Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


MAK-Ausstellungsansicht © Aslan Kudrnofsky/MAK

BAKELIT Das Material der 1.000 Möglichkeiten

Miniaturauto, nach 1940 Ausführung: Tatra, Tschechien © MAK/Georg Mayer

Nostalgisches Staunen mit der Sammlung Georg Kargl

Chemisch gesehen und grob gesagt besteht der Kunststoff Bakelit aus dem Kohlenwasserstoff Phenol, einem Abfallprodukt der Steinkohldestillation, die Anfangs des 20. Jahrhunderts noch in großem Stil eingesetzt wurde. Sein Erfinder hieß Leo Hendrik Baekeland (1863-1944), ein belgischer Chemiker, der das neue vollsynthetische Material nach sich benannte. Mit seiner Markteinführung 1920 trat Bakelit einen Siegeszug durch die Industrie an. Es war nach dem Erkalten hart, hitze- und säurebeständig. Die eben anspringende Elektrifizierung hatte damit ein Material zur Hand, das sich in Massenproduktion, dem „Machine Age“, herstellen ließ und in ungeahnter Vielseitigkeit einsetzbar war. Es diente als Isolator ebenso wie als Gehäuse der mehr und mehr in Gebrauch kommenden elektrischen Geräte. So stürzten sich Unternehmen wie die Eastman Kodak Company darauf, um damit das bis dahin verwendete schwere Holz der Kameras zu ersetzen. Der erste diesbezügliche Fotoapparat wurde liebevoll „Brownie“ genannt.

Tisch-Ventilator, 1930er Jahre Ausführung: AEG © MAK/Georg Mayer

Den Fotografen diente man den ungewöhnlich kleinen und leichten Apparat mit dem Slogan „Not a toy, but a camera“ an. Nebenbei wurden so neue Käuferschichten erschlossen, die sich damit nun das Knipsen leisten konnten. Von der Thermosflasche über das Radio bis zur Tischlampe, Bakelit war allgegenwärtig und nicht zuletzt eine Revolution. Designer traten auf den Plan und schufen mit dem „Material der 1.000 Möglichkeiten“, wie es ehrfürchtig benannt wurde, eine verspielt eine neue Formsprache der Alltagsgegenstände.

Thermoskanne mit Tablett, 1930 © MAK/Georg Mayer

Design und Kunst sind nicht voneinander zu trennen. Die Brücke mit dem Bakelit war leicht zu schlagen. Wenngleich es nur in dunklen Farben herstellbar war, wurde damit dennoch ein erstaunlich ästhetischer Effekt erzielt. Fortschritt und Bakelit waren in eins verschmolzen. So ließ sich die Streamline nun auf Modellen von Flugzeugen und Autos visualisieren und wurde nebenbei, nicht zuletzt aufgrund der Verringerung des Luftwiderstandes, in die praktische Formgebung des Art déco integriert.

Über die Kunstschiene kam eine Unzahl von Bakelit-Kunst-Gegenständen auch in den Besitz des Wiener Galeristen Georg Kargl. Seine Sammlung umfasst den Zeitraum 1930 bis 1970 und enthält so ziemlich alles, was im technischen Amerika, im designverliebten Italien und sonst wo auf der Welt aus Bakelit produziert worden war. Nur eine winzige Auswahl: Ventilatoren, Haarföhne, Kaffeemühlen, das gute alte Telefon mit der Wahlscheibe, futuristische YUMO-Lampen und, und...

Bis 26. Oktober 2020 ist die Ausstellung „BAKELIT. Die Sammlung Georg Kargl“ zu sehen, arrangiert in einem eigens dafür entwickelten Ausstellungsdisplay durch den Künstler Mladen Bizumic, eingeteilt in 14 Sachgruppen, mit ausführlicher Information und einer großzügigen zentralen Schütte. Man darf sich nostalgisch erinnern, mehr nicht, denn das weder abbau- noch resyclebare Vollsynthetik-Material hat in der neuen Zeit des Umbruchs zu einem neuen Produktionszeitalter ausgedient – aber schön war es doch!

Tischlampen, 1945 Entwurf: Yves Jujeau, André Mounique © MAK/Georg Mayer

Raimund Abraham, Megabridge, 1964 © MAK/Georg Mayer

RAIMUND ABRAHAM Visionäre Architektur mit Poesie der Avantgarde

Raimund Abraham, Kugel-Projekt, 1991 © MAK/Georg Mayer

Zeichnungen, Modelle, Prototypen von baubaren und fantastischen Häusern

Ein Haus soll eine Stadt für vier Bewohner sein, meinte der österreichisch-amerikanische Architekt Raimund Abraham (1933-2010). Damit schien ihm jedoch nicht ausgeschlossen, dass Gebäude einfach auch nur gedachte Gebilde sind, ohne Räume, zu zwei Hälften zerschnitten oder als Universal House eine Kugel. Das House with Courtains ist eine geflochtene Kiste und ein Skelett aus Stahlträgern wurde von ihm schon 1972 mit Blumen zugeputzt. Immer wieder nähert sich die architektonische Form der Kunst, zumal den Mittelpunkt Dreieck und Kreis bilden und damit eher eine Skulptur und Kunst denn ein praktischer Bau sind. So klingt auch ihm Titel der Personale im MAK im Kunstblättersaal feine Poesie an: RAIMUND ABRAHAM. Angles and Angels (bis 18. Oktober 2020). Abraham entwickelte sein Œuvre in enger Verbindung zu Kunst, Philosophie, Literatur und Film. Ausgehend von der Zeichnung als Denkmodell für sein visionäres Werk werden etwa 50 Skizzen, Collagen, Modelle und Entwürfe zu realisierten und unrealisierten Projekten sowie Prototypen von Möbeln gezeigt.

MAK-Ausstellungsansicht, 2020 RAIMUND ABRAHAM © Aslan Kudrnofsky/MAK

Sie loten das Spannungsfeld zwischen individuellen und gesellschaftspolitischen Herausforderungen seiner Zeit aus und dürfen durchaus als eigenständige, an Phantastischen Realismus gemahnende Werke genossen werden.

 

Zu erfahren ist auch, dass sich Raimund Abraham viel mehr als Theoretiker denn als bauender Architekt verstand. Im Manifest EYES DIGGING (2001) werden sein forschender Zugang zu Architektur und die Bedeutung visionärer Schriftsteller, Philosophen, Dichter, Theoretiker und Komponisten wie Stéphane Mallarmé, James Joyce, Ludwig Wittgenstein und Arnold Schönberg für seine experimentelle architektonische Praxis deutlich. In seine elementaren, reduzierten Entwürfen ließ er archetypische und neo-futuristische Grundformen einfließen. Gemeinsam mit Hans Hollein und Walter Pichler vermittelte er den US-Amerikanern eine Ahnung vom avantgardistischen Aufbruch in der Alten Welt. 1967/68 bespielten sie in der Ausstellung Architectural Fantasies: Drawing from the Collection das MoMA. Filmregisseur Jonas Mekas widmete Abraham mit Scenes from the Life of Raimund Abraham (2013) eine sechsstündige Hommage, die als Teil des Rahmenprogramms am 25.8., 5.9., 22.9. und 26.9.2020 im MAK - Vortragssaal gezeigt wird.

Spektakulär war auch der Neubau des Austrian Cultural Forum in New York, das zu den bedeutendsten Beiträgen zeitgenössischer Architektur in Manhattan zählt. Von dort spannt sich ein persönlicher Bogen in den Kunstblättersaal anno 2020. Der jetzige Leiter des MAK, Christoph Thun Hohenstein, begleitete als damaliger Direktor des Austrian Cultural Forum (September 1999 – August 2007), das 1942 als Institution des Widerstands während des nationalsozialistischen Regimes aus privater Initiative gegründet worden war, die Fertigstellung und Eröffnung des neuen Gebäudes und war für die inhaltliche Bespielung des Hauses bis 2007 verantwortlich.

Raimund Abraham, Universal House, 1967 © MAK/Georg Mayer
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