Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht © Leopold Museum

MORIZ NÄHR Lichtbilder aus dem Wiener Jugendstil

Alter Naschmarkt am Karlsplatz, 1885 © Wien Museum

Fotographie und Malerei als gegenseitige Inspiration

Zeit war´s, einen Künstler wie Moriz Nähr wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu stellen (bis 29.10.2018)! Zugegeben, er war „nur“ Fotograph, seine Arbeiten stehen jedoch der Malerei des „Wien um 1900“ an kreativer Ausdruckskraft den Gemälden der Jugendstilmaler um nichts hinten nach. Es sind vor allem die Landschaften, die eine solche Behauptung rechtfertigen. Nährs Lichtmalerei hat alles, was ein großes Bild ausmacht. Sie sind technisch perfekt, sparen nicht an Information und sind vor allem emotional bewegend. Auf der Stelle wünscht man sich in einen Spaziergang durch die verträumte Au, wie sie Moriz Nähr an einem trüben Tag des Jahres 1890 festgehalten hat. Das Gleiche gilt aber auch für Aufnahmen schmaler Gässchen in der Innenstadt, durch die man in die Gute Alte Zeit zurück wandeln will, oder für den Innenhof, in den man als geübter Stadtwanderer frech eingedrungen ist und sich freut, in den Pawlatschen ein Stück ungestörte Vergangenheit wiederentdeckt zu haben.

Selbstbildnis in seinem Wohn- und Arbeitsraum, um 1900 © Klimt-Foundation, Wien

Man spürt seine Wehmut, wenn er das letzte Restl von Natur im Häusermeer dokumentiert. „Der letzte schöne Baum“ (1895) ist eine Reminiszenz an einen Wienfluss vor der großen Regulierung, ohne Euphemismus, denn die Äste sind an diesem leicht nebeligen Tag im Spätherbst bereits kahl. Ganz anders hat Rudolf von Alt dieselbe Situation gemalt. Sein Baum ist grün und benötigt keinerlei Phantasiearbeit des Betrachters, um den Titel des Aquarells „Der letzte Baum an der Wien“ (ebenfalls 1895) nachvollziehen zu können. Nebeneinander gestellt sind die beiden Werke der eigentliche Beweis, wie sich Fotographie und Malerei beeinflusst haben.

Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este   mit seiner Familie auf der Jagd, um 1910 © ÖNB

Offenbar wird diese Gemeinsamkeit bei Gustav Klimt. Moriz Nähr (1859-1945) und der berühmteste Jugendstilmaler waren Freunde. Sie inspirierten sich gegenseitig, was etliche Werke, zum Beispiel der „Tannenwald“ von Klimt (1901) und „Waldinneres“ (1890) von Nähr, beweisen. Wie tief ihre künstlerische Verbundenheit ging, zeigen die Porträts, die Nähr von Klimt fotografiert hat. Sie machen die Kraft und Persönlichkeit des Malers in ungewöhnlichem Maße spürbar. So schafft es eben nur ein Fotograph, der mit der von ihm abgelichteten Person zutiefst vertraut ist.

Nicht zuletzt führte diese Freundschaft zu einer Reihe von Fotos, die die Anfangsjahre der Wiener Secession dokumentieren, aber auch zu einer zentralen Stellung des Fotografen in der Kulturszene dieser Tage. So ließ der Philosoph Ludwig Wittgenstein das von ihm geplante und errichtete Haus Stonborough-Wittgenstein in der Kundmanngasse von Nähr im Detail aufarbeiten – als frühes Beispiel einer Architekturfotografie, die über das Äußere des jeweiligen Gebäudes weit hinausgeht.

 

Dass Moriz Nähr auch für das Kaiserhaus gearbeitet hat, ist so besehen kaum verwunderlich.

Erstaunlich ist dennoch, dass es der Fotograf schaffte, eine so riesige Schar an Treibern und die Strecken erlegten Wilds in der Jagdgesellschaft um Erzherzog Franz Ferdinand mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln, wohl mit der bereits entwickelten Landkamera, fast vollzählig auf ein Bild zu bannen. Dass er sich neben seinen Aufträgen auch Spaß gönnte, davon zeugen die Bilder von Naschmarktszenen, übermütigen Tanzereien vor einem Gasthaus oder die neugierigen Zuschauer, die den Maler Carl Müller an der Staffelei irgendwo in einem Hinterhof bewundern. Street Photography nennt man heute diesen Ausbruch ins Spontane, die Jagd nach Motiven, die der Zufall schafft, und die auch ein Moriz Nähr neben dem übrigen breiten Spektrum der Fotografie vor 100 Jahren bereits virtuos beherrschte.

Landschaftsstudie, um 1890 © Leopold Museum
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