Kultur und Wein

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MAK-Ausstellungsansicht Thonet und das moderne Möbeldesign © MAK/Georg Mayer

THONET Werk und Geschichte einer Sessel-Legende

Firmenzeichen der Gebrüder Thonet in der Ausstellung im MAK © MAK/Georg Mayer

Die ästhetische Faszination von kunstvoll handwerklich gebogenem Holz

Jeder Katalog diverser Möbelhäuser muss gegen das prächtige Buch verblassen, das anlässlich der Ausstellung „BUGHOLZ, VIELSCHICHTIG Thonet und das moderne Möbeldesign“ (bis 13. April 2020) erschienen ist. Die Seiten sind großteils zwar nur mit Abbildungen von Sitzgelegenheiten gefüllt, die aber haben es in sich. Allein das Modell Nr. 14, Wien, (Ausführung: 1890-1918) ist eine wunderbare Erinnerung an längst vergangene Wiener Kaffeehausgemütlichkeit. Seit 1859 wird dieser Stuhl produziert und stieg auf zur Ikone, zum Langstreckenläufer in diesem urösterreichischen Ambiente. Auf solchen Sesseln sitzend verbrachten die Kaffeehausliteraten Peter Altenberg, Karl Kraus und Co. Tage um Tage, um in dichten Rauchschwaden ihrer Pfeifen und Zigarren ein Glas Wasser nach dem anderen zum einzigen kleinen Braunen zu schlürfen, mit dem neuesten Aufriss anzugeben und über Gott und die Welt zu streiten. Freilich dürften diese Herrn damals noch gewusst haben, wem sie das bequeme Sitzmöbel zu verdanken hatten: Dem Tischlermeister Michael Thonet (1796-1871).

Gebrüder Thonet, Sessel, Modell Nr. 14, Wien, 1859 (Ausführung: 1890–1918) © MAK/Georg Mayer

Er war Mitte des 19. Jahrhunderts von Boppard am Rhein nach Wien gekommen, wo eine einzigartige Erfolgsgeschichte ihren Ausgang nahm. Thonet hatte die Bugholztechnik entwickelt, die es ermöglichte, massivem Buchenholz alle nur möglichen Formen zu verleihen. Zudem gelang die industrielle Herstellung dieser Möbel, denn bald stellte sich eine gewaltige Nachfrage ein, die nur in großem Stil bewältigt werden konnte. Der Name Thonet wurde zum Inbegriff nobler Niederlassung des Allerwertesten.

Gebrüder Thonet, Sessel, Modell Nr. 8, Wien, um 1860 © Wolfgang Thillmann/MAK

Knapp 240 Exponate umfasst die vom MAK-Kurator Sebastian Hackenschmidt und dem Gastkurator Wolfgang Thillmann, einem hochkarätigen wissenschaftlichen Experten für die Geschichte von Thonet, gestaltete Ausstellung. Zwischen den hauseigenen Beständen des Museums finden sich Leihgaben, die, wie Thillmann betont, nur der Qualität des MAK geschuldet sind. Andere Häuser hätten diese wohl gar nicht bekommen. Platz gefunden haben auch Möbelideen der jüngeren Gegenwart.

Immerhin war Thonet ein Vorreiter der reduzierten Form, der heute gepriesenen Neuen Sachlichkeit. Zum Holz kam ab den 1930er-Jahren auch Metall, das die Firma zum weltweit größten Produzenten von Stahlrohrmöbeln aufsteigen ließ. So kommt es, dass diese Wanderung durch ein fantastisches Einrichtungshaus des 19. und 20. Jahrhunderts Bugholzmöbel mit Stahlrohrmöbeln, Plastiksessel und klassische Bürostühle mit avantgardistischen Möbelexperimenten einträchtig begleiten. Auf diesem Weg gibt es eine Fülle an Anregungen, seine private Bleibe stylish einzurichten, erstaunlicherweise mit einem Design, das auf eineinhalb Jahrhunderte zurückblicken kann.

Es hat seit dem späten Biedermeier nichts von seiner Aktualität verloren, stellte im Jugendstil und Art Deco Künstler und Architekten wie Otto Wagner, Kolo Moser oder Josef Hoffmann vor kreative Herausforderungen und hat sich dennoch bis heute nicht wesentlich verändert. Egal ab man Sperrholzplatte oder das sensible Geflecht bevorzugt, ob der Rahmen braun oder schwarz ist und die Lehne eine oder mehrere Schleifen aufweist, stets ist auf den ersten Blick zu erkennen, dieser Sitzende hat Stil.

breadedEscalope, Schaukelstuhl Erlkönig, Wien, 2011 © MAK/Georg Mayer
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