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Einblick in die Ausstellung HAGENBUND © Leopold Museum, Wien, Foto: Leni Deinhardstein

Einblick in die Ausstellung HAGENBUND © Leopold Museum, Wien, Foto: Leni Deinhardstein

HAGENBUND Von gemäßigter zu radikaler Moderne

GEORG JUNG, Der Irrtum, 1920/21 © Privatsammlung, Salzburg Foto: Privatsammlung Salzburg

GEORG JUNG, Der Irrtum, 1920/21 © Privatsammlung, Salzburg Foto: Privatsammlung Salzburg © Bildrecht, Wien 2022

Das Best-of einer österreichischen Künstlergemeinschaft zwischen 1900 und 1938

Ein Wirt war Namensgeber dieser Vereinigung von Künstlern, die dem Beispiel der Secessionisten folgten und anno 1900 dem in ihren Augen zu konservativen Wiener Künstlerhaus den Rücken kehrten. Das Gasthaus „Zum blauen Freihaus“ in der Gumpendorfer Straße war damals längst ein Treffpunkt für aufstrebende Maler, Bildhauer und Architekten, die sich als Verbeugung vor dessen Besitzer Josef Haagen – er hatte wohl ein Herz und manches Freibier für die jungen Leute in ihren brotlosen Gewerben – „Haagengesellschaft“ nannten.

Der nun von etlichen der als Stammgäste anwesenden Künstlern gegründete „Hagenbund“ eliminierte zwar das zweite A aus dem Namen, hatte jedoch nichts mit Siegfrieds Mörder am Hut. Man wollte ausstellen, ohne dem Diktat einer innovationsfeindlichen Institution ausgeliefert zu sein. Vielleicht war die Wiener Secession manchen von ihnen zu avantgardistisch, dennoch waren sie fortschrittlicher als das traditionsbehaftete Künstlerhaus.

So wurde der Hagenbund ein Sammelbecken von gemäßigt neuen Ideen und deren Vertreter. Neben der größten Gruppe von Malern stießen Bildhauer, Kunsthandwerker und Architekten dazu. Ihre erste Ausstellung gab es in der renommierten Galerie Miethke, bevor sie nach einem Ausflug nach München in einer ehemaligen Markthalle in der Zedlitzgasse in der Innenstadt zumindest bis 1913 Heimat fanden. Trotz der Wirren der folgenden Jahrzehnte – Erster Weltkrieg, Ende der Monarchie, eine darauf folgende wirtschaftlich katastrophale Zeit und der Ständestaat – wurde diese Vereinigung zu einer Plattform der Moderne, die jüngste Kunstrichtungen in Wien etablierte. 1938, mit dem Einmarsch der Deutschen und dem auch auf Österreich ausgedehnten Begriff der „entarteten Kunst“ löste sich der Hagenbund auf, Mitglieder wurden in Konzentrationslager gesperrt und dort ermordet oder zur Flucht getrieben.

ROBERT KLOSS, Terzetta, 1922 (Detail) © Sammlung Oesterreichische Nationalbank

ROBERT KLOSS, Terzetta, 1922 (Detail) © Sammlung Oesterreichische Nationalbank, Foto: Graphisches Atelier Neumann

Wenn sich das Leopold Museum einer solchen Gemeinschaft annimmt, darf getrost erwartet werden, dass ein guter Teil der gezeigten Werke aus eigenem Bestand stammen. Direktor Hans-Peter Wipplinger schätzt den Beitrag seines Hauses auf ein Viertel bis ein Drittel. Die von ihm, Dominik Papst und Stefan Üner kuratierte Ausstellung „HAGENBUND Von der gemäßigten zur radikalen Moderne“ (bis 6. Februar 2023) versammelt, so Wipplinger, eine spezifische Auswahl jener herausragenden österreichischen Positionen, welche gleichsam die Höhepunkte der Vereinigung markieren. Dazu gehören zweifellos die auf den ersten Blick als solche erkennbaren Tierskulpturen von Franz Barwig, das ergreifende Selbstporträt von Fritz Schwarz-Waldegg oder der Rausch von Farben und Formen im abstrakt anmutenden Gemälde „Der Irrtum“ (1920/21) von Georg Jung.

LUDWIG FERDINAND GRAF, Decamerone, 1921 © Ernst Ploil, Wien, Foto: Leopold Museum, Wien

LUDWIG FERDINAND GRAF, Decamerone, 1921 © Ernst Ploil, Wien, Foto: Leopold Museum, Wien

Egon Schiele ist mit vier Gemälden vertreten, die schon 1912 in der „Frühjahrsausstellung“ zu sehen waren. Diese Schau wurde im Kaiserhaus, speziell von Thronfolger Franz Ferdinand, äußerst negativ aufgenommen. Zudem drohte die Delogierung aus der Zedlitzhalle. So sollen speziell die Gemälde von Oskar Kokoschka – im Leopold Museum wird dazu das Stillleben mit Hammel und Hyazinthe (1910) gezeigt – den Unwillen von Funktionären der Stadt Wien erregt haben. Überdies fanden auch Frauen in dieser Gemeinschaft ihren Platz, wenngleich eher nur am Rande. Aber Helene Funke, Johanna Kampmann-Freund, Lilly Steiner oder Franziska Zach waren dennoch anerkannte Malerinnen und deren Werke immer wieder Teil von Ausstellungen des Hagenbundes.

Dessen Hauptmerkmal ist aber Schritt für Schritt durch die Säle des Museums unübersehbar. Es herrschte eine unglaubliche Offenheit gegenüber Stilen und Gattungen, weder das Religionsbekenntnis noch die politische Ausrichtung waren maßgeblich für eine Mitgliedschaft. Davon kann man sich an eine Reihe von Themen überzeugen. Es beginnt mit der Landschaftsmalerei, geht weiter zum Schwerpunkt Joseph Urban und die Kaiser-Huldigungs-Ausstellung 1908, der Plattform der Avantgarde, den Künstlerinnen im Hagenbund als essentielle Konstante, über arkadische Sehnsuchtsorte, sich auflösende Formen und sozialkritische Ansätze über das titelgebende Anliegen „von der gemäßigten zur radikalen Moderne“ bis zum schicksalhaft anmutenden Finale dieser in ihrer Vielfalt einmaligen künstlerischen Vereinigung.

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