieren wie „Christoph Kolumbus“ des kroatischen Dramatikers Miroslav Krleža und die „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, die es vor dem Lockdown aufgrund von Covid-19 bis zur Generalprobe geschafft haben. Dass es gelingen kann, die faszinierenden Formulierungen und die Erzählfreude von Thomas Mann in einer dramatisierten und für einen Abend eingekochten Fassung des Romans „Der Zauberberg“ umzusetzen, will auch die Regisseurin Sara Ostertag ab 22. Jänner 2021 beweisen. Als Reminiszenz an die Gründerzeit wird es auch Friedrich Schiller geben. „Kabale und Liebe“ stand bereits 1820 auf dem Programm und wird am 27. November 2020 in der Regie von Stephan Rottkamp den Festreigen einleiten. Auf die brennend aktuellen Fragen der Diskriminierung sollen Nestroys „Der Talisman“ (Inszenierung Alexander Pschill und Kaja Dymnicki) und Shakespeares „Othello“ mit farbigem Hauptdarsteller (Regie: Rikki Henry) klare Antworten geben. Dazu gibt es wie gehabt Kindertheater („Das Städtchen Drumherum“ von Mira Lobe unter Mia Constantine und „Das kleine Gespenst“ von Otfried Preußler unter Asli Kişlal), das Klassenzimmertheater mit „Gandhi – Der schmale Grat von Evy Schubert) und im Bürgertheater die passende Uraufführung „Eine Stadt sucht ihr Theater“ von Bernhard Studlar, inszeniert von Nehle Dick, als Abschluss der Saison am 2. Juni 2021.

Figaros Hochzeit (aber nicht die Oper) Ensemble © Alexi Pelekanos

FIGAROS HOCHZEIT aber nicht die Oper, Gott bewahre!

Katharina Haindl, Tilman Rose, Marthe Lola Deutschmann © Alexi Pelekanos

Eine gaudiger Opernführer, angemessen einem tollen Tag

Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais war nicht ganz unschuldig an der Französischen Revolution. In „La folle journée ou Le mariage de Figaro“ wird mit einer derart unglaublichen Schärfe der Adel in seiner Unmoral und Dekadenz karikiert, dass nur ein schmerzhafter Aufschrei der Betroffenen und ein Verbot des Stücks die Folgen sein konnten. Ein paar Jahre später (1786), in Frankreich war man intensiv damit beschäftigt, einander die Köpfe per Guillotine abzuschlagen, brachte Wolfgang Amadée Mozart zu einem Libretto des großen Menschenkenners Lorenzo Da Ponte die Oper „Figaros Hochzeit“ in Wien auf die Bühne. Freilich hatte man auch hierzulande vom Kaiserhaus abwärts keine rechte Freude mit dem Verriss, berauschte sich dennoch an der Musik und kritisierte auf gut Wienerisch nichts als gewisse technische Mängel bei der orchestralen Umsetzung und die doch beachtliche Länge der Oper. Vielleicht tolerierte man die frechen Bissigkeiten deswegen, weil der Text italienisch gesungen wurde und damals wie heute die Sprache zwar geliebt, aber nicht verstanden wird.

Tilmann Rose © Alexi Pelekanos

Einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zum „Verständnis“ der vertrackten Handlung hat nun Regisseur Philipp Moschitz geleistet. Er hat für das Landestheater Niederösterreich „Figaros Hochzeit (aber nicht die Oper)“ als „Die Geschichte eines revolutionären Friseurs“ respektlos, aber doch gekonnt verblödelt. Nachdem er jedes große Anliegen und allen tieferen Sinn radikal gestrichen hat, ist daraus ein Schwank entstanden, der einfach unterhält und das Premierenpublikum begeistert hat. Es fängt bei den Kostümen an, bei denen Isabella Kittnar mit abenteuerlichen Perücken über weiß gepuderten Gesichtern nicht die geringste Scheu vor historischer Übertreibung kennt. Auch bei der Musik wurde von Boris Fiala großzügig zugegriffen und ein Crossover von Opern, Pop und Musical, live und eingespielt, gemixt. Dass der Arrangeur und Komponist, sofern er nicht Cello oder Keyboards bedient, auch als Marcellina den armen Figaro partout heiraten will, ist der knappen Besetzung geschuldet. Katharina Haindl erprobt als sexy Disco Queen, pardon, Gräfin Almaviva ihre Verführungskünste am 18 Jahre alten Cherubin, der sich das nicht zwei Mal sagen ließe, käme nicht ständig was dazwischen, zum Beispiel der Graf und das ungeliebte Offizierspatent.

In der Sopran-Arie „Voi che sapete che cosa è amo“ beweist Andreas Thiele auf Italienisch, Deutsch und Tschechisch, dass an ihm ein internationaler Counter verloren gegangen ist. Als Graf Almaviva und verhinderter Lover peilt Michael Scherff treffsicher die Spitzentöne der Königin der Nacht an, mit heiserem Bass halt ein bisserl tiefer. Bella Figura macht auch das geplagte Hochzeitspaar, mit Tilman Rose in der Rolle des Figaro und seiner zum Verlieben süßen Susanna Marthe Lola Deutschmann.

Figaros Hochzeit (aber nicht die Oper) Ensemble © Alexi Pelekanos
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