Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


osef Hoffmann, Ruhebett © Nathan Murrell/MAK

Josef Hoffmann, Ruhebett aus dem Boudoir d’une grande vedette [Boudoir für einen großen Star], © Nathan Murrell/MAK

JOSEF HOFFMANN und die Einheit von Kunst und Funktion

Josef Hoffmann, Porzellanservice „Melone“ © MAK/Katrin Wißkirchen

Josef Hoffmann, Porzellanservice „Melone“ © MAK/Katrin Wißkirchen

Ein unerschütterlicher Gestaltungsdrang zum Schönen über Moden und Regime hinweg

Wer kennt nicht das blau-weiß gestreifte Kaffeeservice, die Sessel, die auf den ersten Blick der Wiener Werkstätte zuzuordnen sind, oder das Sanatorium Purkersdorf, das vom mondänen Krankenhaus zum Schauplatz von Paulus Mankers Stationentheater geworden ist?! Sie alle tragen die Handschrift von Josef Hoffmann: Architekt, Designer, Lehrer und Ausstellungsmacher, dessen Werke nach wie vor teuer gehandelt werden, so sie überhaupt noch im Handel vertreten und nicht in einem Museum gelandet sind. Dass der damit verbundene Eindruck, Hoffmann hätte nur für die bessere Gesellschaft gearbeitet, seiner Persönlichkeit nicht im geringsten gerecht wird, ist eines der Anliegen der Retrospektive, übrigens der ersten zu diesem vielseitigen Genie, die bis 19. Juni 2022 im MAK gezeigt wird. Anlass wäre der 150. Geburtstag am 15. Dezember 2020 gewesen, der allerdings aus allzu bekannten Gründen nicht eingehalten werden konnte. Der Titel „JOSEF HOFFMANN Fortschritt durch Schönheit“ lässt bereits anklingen, wenn der damals noch amtierende Generaldirektor Christoph Thun-Hohenstein im Katalog schreibt, Hoffmanns bleibende Errungenschaft – und damit ein wesentlicher Baustein der Wiener Moderne – ist der Glaube an die lebensverbessernde, ja den Menschen heilende Kraft von Schönheit. Weiters heißt es dort: Unbändige Lust an der Gestaltung, die im ganzen Werk Hoffmanns spürbar ist, verbindet sich mit unerschütterlichem Reformdrang, über angewandte Schönheit positiv auf das Leben der Menschen einzuwirken. Gemeint sind damit nicht nur solche mit entsprechendem Vermögen, sondern alle, die wiederum speziell im Bereich Architektur zu Nutznießern wurden und zweifellos bis heute sind. So gehen leistbare Wohnsiedlungen und Gemeindebauten ebenso auf Hoffmanns Pläne zurück wie öffentliche Gebäude zum Wohle der Allgemeinheit, allesamt ausgezeichnet mit dem Willen, Kunst und Funktion zu vereinen.

Josef Hoffmann, Atelierschrank © MAK/Georg Mayer

Josef Hoffmann, Atelierschrank © MAK/Georg Mayer

Josef Hoffmann, Vase aus einem Toiletteservice © Peter Kainz/MAK

Josef Hoffmann, Vase aus einem Toiletteservice © Peter Kainz/MAK

Die Ausstellung ist als Rundgang durch das Leben von Josef Hoffmann angelegt, mit Wandtexten, die freistehende und in Vitrinen präsentierte Objekte begleiten. Sein Professor für Architektur war Otto Wagner. Als dessen Lieblingsschüler erhält er ein Romstipendium und kann Italien bereisen. Hoffmann ist fasziniert von der einfachen Bauweise auf dem Land und erstellt reihenweise Skizzen, die gleich zu Beginn der Schau sein gewaltiges zeichnerisches Talent beweisen. Vielleicht ist damit eine der Forschungslücken gemeint, die das Kuratorenteam Matthias Boeckl, Rainald Franz und Christian Witt-Dörring mit diesem Projekt schließen wollten. In 20 Kaptiteln nähern sie sich mit mehr als 1000 Exponaten diesem mehr als umfangreichen Lebenswerk. Man trifft auf Modelle wie dem Palais Stoclet in Brüssel oder dem österreichischen Pavillon für die Werkbundausstellung in Köln 1914.

Ausstellungsansicht, 2021 Josef Hoffmann © MAK/Georg Mayer

MAK-Ausstellungsansicht, 2021 Josef Hoffmann. Fortschritt durch Schönheit © MAK/Georg Mayer

Es wird aber auch nicht verschwiegen, dass sich der früh prominent gewordene Architekt sowohl im Ständestaat und seinem Austrofaschismus als auch in der NS-Zeit den jeweiligen Machthabern angedient hat. Es gab Aufträge und Arbeit, die der Kreativität Hoffmanns ein Ventil verschafften; was keine Entschuldigung dafür sein kann, dass er 1939 den Ehrenvorsitz des von einem zuvor illegalen Nationalsozialisten geleiteten „Wiener Kunsthandwerksvereins“ angenommen oder u. a. vom Reichsstatthalter in Österreich, Arthur Seyss-Inquart, Aufträge entgegengenommen hat. Ein Entwurf von 1940 zeigt Haupteingang und Straßenfassade des Hauses der Wehrmacht mit Reichsadler und Hakenkreuz.

 

Nach dem Krieg erfolgt umgehend die Rehabilitierung. Während Hoffmann sein Spätwerk schafft, heimst er Auszeichnungen wie den Großen Staatspreis 1959 oder 1951 den Doktor h.c. sowohl der Technischen Hochschule Wien als auch Dresden ein. Er ist zeitweilig Präsident und Ausschussmitglied der von ihm einst mitbegründeten Secession und hat im Kunstsenat der jungen Zweiten Republik ein gewichtiges Wort mitzureden. Er stirbt am 7. Mai 1956 an einem Schlaganfall in Wien und wird in einem Ehrengrab, gestaltet von Fritz Wotruba, am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.

Ferdinand Laufberger, Entwurf für ein Bogenfenster © MAK

Ferdinand Laufberger, Entwurf für ein Bogenfenster in der Rotunde für die Wiener Weltausstellung 1873, Wien, 1872 © MAK

KLIMTS LEHRER Meister im Schatten ihres Lehrbuben

Ferdinand Laufberger, Das Blinde-Kuh-Spiel, Wien, 1865 © Otmar Rychlik

Ferdinand Laufberger, Das Blinde-Kuh-Spiel, Wien, 1865 © Otmar Rychlik

Die Kunstgewerbeschule als Kaderschmiede im Wien des 19. Jahrhunderts

Der Vater war ein aus Böhmen stammender Goldgraveur, der sich in Baumgarten, heute 14. Bezirk) niedergelassen hatte. Von den sieben Kindern waren drei Buben: Gustav (*1862), Ernst (*1864) und Georg (*1867), drei begabte Burschen, die trotz einfacher Verhältnisse im Elternhaus einer nach dem anderen in die seit 1867 bestehende Kunstgewerbeschule eintreten durften und dort mit entsprechendem Fleiß ihren Studien nachgingen. Im Gegensatz zur Akademie wurde an diesem Institut Kunst als Gesamtheit gelehrt, also nicht von vornherein zwischen Malern, Bildhauern und Architekten unterschieden. Dennoch war es das Privileg nur der Talentiertesten, dort unterrichtet zu werden. Steht man heute bewundernd vor den Werken Gustav Klimts, kommt einem kaum in den Sinn, dass diese Jahre und eine Reihe von Lehrern dafür prägend waren. Eine Ausstellung im MAK dokumentiert bilderreich nun diesen Einfluss. Kurator ist der freischaffende Kunsthistoriker Otmar Rychlik, ein wunderbarer Erzähler, der weiß, wie man Zusammenhänge offenlegt und so geschickt aufbereitet, dass sich dem Betrachter das Interesse an neuem Wissen förmlich aufdrängt.

Friedrich Sturm, Entwurf für eine Wanddekoration © MAK

Friedrich Sturm, Entwurf für eine Wanddekoration © MAK

Ferdinand Laufberger, Arma Christi, Entwurf © MAK

Ferdinand Laufberger, Arma Christi, Entwurf © MAK

An sich sagt der Titel „KLIMTS LEHRER Jahre an der Kunstgewerbeschule“ (bis 13. März 2022) bereits alles und enthält doch so viel bisher Unbekanntes, um einen Rundgang durch die klar strukturierte Ausstellung zu einer Entdeckungsreise von Künstlern zu machen, die zu Unrecht von Kunstfreunden vergessen und von einem gnadenlosen Markt zu wenig gesuchten Versteigerungsobjekten herabgewürdigt wurden. Den Anfang macht allerdings ein hochbezahltes Gemälde von Makart (Entwurf für das Schlafzimmer der Kaiserin Elisabeth in der Hermesvilla, 1882). Es soll lediglich dazu dienen, die Überladenheit im Werk dieses Stars der Salons zu zeigen. Als Gegensatz dient ein klares Porträt von Rudolf Eitelberger von Edelburg (zugeschrieben Carl Rahl), einem Förderer der Klimtbrüder Gustav und Ernst sowie Franz Matsch und deren erfolgreicher „Malerkompanie“. Unter „Klimts Lehrjahre“ folgen frühe Arbeiten von Gustav Klimt, entstanden zwischen 1878 und 84.

MAK-Ausstellungsansicht, 2021 KLIMTS LEHRER © MAK/Georg Mayer

MAK-Ausstellungsansicht, 2021 KLIMTS LEHRER © MAK/Georg Mayer

„Von ihm habe ich alles gelernt“, soll Gustav Klimt über Ferdinand Laufberger, einem Professor an der Kunstgewerbeschule, gesagt haben. In einer Vitrine ist eine Photographie zu sehen, das die Klasse Laufbergers mit Gustav und Ernst Klimt an dessen Seite zeigt. Dieser Maler war bereits 1860 in Paris mit dem aufkommenden Impressionismus in Berührung gekommen und gab die Präzision in der Genremalerei an Klimt weiter, vor allem aber den Blick auf die charaktervolle Figürlichkeit der dargestellten Menschen wie in „Der Narrenabend des Wiener Männergesangsvereins“ von 1866, einer Karikatur im besten Sinn. Ein anderer, der zur Perfektion von Klimts fotorealistischem Zeichnen und Malen beigetragen hat, war Michael Rieser, dessen Hochaltarfries in der Wiener Schottenkirche unter „Glaubensbilder“ neben Entwürfen für Glasfenster diesen Themenbereich bestreicht. Die von Reiser hinterlassenen Spuren im Werk Klimts manifestieren sich u. a. in der Verwendung von Gold als wertvollen, überirdischen Hintergrund. Als weitere inspirierende Vorbilder kommen dazu Ludwig Minnigerode als Porträtist und der Blumenmaler Friedrich Sturm. Immer wieder stehen in den elf Kapiteln dieser Schau die entsprechenden Bilder Klimts den Werken dieser Meister gegenüber, die zwar zur Vervollkommnung ihres Schülers beigetragen haben, aber nicht desto trotz in dessen Schatten stehen müssen.

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