Kultur und Wein

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Ausstellungsansichten „Sammlung Klewan“ © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

Ausstellungsansichten „Sammlung Klewan“ © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

DER BLICK AUS DEM RAHMEN Literarisches aus der Schenkung Klewan

Isolde Ohlbaum, Elfriede Jelinek © Leopold Museum, Wien © Isolde Ohlbaum

Isolde Ohlbaum, Elfriede Jelinek © Leopold Museum © Isolde Ohlbaum

Aufgrund der Fülle: Wolkenhängung für Schriftsteller im Porträt

Wenn künstlerisch tätige Menschen auf ihresgleichen treffen, sollte, so möchte man zumindest meinen, die Folge ein gegenseitig inspirierter Höhenflug sein. Wenn es sich nicht um das gleiche Metier handelt, besteht diese Chance durchaus. So kann man sich bis 29. August 2022 im Leopold Museum davon überzeugen, wie aufschlussreich Maler ihre Hochachtung vor dem Werk und der Persönlichkeit von Literaten auszudrücken vermochten. Zu verdanken haben wir diesen Einblick in die höheren Sphären einer beziehungsreichen Kunstwelt dem langjährigen Galeristen, Verleger und leidenschaftlichen Sammler Helmut Klewan. Er hat dem Leopold Museum 350 Werke geschenkt, mit einem guten Anteil an Porträts von Schriftstellern, ausgeführt in allen nur möglichen Medien und Techniken, überwiegend auf Papier von der Radierung bis zur Fotografie. Vom Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Stefan Kutzenberger wurde ein Teil davon unter dem Titel „Der Blick aus dem Rahmen. Schenkung Klewan“ (bis 29. August 2022) zu einer beeindruckenden Ausstellung komponiert, im musikalisch anmutenden Rhythmus einer vielsätzigen Sonate, die an den Wänden eines Saales im Untergeschoss die durchwegs kleinformatigen Bilder in Form einer Wolkenhängung zum Klingen bringt, vorausgesetzt man hört die feinen Töne.

Pablo Picasso, Honoré de Balzac © Leopold Museum © Succession Picasso/Bildrecht, Wien 2022
Dodi Reifenberg, Gertrude Stein © Leopold Museum © Bildrecht, Wien 2022

l.: Pablo Picasso, Honoré de Balzac (1799–1850), 1952 © Leopold Museum, Wien – Schenkung Helmut Klewan, Foto: Leopold Museum, Wien © Succession Picasso/Bildrecht, Wien 2022

r.: Dodi Reifenberg, Gertrude Stein (1874–1946), 2006 © Leopold Museum, Wien – Schenkung Helmut Klewan, Foto: Leopold Museum, Wien © Bildrecht, Wien 2022

Wie ein Kontrapunkt wurde als grobe Struktur eine Ländereinteilung geschaffen, die jedoch aufgrund der Weltläufigkeit sowohl von Maler als auch Porträtierten nicht immer eingehalten werden kann. So verbindet bereits die von Isolde Ohlbaum für Elfriede Jelinek geschaffene Fotografie die beiden Nationen Deutschland und Österreich. Georg Eisler, geboren in Wien, hat wiederum den Franzosen Charles Baudelaire 1980 in einem seiner imaginären Porträts ins 20. Jahrhundert geholt und Pablo Picasso in gleicher Blickrichtung dem aus Tours gebürtigen Honoré de Balzac mit ein paar Strichen unbestechliche Menschenkenntnis ins Gesicht gezeichnet. Freilich finden sich in den Wolken genügend Verbeugungen vor schreibenden Landsleuten. August Rodin hat 1885 Victor Hugo und 1966 Salvador Dalí den von ihm verehrten Miguel de Cervantes Saavedra in einem Porträt gewürdigt. Gemeinsam ist aber allen den bildnerischen Arbeiten das Bestreben, dem literarischen Werk der Dargestellten gerecht zu werden und einen Eindruck von deren Kunst in den jeweiligen Gesichtern fühlbar zu machen.

ALFRED KUBIN, Unser aller Mutter Erde, 1902 © Leopold Privatsammlung

ALFRED KUBIN, Unser aller Mutter Erde, 1902 © Leopold Privatsammlung © Eberhard Spangenberg, München/Bildrecht, Wien 2022

ALFRED KUBIN im Dialog mit Angst und Schrecken

ALFRED KUBIN, Der Tod als Reiter, 1906 © Leopold Museum, Wien

ALFRED KUBIN, Der Tod als Reiter, 1906 © Leopold Museum, Wien

Einer, der es verstanden hat, die Abgründe des Daseins als Kunst zu vertiefen

Was würde Alfred Kubin (1877-1959) heute zeichnen? Ihm stünde eine Realität zur Verfügung, die vieles von dem übertrifft, was er aus seinem Kapital, der Angst, ein Leben lang an Finsternis und Grausamkeit an Renditen geschlagen hat. Das Ergebnis bleibt unserer Vorstellungskraft überlassen, der es freisteht, eine bittere Collage aus seinen düstersten Werken zu diesem unbeschreiblichen Höhepunkt an Unmenschlichkeit, wie er uns von den Nachrichtensendern seit 24. Februar 2022 geboten wird, zu schaffen. Immerhin hat Kubin selbst zwei Weltkriege durchgestanden, den Zusammenbruch einer über Jahrhunderte bewährten Monarchie zur Kenntnis nehmen müssen, er hat etliche Pandemien überlebt und ist einigermaßen unbeschadet durch wirtschaftliche Zusammenbrüche geschlittert. So wurden er und seine Kunst zum Zerrspiegel all dieser Umstände, an denen andere zerbrochen sind, stets im Bewusstsein seiner Rolle eines „Organisators des Ungewissen, Zwitterhaften, Dämmerigen, Traumhaften“.

ALFRED KUBIN, Der Krieg, 1907 © Städtische Galerie im Lenbachhaus

ALFRED KUBIN, Der Krieg, 1907 © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

KARL MEDIZ, Roter Engel, 1902 © Archiv Attersee | Foto: Archiv Attersee

KARL MEDIZ, Roter Engel, 1902 © Foto Archiv Attersee

Das Leopold Museum bietet bis 24. Juli 2022 in einer umfangreichen Ausstellung Werke von Alfred Kubin gemeinsam mit anderen Meistern des Abgründigen mit dem Titel „Alfred Kubin. Bekenntnisse einer gequälten Seele“. Die großzügig präsentierten Bilder und Archivmaterialien erfordern vom Betrachter weit mehr als wohliges Gruseln am Abartigen. Es sind Lost Places des Daseins, die, jeder für sich, eine durchaus problematische Aufgabe darstellen, sofern man es wagt, sich ihnen mit gebotener Aufmerksamkeit auszuliefern.

Ausstellungsansichten Alfred Kubin © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

Ausstellungsansichten Alfred Kubin © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

Eine tröstliche Handreichung bietet die Einteilung der Themenbereiche. Den Anfang macht der „Sturz von Visionen schwarz-weißer Bilder“, der Kubin angesichts der Radierungen von Max Klinger heimgesucht hat. Von diesem Erweckungserlebnis zu einem wahren Schaffensrausch ausgehend taucht man in „Traumwelten, groteske Maskeraden und beängstigende Mischwesen“ ein und trifft bei der Gelegenheit auf Visionen, wie sie auch einen Fransisco de Goya oder James Ensor gequält haben. Es folgen „Apokalypse und Krieg“, in denen der Tod, teils bis zur Karikatur verzerrt, seinen großen Auftritt hat. Die Angst der Geschlechter voreinander wird in „Frauenbilder der Decadence, Dämonisierung des Weiblichen und männliche Allmachtsprojektionen“ sichtbar gemacht – ein dankbares Genre, (nach Nietzsche) Menschliches, Allzumenschliches aufzuarbeiten. Über das selbstredende „Individuum in der Krise, Monströse Gewalten und ohnmächtiges Ausgeliefertsein“ bewegt sich die Schau zu „Urzeitlichen Kosmen und unheimlichen Orten“, um die Rolle der Mutter von der Lebensspenderin nach der krausen Ansicht eines Johann Jakob Bachofen ohne Umweg über die Tage des von ihr geborenen Menschen auf Erden als Todbringerin zu verdammen. Bilder, die Naturkatastrophen wie Hochwasser und Stürme so drastisch wie nur möglich wiedergeben, kommentieren im letzten Raum eines der letzten Worte von Alfred Kubin, gesprochen zu seinem Arzt auf dem Totenbett: „Nehmen Sie mir meine Angst nicht, sie ist mein einziges Kapital.

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