Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht EMIL PIRCHAN. Visuelle Revolution © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

EMIL PIRCHAN Die Wiederentdeckung eines „Gebrauchskünstlers“

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Ausstellungen zur Faszination einer auf Wesentliches reduzierten Ästhetik und die inspirierende Kraft Beethovens

Fotoatelier A. Frankl, Berlin, Emil Pirchan mit Masken im Berliner Atelier, 1923 © Sammlung Steffan/Pabst, Zürich, Foto: Sammlung Steffan/Pabst, Zürich © Nachlass Emil Pirchan, Sammlung Steffan/Pabst, Zürich

Als am 3. April 1922 in der Berliner Oper Unter den Linden das Orchester mit dem Vorspiel zu Franz Schrekers „Der Schatzgräber“ begann, ereignete sich im Publikum noch nie Dagewesenes. Als sich der Vorhang hob, gab es spontanen Applaus, der nicht dem Dirigenten oder einem Sängerstar, sondern dem Bühnenbild galt. Entworfen hatte es Emil Pirchan (1884-1957), ein Universalkünstler, der mit dem Architekturstudium bei Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste in Wien begonnen hatte und bald darauf sein Wirken und das dort gewonnene Wissen auf die Bühne und tief hinein in Gebrauchsgraphik und Design, dort in erster Linie auf Plakate erweiterte. Seine Erfahrungen hielt er in einer Reihe von Publikationen fest, was ihn, den zuletzt ordentlichen Professor für die neu geschaffene Meisterschule für Bühnenbildkunst und Festgestaltung, auch in die Riege wissenschaftlicher Autoren reihte. Dennoch konnte niemand verhindern, dass er nach seinem Ableben gründlich vergessen wurde.

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Emil Pirchan, Plakat Ruby Betteley tanzt Chopin, Bach, Schumann, Schubert, 1912 © Theatermuseum, Wien Foto: KHM-Museumsverband, Theatermuseum, Wien © Nachlass Emil Pirchan, Sammlung Steffan/Pabst, Zürich

Seinem Enkel Beat Steffan war es vorbehalten, dessen Bedeutung wieder ins Licht zu holen. Im Katalog zur Ausstellung im Leopoldmuseum (EMIL PIRCHAN. Visuelle Revolution, bis 5. April 2021) schreibt er, dass ominöse Kisten am Dachboden des Elternhauses von seiner Mutter vor dem Spieltrieb der Kinder bewacht wurden, mit dem Argument, dass der Inhalt von ihrem Vater, einem berühmten Künstler, stammen würde. „Erst als Erwachsener wagte ich endlich, das Geheimnis der Kisten zu lüften. Und es war, als ob ich mehr als einen Goldschatz, nämlich einen ganzen kreativen Kontinent auf dem eigenen Dachboden entdeckt hätte.“ Der dort gehütete Nachlass von Emil Pirchan bestand aus 1300 Originalskizzen und über 1500 Drucken, sechs Skizzenbüchern und einer Bibliothek mit mehr als 2000 Büchern, die auf wundersame Weise selbst einen Wasserrohrbruch im Dach unbeschadet überlebt hatten.

Hans Robertson, Bühnenbildfoto aus dem Ballett Die Planeten © Theatermuseum. Foto: KHM-Museumvb.

Aus Beständen, die sich im Theatermuseum in Wien, in der Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus und in Museen wie der Albertina oder des Museum Folkwang in Essen fanden, konnte in der nun laufenden Ausstellung ein sensationell lebendiges Werk- und Lebensbild dieses Universalkünstlers des 20. Jahrhunderts geschaffen werden. Sie beginnt mit einem Porträt von Emil von der Hand seines Vaters Emil Pirchan dem Älteren, einem gesuchten Porträtisten in seiner Heimatstadt, und zeigt einen aufgeweckten Buben.

Emil wuchs in Brünn auf, unterrichtete nach seinem Studium in Wien wieder in der mährischen Hauptstadt Zeichnen, bevor er 1908 in München ein „Atelier für Graphik, Bühnenkunst, Hausbau, Raumkunst und Kunstgewerbe“ eröffnete. Als Architekt, dessen Projekte selten verwirklicht wurden, war er weniger gefragt denn als Gebrauchsgraphiker. So meint Kurator René Grohnert treffend, dass Pirchan die Kunst nicht als hehren Tempel sah, sondern als Möglichkeit einer gestalterischen Vielfalt und Wirksamkeit nutzte, die bis zu Kinderbüchern reichte. Sein Denken in Räumen ließ ihn die Essenz der von ihm ausgestatteten Bühnenwerke erfassen und gleichzeitig den Tanz auf zweidimensionalen Plakaten in dreidimensional empfundene Bewegung umzusetzen. Flächenhaft grün ist das Kleid von Ruby Betteley, für deren Tanzvorführung am 18. Oktober 1912 geworben wurde, und trotzdem scheint der Stoff wie Flügel die Tänzerin in die Schwerelosigkeit abzuheben.

Nicht allein deswegen war er gesucht. Emil Pirchan arbeitete für das Burgtheater und die Wiener Staatsoper, nutzte bis zuletzt seine extreme Experimentierfreude und – als Nebensatz angefügt – er war neben Herbert Boeckl, Christian Ludwig Martin und Sergius Pauser einer der wenigen Professoren der Akademie der bildenden Künste, die nach dem Ende der Naziherrschaft als politisch nicht belastet galten und deswegen nicht dienstenthoben werden mussten.

Emil Pirchan, Entwurf zu einem Theater für Südamerika © Theatermuseum, Wien, Foto: KHM-Museumsvbd

Im der selben Etage (-2) schließt sich eine kunstvolle Verbeugung vor dem musikalischen Jahresregenten an. „Inspiration Beethoven. Eine Symphonie in Bildern“ (bis 5. April 2021) ist eine aktuelle Ergänzung der Dauerpräsentation „Wien 1900“ und bittet die Besucher in das Musikzimmer der Villa des Wiener Schmuckfabrikanten Georg Adam Scheid. Dessen Schwiegersohn Josef Maria Auchentaller (1865-1949), ein im Wiener Jugendstil arbeitender Maler und Mitglied der Secession, schuf dafür ein von Beethoven inspiriertes Ensemble aus Gemälden zur Pastorale (6. Symphonie).

Deren fünf Sätze erwecken an sich beim Zuhörer mit ihrer Musik Bilder. Für diese Ausstellung wurde das Musikzimmer nun getreu nachgebaut und ermöglicht bei leiser Klavierbegleitung das Eintauchen in die Zeit als solche Orte dem Bildungsbürgertum Kunstgenuss und kultivierte Repräsentation ermöglichten. Auchenthaller war nicht der einzige, den Beethoven zu großen Schöpfungen anregte. So sind eine Studie von Gustav Klimt zu „Diesen Kuss der ganzen Welt“, eine Statuette des Komponisten von Franz Stuck ebenso zu bewundern wie die Vorarbeiten zu Max Klingers thronenden „Beethoven“, einer Monumentalskulptur, die im Mittelpunkt der XIV. Ausstellung der Secession (1902), der „Beethovenausstellung“ gestanden war.

Ausstellungsansicht Inspiration Beethoven © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

HUNDERTWASSER – SCHIELE Ausstgellungsansicht © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

HUNDERTWASSER – SCHIELE und die Seele der Natur

Die Linie von Wien im der Ausstellung HUNDERTWASSER – SCHIELE

Wenn sich Expressionismus in der Spirale widerspiegelt

Egon Schiele lebte von 1890 bis 1918, Friedensreich Hundertwasser wurde 1928 geboren und starb im Jahr 2000. Dennoch könnten sie gleichzeitig gearbeitet haben, so viele Gemeinsamkeiten strahlen ihre Werke aus. Hundertwasser hat zeitlebens zugegeben, dass Schiele sein Lehrer war. „Ich liebe Schiele“ bekannte er bereits 1950/51, nachdem er zwei Jahre zuvor das Werk und das Leben des Wiener Expressionisten in Ausstellungen und Büchern entdeckt hatte. Aber er hat ihn nicht kopiert, sondern zu einem Teil seiner einzigartigen Kunst erhoben, angefangen vom virtuosen Duktus des Malens bis zur Radikalität, mit der beide die Seele der Natur zu erfassen gesucht haben. Der Strich Schieles wird zur sensiblen Antenne, die in Landschaften hineinhört, um die Schmerzensschreie einer verdorrten Sonneblume hörbar zu machen oder verfallendes Gemäuer in Moll zum Klingen zu bringen.

EGON SCHIELE, Selbstbildnis mit hochgezogener nackter Schulter © Leopold Museum/Manfred Thumberger

Hundertwasser öffnet hingegen mit der Spirale ein Fenster nach draußen, um über diesen verschlungenen Weg ins Zentrum allen Lebens zu führen, beispielsweise zu einer Architektur, in der die Häuser der Wiese rigoros untergeordnet sind. Hunderrtwasser und Schiele waren, jeder auf seine Art, Propheten, Seher, die in ihren Bildern den Menschen die Augen geöffnet haben. Aber sie waren auch geniale Selbstdarsteller, die mit dem eigenen Gesicht als Motiv ihren zutiefst verborgenen künstlerischen Antrieb, bestehend aus Eitelkeit, Egomanie und der damit unterdrückten Ängste freimütig offengelegt haben. Was lag also näher, als die beiden Größen österreichischer Prägung in einer Ausstellung zu vereinen (bis 31. August 2020).

Friedensreich Hundertwasser, 224 Le grand chemin, St. Mandé/Seine © Belvedere, Wien © 2019 Namida AG

Kurator Robert Fleck hat sich dazu durch Tausende Blätter gekämpft, um für diesen Dialog die jeweils passenden Fragen und Antworten gegenüberhängen zu können, stets im Bewusstsein, dass diese, wie er sagt, Wahlverwandtschaft zwischen Friedensreich Hundertwasser und Egon Schiele innerhalb der Kunst des 20. Jahrhunderts einen besonderen Sachverhalt bildet. Dass man der Ausstellung den unnötigen englischen und mehr als erklärungsbedürftigen Untertitel „Imagine Tomorrow“ verpasst hat, sollte dem Schaugenuss keinen Abbruch tun, der nicht zuletzt mit der Betrachtung von selten gezeigten Schlüsselwerken sowohl von Schiele als auch von Hundertwasser verbunden ist.

Ein Höhepunkt ist zweifellos die „Linie von Wien“. Hundertwasser hasste die Gerade. So ließ er im Rahmen einer Gastdozentur an der Hamburger Hochschule für bildende Künste gemeinsam mit den Dichtern Bazon Brock und Herbert Schuldt im Dezember 1959 in einem performativen Akt über mehrere Tage durchgehender Arbeit der Teilnehmer eine „unendliche Linie“ schaffen. Sie ging als „Linie von Hamburg“ in die Kunstgeschichte ein. Im Leopold Museum inszenierten nun Studierende der Universität für angewandte Kunst unter der Ägide von Brock eine neue Linie.

Sie ist der Beweis, dass Hundertwasser auch oder nur auf krummen Linien gerade schreiben konnte (Bazon Brock). Mehr dazu kann man im Katalog nachlesen, der den Übereinstimmungen von Hundertwasser und Schiele in Beiträgen von Alexandra Matzner, Robert Fleck und Bazon Brock im Licht der neuesten kunsthistorischen Erkenntnisse nachgeht.

HUNDERTWASSER, 127 Almhütten auf grünem Platz Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger
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