Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


PAUL KLEE, Orient-Fest, 1927 © Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano, Foto: Chr. Münstermann

DEUTSCHER EXPRESSIONISMUS Zwei „ausdrucksstarke“ Sammlungen im Leopold

GABRIELE MÜNTER, Elmau, o.D. © Fondazione Gabriele e Anna Braglia Foto: Christoph Münstermann

Stramme Malerei ohne Scheu vor Farbe und Natur

Sie wollten sich gegen gesellschaftliche Normen auflehnen und für die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks kämpfen. Farbe wurde für sie zum mehrschichtigen Werkzeug und gingen damit über das rein Gesehene hinaus. Sie hinterfragten in impulsiven Strichen deren Wirkung und tiefere Bedeutung. Es klingt paradox, wenn die Maler nach einem umfassenden Begreifen der Natur suchten, indem sie sich von naturalistischer Darstellungsweise abwandten. Aber gerade darin liegt das Wesen des Expressionismus, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa das Erscheinungsbild der Kunst veränderte. Deutschland machte dabei keine Ausnahme. Waren es in Österreich Egon Schiele, Richard Gerstl oder Oskar Kokoschka, die nach dem die Augen schmeichelnden Jugendstil den Betrachter mit ungewohnter Wildheit schockierten, begannen im Nachbarland junge Künstler auf ihre Weise mit der akademischen Tradition zu brechen.

Bildcredit unter dem Foto

MAX PECHSTEIN, Junge Dame mit Federhut, 1910 © Renate und Friedrich Johenning Stiftung, Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger © Pechstein–Hamburg/Tökendorf/Bildrecht Wien, 2019

In Dresden gründeten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl 1905 zu diesem Zweck die Künstlergemeinschaft Brücke. 1906 stieß Max Pechstein zu dieser Gruppe und brachte seinerseits französische Einflüsse ein. Er stand mit Henri Matisse und den Fauves in Berührung und war beeinflusst von Paul Gauguin, der ihn wohl zu Akten in paradiesisch-exotischer Vegetation inspiriert hatte. Subjektiv erlebte Seelenlandschaften entstanden auch in München, wo Wassily Kandinsky und Franz Marc 1912 den Almanach „Der Blaue Reiter“ herausgegeben hatten, nachdem sie im Jahr zuvor eine Ausstellung organisiert hatten. Das Publikum erlebte dort „neuartige“ Gemälde von Henri Rousseau, Robert Delaunay oder August Macke, einem jungen vielversprechenden Talent, das tragischerweise in den ersten Tagen des Ersten Weltkrieges im Alter von 27 Jahren fiel. In engem Kontakt zum Blauen Reiter stand auch Paul Klee, der sich bald in einem ganz persönlichen, im Grunde visionären Stil von den Mitkämpfern unterschied und sich wie Kandinsky radikal vom Gegenstand abgewandt hatte. Außer den beiden bedeutenden Gruppen hatten noch Emil Nolde, die Künstlerpaare Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky und Paula Modersohn Becker, Otto Modersohn oder der Karikaturist Lyonel Feininger den Expressionismus für sich entdeckt.

LYONEL FEININGER, Mann vor hohen Felsen  © Fond. Gabriele e Anna Braglia Foto: Christoph Münstermann

So ähnlich die Beweggründe waren, so groß ist der ins Auge springende Unterschied zwischen hie und da, zwischen Österreich und Deutschland. Mag es an der unterschiedlichen Mentalität gelegen sein oder an der jeweiligen kunsthistorischen Vorgeschichte, jedenfalls sind die Arbeiten der Deutschen unter dem keineswegs abwertenden Begriff „stramm“ zu empfinden. Der Farbauftrag ist kraftvoll, die Stimmungen in den Landschaftsbildern sind kompromisslos und die Züge der Porträtierten zeichnen klare Linien. Der Betrachter kann sich im Grunde nicht verlieren, wenn er seine Augen über die Gemälde schweifen und seine Aufmerksamkeit von einem ihn ansprechenden Bild einfangen lässt.

 

Die Werke all dieser Aufmüpfigen sind nun im Leopold Museum unter „Deutscher Expressionismus“ (bis 20. April 2020) zu sehen.

Rund 100 Exponate stammen aus zwei bedeutenden Sammlungen. Die eine Leihgeberin ist die Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano, die andere die Renate und Friedrich Johenning-Stiftung aus Nordrhein-Westfalen. Die hohe Qualität der beiden Kollektionen, die eine durchaus diverse Entstehungsgeschichte aufweisen, beruht in beiden Fällen auf der gemeinsamen Auswahl der Kunstwerke. Den Rest stellen private Sammlungen wie die Nolde Stiftung Seebüll, die Privatsammlung Leopold und das Leopold Museum selbst. Das Hintergrundwissen zu dieser von Ivan Ristić gestalteten Schau vermitteln fein lesbare Saaltexte und ein vom Kurator und Direktor Hans-Peter Wipplinger herausgegebener Katalog mit aufschlussreichen Kommentaren zu den einzelnen Bildergruppen. So folgen beispielsweise dem Übertitel „Neue Harmonien“ die kurzen Abhandlungen „Von der Groteske zur Abstraktion“, „Hinter die Dinge sehen“ und „Lektionen aus dem Tierreich“. Den Abschluss machen konzentrierte Biografien, die neben ihren Werken auch die Künstler selbst vorstellen.

Ausstellungsansicht "Richard Gerstl" © Leopold Museum, Wien, Foto: Leni Deinhardstein

RICHARD GERSTL Die malerische Eruption von Dissonanz

Richard Gerstl, Bildnis Mathilde Schönberg als Halbfigur, Frühling/Sommer 1908 © Privatsammlung

Der erste österreichische Expressionist zwischen Zeitgenossen und späten Bewunderern

Der junge Mann hat sich im Alter von 25 Jahren das Leben genommen, und zwar gründlich, mit Messer und Strick; so zeigt es zumindest der Film von Otto Muehl mit dem Titel „Back to fucking Cambridge“. Mit Theo Altenberg als Richard Gerstl, Oswald Oberhuber in der Rolle des Arnold Schönberg und Judith Goldblat als Mathilde wird die Dreiecksbeziehung zwischen den Komponisten, dessen Frau und dem Maler im Kontext des Wiener Kultur- und Geisteslebens um 1900 in satirischer Weise aufgearbeitet. Dieser Streifen beschließt die Ausstellung „Richard Gerstl. Inspiration – Vermächtnis“ (bis 20. Jänner 2020), das die Bedeutung des ersten österreichischen Expressionisten für unmittelbar nachfolgende Künstler wie Oskar Kokoschka oder Egon Schiele und darüber hinaus bis zum Wiener Aktionismus und Arnulf Rainer deutlich macht. Gerstl hatte sich nur wenig Zeit gelassen, so ist auch sein Oeuvre eher klein. Er war jedoch seiner Zeit weit voraus. Das Credo: Emotionen und Gedanken stehen über der Realität.

Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04 © Leopold Museum, Wien

Es verschaffte ihm bereits zu Lebzeiten die Stellung eines Einzelgängers. Von seinen Malerkollegen weg zog es ihn zur Musik. Er geriet dabei in den Kreis um Arnold Schönberg, der neben seinem kompositorischen Schaffen auch als bildender Künstler tätig war. Die gemeinsame Basis für tiefe Gespräche und befruchtenden Gedankenaustausch war also gegeben. Bei Sommeraufenthalten am Traunsee entstehen Gemälde, die bereits einen hohen Abstraktionsgrad aufweisen. Modell stand ihm auch die Familie Schönberg, wobei irritierend erscheint, dass ausgerechnet Mathilde in den Porträts keine Spur von Erotik zeigt, viel mehr alt und hässlich erscheint. War es die Vertuschung des Liebesverhältnisses, das Gerstl mit dieser keineswegs unattraktiven Frau eingegangen war?

Richard Gerstl, Bauerngarten mit Zaun, 1907 © Leopold Museum, Wien

Arnold Schönberg ertappte Freund und Gattin in flagranti. Das Zerwürfnis war nicht aufzuhalten. Nachdem Mathilde nach einem kurzen Ausbruch aus der Ehe wieder zu Mann und Kindern zurückgekehrt war, sah Gerstl keinen anderen Ausweg mehr als sich umzubringen. Ein seltsames Licht wirft die überlieferte Reaktion von Arnold Schönberg auf das Verhältnis zum Künstlerfreund, der aus Angst vor einem Skandal Gerstls Bruder Alois bittet, als Motiv für den Selbstmord „etwa Kränkung über Misserfolge als Grund anzugeben“.

Diese Geschichte wird ewig über dem Leben und Werk von Richard Gerstl stehen, sie war aber mit Sicherheit nicht der Grund, dass er nach seinem Tod umgehend vergessen wurde. Er war schon zu Lebzeiten in seiner Radikalität nicht verstanden worden. Es dauerte bis 1928, dass sein Bruder Alois dem Kunsthistoriker und Galeristen Otto Kallir die eingelagerten Werke zeigte. Dieser war auf der Stelle fasziniert und setzte sich für deren Bekanntmachung und für deren Verkauf ein.

Um 1960 nahm der Kunsthistoriker Otto Breicha intensive Forschungen zu Gerstl auf und konnte noch mit zahlreichen Zeitgenossen erhellende Gespräche führen. Schließlich war es der leidenschaftliche Sammler Rudolf Leopold, der in Qualität und Umfang die weltweit bedeutendste Gerstl-Sammlung mit nunmehr 19 Werken von ca. 70 des Gesamtschaffens zusammentrug. Sie stehen im Zentrum dieser mit 226 Exponaten opulenten Schau des Leopold Museums, die den Besucher Zeiten überspannend an einem Dialog mit Arbeiten der klassischen Moderne wie Vincent van Gogh, Edvard Munch oder Lovis Corinth über internationale Kunst nach 1945 von Willem de Kooning, Francis Bacon oder Eugène Leroy bis österreichische Gegenwartskunst mit Günter Brus, Herbert Brandl und Martha Jungwirth teilnehmen lässt.

Francis Bacon, Study for Female Figure, 1971 © Heidi Horten Collection
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