Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


HUNDERTWASSER – SCHIELE Ausstgellungsansicht © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

HUNDERTWASSER – SCHIELE und die Seele der Natur

Die Linie von Wien im der Ausstellung HUNDERTWASSER – SCHIELE

Wenn sich Expressionismus in der Spirale widerspiegelt

Egon Schiele lebte von 1890 bis 1918, Friedensreich Hundertwasser wurde 1928 geboren und starb im Jahr 2000. Dennoch könnten sie gleichzeitig gearbeitet haben, so viele Gemeinsamkeiten strahlen ihre Werke aus. Hundertwasser hat zeitlebens zugegeben, dass Schiele sein Lehrer war. „Ich liebe Schiele“ bekannte er bereits 1950/51, nachdem er zwei Jahre zuvor das Werk und das Leben des Wiener Expressionisten in Ausstellungen und Büchern entdeckt hatte. Aber er hat ihn nicht kopiert, sondern zu einem Teil seiner einzigartigen Kunst erhoben, angefangen vom virtuosen Duktus des Malens bis zur Radikalität, mit der beide die Seele der Natur zu erfassen gesucht haben. Der Strich Schieles wird zur sensiblen Antenne, die in Landschaften hineinhört, um die Schmerzensschreie einer verdorrten Sonneblume hörbar zu machen oder verfallendes Gemäuer in Moll zum Klingen zu bringen.

EGON SCHIELE, Selbstbildnis mit hochgezogener nackter Schulter © Leopold Museum/Manfred Thumberger

Hundertwasser öffnet hingegen mit der Spirale ein Fenster nach draußen, um über diesen verschlungenen Weg ins Zentrum allen Lebens zu führen, beispielsweise zu einer Architektur, in der die Häuser der Wiese rigoros untergeordnet sind. Hunderrtwasser und Schiele waren, jeder auf seine Art, Propheten, Seher, die in ihren Bildern den Menschen die Augen geöffnet haben. Aber sie waren auch geniale Selbstdarsteller, die mit dem eigenen Gesicht als Motiv ihren zutiefst verborgenen künstlerischen Antrieb, bestehend aus Eitelkeit, Egomanie und der damit unterdrückten Ängste freimütig offengelegt haben. Was lag also näher, als die beiden Größen österreichischer Prägung in einer Ausstellung zu vereinen (bis 31. August 2020).

Friedensreich Hundertwasser, 224 Le grand chemin, St. Mandé/Seine © Belvedere, Wien © 2019 Namida AG

Kurator Robert Fleck hat sich dazu durch Tausende Blätter gekämpft, um für diesen Dialog die jeweils passenden Fragen und Antworten gegenüberhängen zu können, stets im Bewusstsein, dass diese, wie er sagt, Wahlverwandtschaft zwischen Friedensreich Hundertwasser und Egon Schiele innerhalb der Kunst des 20. Jahrhunderts einen besonderen Sachverhalt bildet. Dass man der Ausstellung den unnötigen englischen und mehr als erklärungsbedürftigen Untertitel „Imagine Tomorrow“ verpasst hat, sollte dem Schaugenuss keinen Abbruch tun, der nicht zuletzt mit der Betrachtung von selten gezeigten Schlüsselwerken sowohl von Schiele als auch von Hundertwasser verbunden ist.

Ein Höhepunkt ist zweifellos die „Linie von Wien“. Hundertwasser hasste die Gerade. So ließ er im Rahmen einer Gastdozentur an der Hamburger Hochschule für bildende Künste gemeinsam mit den Dichtern Bazon Brock und Herbert Schuldt im Dezember 1959 in einem performativen Akt über mehrere Tage durchgehender Arbeit der Teilnehmer eine „unendliche Linie“ schaffen. Sie ging als „Linie von Hamburg“ in die Kunstgeschichte ein. Im Leopold Museum inszenierten nun Studierende der Universität für angewandte Kunst unter der Ägide von Brock eine neue Linie.

Sie ist der Beweis, dass Hundertwasser auch oder nur auf krummen Linien gerade schreiben konnte (Bazon Brock). Mehr dazu kann man im Katalog nachlesen, der den Übereinstimmungen von Hundertwasser und Schiele in Beiträgen von Alexandra Matzner, Robert Fleck und Bazon Brock im Licht der neuesten kunsthistorischen Erkenntnisse nachgeht.

HUNDERTWASSER, 127 Almhütten auf grünem Platz Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger
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