Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansichten Menschheitsdämmerung © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

MENSCHHEITSDÄMMERUNG Österr. Malerei im Auge der Apokalypse

Gerhart Frankl, Steinbruch bei Gießhübl ©  Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Auflösung der Landschaft und Porträts voller Skepsis

Es war eine kurze Zeit des Atemholens, die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen. Die Luft in dieser Zeit war jedoch dünn. Wirtschaftliche Not ging Hand in Hand mit einer Vernichtung von Geist und Seele. Wer den Orkan zwischen 1914/1918 überlebt hatte, schien instinktiv nur darauf zu warten, dass auch der zwangsläufig nachkommende Teil des verheerenden Wirbelsturms über die Köpfe dahinbrausen würde. Österreich, dieser lächerliche Schrumpfrest der mächtigen Monarchie, hatte keine Zeit, zu sich selbst zu finden, zu einem Selbstbewusstsein als Nation, wie es ihm von seinen Nachbarn im Westen und Süden mit breiter Brust vorgegaukelt wurde. Die damit einhergehende Verunsicherung erfasste freilich auch die Künstler, die von ihrer Kreativität getrieben, nach neuen Wegen des Ausdrucks suchten, nachdem die bisherigen Formen obsolet geworden waren. Expressionismus bot sich als eine der Möglichkeiten.

Sergius Pauser, Mädchen vor dem Spiegel © Leopold Museum, Wien/Manfred ­Thumberger © Nachlass S. P.

Es galt, die bange Ahnung, sich lediglich im trügerisch stillen Auge eines Zyklons zu befinden, in der Malerei umzusetzen. Andere Künstler bauten wiederum auf die Neue Sachlichkeit, geboren aus dem Bedürfnis, im alles beherrschenden Wirrwarr zu Struktur, Klarheit und Ordnung zu finden. So präsentiert sich uns heute die österreichische Malerei der Zwischenkriegszeit durchaus uneinheitlich und vielschichtig. Sie reicht von fröhlichen Winterlandschaften eines Alfons Walde, die den unbeholfenen Versuchen des Ständestaates um ein positives Image Österreichs in die Hände spielten, über die düsteren Kriegserinnerungen und die ergreifende Darstellung bäuerlichen Elends von Albin Egger-Lienz bis zu den von wilden Pinselstrichen verstörten Idyllen eines Gerhard Frankl.

Rudolf Wacker, Stillleben mit Puppe und Hund © Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

„MENSCHHEITSDÄMMERUNG“ (bis 5. April 2021) ist demnach auch ein äußerst glücklich gewählter Titel der Sonderausstellung des Leopold Museums. Beinahe die gesamte Ebene -1 ist diesen Werken gewidmet und soll in Bälde durch Grafiken in den verbliebenen Räumlichkeiten erweitert werden. Wichtige Positionen werden dabei von der Neukunstgruppe vertreten. Ihr Gründer und Mentor Egon Schiele verstarb unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Seine Freunde trugen den Gedanken, sich von althergebrachten Vorgaben der Wiener Akademie zu trennen, mutig weiter. So steht man dem schmerzlich anmutenden nackten „Sitzenden Jüngling“ aus 1919 von Anton Kolig ebenso gegenüber wie dem groß in die Welt blickenden Sohn Peter von Anton Faistauer aus 1918. Alfred Wickenburg hat sich mit „Frühling im Park“ (o.J.) und in „Giardino del Lago“ (1921) in den Kubismus vorgewagt.

Sergius Pauser entkleidete 1931 den Wurstelprater in Wien jeder Lebensfreude und stellte ihn stattdessen als Ort der Depression dar. Er war sich wie sein Freund Herbert Boeckl der am Horizont wetterleuchtenden Katastrophe bewusst. Beide wurden 1943 ihrer Ämter im Kunstbetrieb enthoben und verbrachten die verbleibende NS-Zeit als Zwangsarbeiter mit Schanzarbeiten in Radkersburg, um dem 1000jährigen Reich zumindest noch ein paar Tage seines Bestehens zu sichern.

Ausstellungsansicht EMIL PIRCHAN. Visuelle Revolution © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

EMIL PIRCHAN Die Wiederentdeckung eines „Gebrauchskünstlers“

Fotocredit im Textfeld nebem dem Bild

Ausstellungen zur Faszination einer auf Wesentliches reduzierten Ästhetik und die inspirierende Kraft Beethovens

Fotoatelier A. Frankl, Berlin, Emil Pirchan mit Masken im Berliner Atelier, 1923 © Sammlung Steffan/Pabst, Zürich, Foto: Sammlung Steffan/Pabst, Zürich © Nachlass Emil Pirchan, Sammlung Steffan/Pabst, Zürich

Als am 3. April 1922 in der Berliner Oper Unter den Linden das Orchester mit dem Vorspiel zu Franz Schrekers „Der Schatzgräber“ begann, ereignete sich im Publikum noch nie Dagewesenes. Als sich der Vorhang hob, gab es spontanen Applaus, der nicht dem Dirigenten oder einem Sängerstar, sondern dem Bühnenbild galt. Entworfen hatte es Emil Pirchan (1884-1957), ein Universalkünstler, der mit dem Architekturstudium bei Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste in Wien begonnen hatte und bald darauf sein Wirken und das dort gewonnene Wissen auf die Bühne und tief hinein in Gebrauchsgraphik und Design, dort in erster Linie auf Plakate erweiterte. Seine Erfahrungen hielt er in einer Reihe von Publikationen fest, was ihn, den zuletzt ordentlichen Professor für die neu geschaffene Meisterschule für Bühnenbildkunst und Festgestaltung, auch in die Riege wissenschaftlicher Autoren reihte. Dennoch konnte niemand verhindern, dass er nach seinem Ableben gründlich vergessen wurde.

Fotocredit im Textfeld unter dem Bild

Emil Pirchan, Plakat Ruby Betteley tanzt Chopin, Bach, Schumann, Schubert, 1912 © Theatermuseum, Wien Foto: KHM-Museumsverband, Theatermuseum, Wien © Nachlass Emil Pirchan, Sammlung Steffan/Pabst, Zürich

Seinem Enkel Beat Steffan war es vorbehalten, dessen Bedeutung wieder ins Licht zu holen. Im Katalog zur Ausstellung im Leopoldmuseum (EMIL PIRCHAN. Visuelle Revolution, bis 5. April 2021) schreibt er, dass ominöse Kisten am Dachboden des Elternhauses von seiner Mutter vor dem Spieltrieb der Kinder bewacht wurden, mit dem Argument, dass der Inhalt von ihrem Vater, einem berühmten Künstler, stammen würde. „Erst als Erwachsener wagte ich endlich, das Geheimnis der Kisten zu lüften. Und es war, als ob ich mehr als einen Goldschatz, nämlich einen ganzen kreativen Kontinent auf dem eigenen Dachboden entdeckt hätte.“ Der dort gehütete Nachlass von Emil Pirchan bestand aus 1300 Originalskizzen und über 1500 Drucken, sechs Skizzenbüchern und einer Bibliothek mit mehr als 2000 Büchern, die auf wundersame Weise selbst einen Wasserrohrbruch im Dach unbeschadet überlebt hatten.

Hans Robertson, Bühnenbildfoto aus dem Ballett Die Planeten © Theatermuseum. Foto: KHM-Museumvb.

Aus Beständen, die sich im Theatermuseum in Wien, in der Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus und in Museen wie der Albertina oder des Museum Folkwang in Essen fanden, konnte in der nun laufenden Ausstellung ein sensationell lebendiges Werk- und Lebensbild dieses Universalkünstlers des 20. Jahrhunderts geschaffen werden. Sie beginnt mit einem Porträt von Emil von der Hand seines Vaters Emil Pirchan dem Älteren, einem gesuchten Porträtisten in seiner Heimatstadt, und zeigt einen aufgeweckten Buben.

Emil wuchs in Brünn auf, unterrichtete nach seinem Studium in Wien wieder in der mährischen Hauptstadt Zeichnen, bevor er 1908 in München ein „Atelier für Graphik, Bühnenkunst, Hausbau, Raumkunst und Kunstgewerbe“ eröffnete. Als Architekt, dessen Projekte selten verwirklicht wurden, war er weniger gefragt denn als Gebrauchsgraphiker. So meint Kurator René Grohnert treffend, dass Pirchan die Kunst nicht als hehren Tempel sah, sondern als Möglichkeit einer gestalterischen Vielfalt und Wirksamkeit nutzte, die bis zu Kinderbüchern reichte. Sein Denken in Räumen ließ ihn die Essenz der von ihm ausgestatteten Bühnenwerke erfassen und gleichzeitig den Tanz auf zweidimensionalen Plakaten in dreidimensional empfundene Bewegung umzusetzen. Flächenhaft grün ist das Kleid von Ruby Betteley, für deren Tanzvorführung am 18. Oktober 1912 geworben wurde, und trotzdem scheint der Stoff wie Flügel die Tänzerin in die Schwerelosigkeit abzuheben.

Nicht allein deswegen war er gesucht. Emil Pirchan arbeitete für das Burgtheater und die Wiener Staatsoper, nutzte bis zuletzt seine extreme Experimentierfreude und – als Nebensatz angefügt – er war neben Herbert Boeckl, Christian Ludwig Martin und Sergius Pauser einer der wenigen Professoren der Akademie der bildenden Künste, die nach dem Ende der Naziherrschaft als politisch nicht belastet galten und deswegen nicht dienstenthoben werden mussten.

Emil Pirchan, Entwurf zu einem Theater für Südamerika © Theatermuseum, Wien, Foto: KHM-Museumsvbd

Im der selben Etage (-2) schließt sich eine kunstvolle Verbeugung vor dem musikalischen Jahresregenten an. „Inspiration Beethoven. Eine Symphonie in Bildern“ (bis 5. April 2021) ist eine aktuelle Ergänzung der Dauerpräsentation „Wien 1900“ und bittet die Besucher in das Musikzimmer der Villa des Wiener Schmuckfabrikanten Georg Adam Scheid. Dessen Schwiegersohn Josef Maria Auchentaller (1865-1949), ein im Wiener Jugendstil arbeitender Maler und Mitglied der Secession, schuf dafür ein von Beethoven inspiriertes Ensemble aus Gemälden zur Pastorale (6. Symphonie).

Deren fünf Sätze erwecken an sich beim Zuhörer mit ihrer Musik Bilder. Für diese Ausstellung wurde das Musikzimmer nun getreu nachgebaut und ermöglicht bei leiser Klavierbegleitung das Eintauchen in die Zeit als solche Orte dem Bildungsbürgertum Kunstgenuss und kultivierte Repräsentation ermöglichten. Auchenthaller war nicht der einzige, den Beethoven zu großen Schöpfungen anregte. So sind eine Studie von Gustav Klimt zu „Diesen Kuss der ganzen Welt“, eine Statuette des Komponisten von Franz Stuck ebenso zu bewundern wie die Vorarbeiten zu Max Klingers thronenden „Beethoven“, einer Monumentalskulptur, die im Mittelpunkt der XIV. Ausstellung der Secession (1902), der „Beethovenausstellung“ gestanden war.

Ausstellungsansicht Inspiration Beethoven © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl
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