Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

Ausstellungsansicht, Ludwig Wittgenstein © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

LUDWIG WITTGENSTEIN Fotos zum Denken und Grübeln

Automatenporträt von Ludwig Wittgenstein © Sammlung Mila Palm, Wien, Foto: Manfred Thumberger

Automatenporträt von Ludwig Wittgenstein, um 1930 © Sammlung Mila Palm, Wien, Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Kunstgenuss für Besucher, die mit „analytischer Praxis“ vertraut sind

Vor 70 Jahren ist einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts verstorben. Symposien zum „Tractatus logico-philosophicus“ mit Teilnehmern, die über einen IQ weit jenseits eines durchschnittlichen Menschen verfügen, wären als selbstverständlich anzunehmen. Dass sich jedoch ein Musentempel wie das Leopold Museum dieses Gedenkens annimmt und dazu eine Ausstellung gestaltet, ist eher eine Überraschung. Freilich war Wittgenstein ein Universalgenie. Als junger Lehrer probierte er in einer kleinen Landgemeinde an den Volksschülern unerhört neue Unterrichtsmethoden aus und versuchte mit der örtlichen Blaskapelle ein für sich selbst komponiertes Klarinettenkonzert einzustudieren (Der Versuch endete bereits nach einigen Takten.

Laut Zeitzeugen war Wittgensteins Kommentar: „Krautfleisch, Krautfleisch!“). Später erfand er einen Hubschraubermotor und plante das perfekte Haus. Als bildender Künstler schuf er eine Mädchenbüste von klassischer Schönheit, aber leider sein einziges diesbezügliches Werk. Wenn Ludwig Wittgenstein einen derartigen Ausritt in fremde Gefilde mit Erfolg durchgeführt hatte, war er offenbar zufrieden mit sich und wandte sich neuen Herausforderungen zu.

 

Das Kuratorenpaar Verena Gamper und Gregor Schmoll wurde auf einem Gebiet fündig, mit dem sich Wittgenstein zeitlebens befasst hat: Die Photographie. Der Philosoph entstammte dem Großbürgertum. Sein Vater Karl, ein Großindustrieller, hatte als wichtiger Financier der Wiener Secession entscheidend zur Geburt der Wiener Moderne beigetragen. Photographische Porträts der Familienmitglieder, die in Ateliers von Größen wie Madame d´Ora entstanden, war eine Selbstverständlichkeit. Man beherrschte aber auch selbst die Kamera und dokumentierte damit die Familie zu einer Zeit, als Photographieren noch ein ausgesprochen teures Vergnügen war. Aber für Ludwig Wittgenstein konnte ein Bild nicht nur ein Bild sein. Er photographierte selbst, sammelte Photographien, arrangierte sie und ließ sie in seine philosophischen und privaten Schriften Eingang finden. Daher rührt offenbar auch der für Nichtphilosophen sperrig klingende Untertitel der Ausstellung „LUDWIG WITTGENSTEIN. Fotografie als analytische Praxis“ (bis 6. März 2022).

Katharina Sieverding, TRANSFORMER VI A/B © Courtesy Katharina Sieverding, Foto: Klaus Mettig

Katharina Sieverding, TRANSFORMER VI A/B, 1973/74 © Courtesy Katharina Sieverding, Foto: Klaus Mettig © Bildrecht, Wien 2021

Friedl Kubelka, Das erste Jahresportrait © Sammlung Generali Foundation © Bildrecht, Wien 2021

Friedl Kubelka, Das erste Jahresportrait, 1972/73 (Detail) © Sammlung Generali Foundation – Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg, Foto: Generali Foundation © Bildrecht, Wien 2021

Aus der Photographie wurde im Laufe der Zeit die Fotografie, die mittlerweile nach intensiven Auseinandersetzungen im Reich der bildnerischen Kunst als einer ihrer Zweige anerkannt wird. So macht den größten Teil ein Dialog mit zeitgenössischer Kunst aus. Um Vitrinen, die photographische und schriftliche Hinterlassenschaften von und zu Ludwig Wittgenstein (zum guten Teil aus dem Wittgenstein Archive Cambridge) bieten, wurde eine Fülle an Werken junger und jüngster (Foto-)Kunst drapiert. Dazu nur einige Namen: John Baldessari, Ólafur Elíasson, Peter Handke, Birgit Jürgenssen, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Hiroshi Sugimoto, Andy Warhol, Cindy Sherman oder Heimo Zobernig. Auf einen direkten Bezug zum Thema, aber auch auf Zeitgenossen Wittgensteins wurde verzichtet. Den Kuratoren geht es viel mehr darum, Distanz zum photographischen Œuvre Wittgensteins zu schaffen, um „sichtbar zu machen ohne zu vereinnahmen, um zu zeigen ohne ein Narrativ zu entwerfen.“ Die berührende Ausnahme in dieser von ihrem Thema doch sehr kopflastigen, wenngleich vom Sehgenuss ungemein gewinnbringenden Ausstellung ist eine Aufnahme von Ben Richards, dem langjährigen Lebensgefährten Wittgensteins. Deren Titel: Ludwig Wittgenstein on his deathbed, 29.4.1951.

Otto Prutscher, Tablett, Schale und Kannen © Privatbesitz, Foto: Leopold Museum/Manfred Thumberger

Otto Prutscher, Tablett, Schale und Kannen © Privatbesitz, Foto: Leopold Museum/Manfred Thumberger

DIE SAMMLUNG SCHEDLMAYER „Kunstbesuch“ in einer Badener Villa

Anonymer Fotograf, Villa Rothberger, © Privatbesitz, Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Anonymer Fotograf, Villa Rothberger © Privatbesitz, Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Inspiriert von einem Architekten zu Bewunderung und Erwerb des Schönen

Begonnen hat alles mit dem Kauf der Villa Rothberger in der Kurstadt Baden anno 1989. Hermi und Fritz Schedlmayer ließen das Haus restaurieren und entdeckten dabei eine in der Architektur des Gebäudes verwirklichte Welt großen Kunstgewerbes. Erbaut 1903/04 hatte sie Otto Prutscher, ein österreichischer Architekt und Kunsthandwerker, 1912 umgebaut. Das Ehepaar dürfte sich bei näherem Hinsehen gewundert haben, warum dieser Künstler des beginnenden 20. Jahrhunderts weitgehend unbekannt war. Sie begannen mit akribischer Forschung zu dessen Leben und Werk und hatten in ihren Räumen bald eine stattliche Anzahl von beeindruckenden Einrichtungsgegenständen, Dekorstücken und erlesenem Hausrat aus dessen Ideenschatz zusammengetragen. Nachdem sie nun einmal von der Sammelleidenschaft erfasst waren, wurden auch Arbeiten der bildenden Kunst erworben, beginnend mit dem deutschen Expressionismus (Karl Hofer, Christian Rohlfs, Max Pechstein oder Ernst Ludwig Kirchner), der österreichischen Moderne (zum guten Teil Gemälde von Broncia Koller-Pinell, aber auch Anton Kolig, Franz Wiegele und Anton Faistauer) bis herauf nach dem Zweiten Weltkrieg (z. B. ein weiblicher Torso von Otto Eder).

Otto Prutscher, Prunkschrank, 1911 © Privatbesitz, Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Otto Prutscher, Prunkschrank, 1911 © Privatbesitz, Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Heinrich Campendonk, Blaues Pferd © Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Heinrich Campendonk, Blaues Pferd © Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Dieser Schatz blieb bis nach dem Ableben von Fritz (2013) dem privaten Ergötzen der Sammlerfamilie vorbehalten. Erst 2017, ein Jahr vor dem Tod von Hermi, wurde überlegt, die Öffentlichkeit an diesem Kunstgenuss teilhaben zu lassen. Eine großzügige Schenkung von Otto Prutschers Entwürfen, dazu Objekte aus Silber, Glas und Keramik an das MAK zeitigte die erste Schau in Form einer Personale des Künstlers. Beinahe überraschend – die Sammlung an Malerei und Grafik der frühen Moderne war kaum bekannt – wandten sich die Erben an das Leopold Museum. Kurator Ivan Ristić erinnert sich mit einem satten Lächeln, wie spontan die Zusage zu einer Ausstellung und einem Katalog erfolgt ist. Bis 20. Februar 2022 dürfen die Augen des Publikums nun an einer feinen Auswahl sowohl aus Prutschers Œuvre als auch an Malerei und Plastik aus erwähnter Zeit übergehen. Dem Titel „Die Sammlung Schedlmayer“ ist nicht zufällig das Wort „Eine Entdeckung!“ beigefügt.

Ausstellungsansicht Die Sammlung Schedlmayer © Leopold Museum, Wien, Foto: Reiner Riedler

Ausstellungsansicht Die Sammlung Schedlmayer © Leopold Museum, Wien, Foto: Reiner Riedler

Ausstellungsansicht Die Sammlung Schedlmayer © Leopold Museum, Wien, Foto: Reiner Riedler

Ausstellungsansicht Die Sammlung Schedlmayer © Leopold Museum, Wien, Foto: Reiner Riedler

Aus dem MAK entliehen ist die Ausstellungsvitrine, die gleich zu Beginn eine Ahnung von der Ästhetik Otto Prutschers vermittelt. Vor einer als Wand gestalteten Treibarbeit wölben sich hinter Glastüren Regale, auf denen verschiedenste Gläser nach Prutschers Entwürfen präsentiert werden. 1908 stand dieses Prachtstück im Zentrum des diesem Architekten gewidmeten „Raumes für einen Kunstliebhaber“ in der Wiener Kunstschau. Ein paar Schritte weiter dominieren Möbel das ins Museum ausgelagerte Wohnzimmer. Ein Prunkschrank, ein Salontisch, ein Stuhl mit Perlmutt oder eine Kaminuhr mit Gemälden des Jugendstils sind der noble Rahmen für einige wenige sorgsam ausgewählte Gemälde. Bildnerische Kunst füllt hingegen den dritten und vierten Raum. Die Stile und Techniken sind so verschieden wie die Meister, die dabei am Werk waren und vermitteln dennoch eine durchgehende Linie. Man verweilt vor einem Mädchen mit melancholischen Augen von Jean Egger, wundert sich über einen stehenden Akt von Alfons Walde oder blickt verträumt mit Wilhelm Thöny über die Seine zu Notre Dame. Einige der Bilder sollen als Dauerleihgabe dem Leopold Museum verbleiben, die anderen werden wieder, wie es in der Information zum jeweiligen Objekt angegeben ist, allerdings in Privatbesitz bleiben.

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