Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Franz Hagenauer, Tafelaufsatz, 1930 Alpaka, versilbert © MAK/Georg Mayer

Franz Hagenauer, Tafelaufsatz, 1930 Alpaka, versilbert © MAK/Georg Mayer

WERKSTÄTTE HAGENAUER Design, Kunst und Aschentöter

Carl Hagenauer, Kassette, 1912 Alpaka, versilbert © MAK/Katrin Wißkirchen

Carl Hagenauer, Kassette, 1912 © MAK/Katrin Wißkirchen

Das sehenswerte Firmenarchiv eines Wiener Familienunternehmens

„Wiener Metallkunst 1898-1987“ als Untertitel der Ausstellung im MAK deutet bereits den weiten Bogen an Artefakten, Stilen und Techniken an, die auf die „Werkstätte Hagenauer“ zurückzuführen sind. Grundlage für die Schau war das Familienarchiv, das sich seit 2014 in der sicheren Verwahrung des Museum befindet. Darin befinden sich nicht nur Geschäftunterlagen, sondern auch Fotos, Skizzen, Entwürfe, Modelle, Formen, Rohlinge und Halbfertigprodukte, wie sie der letzte Inhaber Franz Hagenauer hinterlassen hat. Den Anfang gemacht hat Gürtlermeister und Ziseleur Carl Rudolf Hagenauer (1872-1928), der in den Ende des 19. Jahrhunderts boomenden Zweig der kunstindustriellen Metallverarbeitung erfolgreich eingestiegen ist. Über Wiener Bronzearbeiten fand er zum floralen Jugendstil und gelangte schließlich zur reduzierten Formensprache der Wiener Werkstätte. Seine Söhne Karl (1898-1956) und Franz (1906-1986) wurden an der Kunstgewerbeschule ausgebildet und studierten unter anderem bei Josef Hoffmann. Die Palette an Produkten war umfangreich. Sie reichte vom Korkenzieher und Aschentöter über Schalen, Dosen, Vasen, Besteck oder Kerzenleuchter bis zur Ausstattung öffentlicher Gebäude, denen man teilweise bis heute Türschnallen, Portale und Stiegengeländer entdecken kann. Neben dem Inlandsmarkt wurde die Werkstätte bald auch international geschätzt, so auch in den USA, wo im Film „Grand Hotel“ mit Greta Garbo eine Tischlampe prominent ins Bild gesetzt zu bewundern ist.

MAK Ausstellungsansicht, 2022 WERKSTÄTTE HAGENAUER © MAK/Georg Mayer

MAK Ausstellungsansicht, 2022 WERKSTÄTTE HAGENAUER. Wiener Metallkunst 1898–1987 MAK, Wiener Werkstätte © MAK/Georg Mayer

Die Gestaltung der Ausstellung „Werkstätte Hagenauer“ (bis 3. September 2023) entspricht ihrem „metallischen“ Gegenstand insofern, als die Objekte mit ihrem Schimmer sofort den Blick und damit auch das Interesse für „Papier“ in Form von Dokumenten oder Zeichnungen auf sich ziehen.

Schon beim Aufstieg aus der Schausammlung „Wien 1900“ erwartet die Besucher am Ende der Treppe ein überdimensionaler Setzkasten. In den Kästchen findet sich eine originelle Auswahl an Gebrauchsgegenständen, aber auch an Kunstwerken von Franz Hagenauer, der mit unverwechselbaren Skulpturen weit über das übliche Handwerk hinausgegangen ist. Damit ist die Neugier auf einen Rundgang durch etliche Stationen des Wissenserwerbs, in der eine davon auch dem Architekten Julius Jirasek, einem kongenialen Mitarbeiter, gewidmet ist, geweckt. Verantwortlich für die Gestaltung ist das Designstudio POLKA (Monica Singer und Marie Rahm), dem es durchaus gelungen ist, nicht nur die Familie Hagenauer und deren Werke, sondern auch ein Metier ins Bewusstsein zu rufen, das es wert ist, in seiner Besonderheit einem breiten Publikum ausführlich vorgesellt zu werden.

Carl Hagenauer, Spiegelrahmen, 1902 Zeitgenössisches Foto © MAK

Carl Hagenauer, Spiegelrahmen, 1902 Zeitgenössisches Foto © MAK

La doble historia de un vaso de leche, 2007 © Neue Sammlung Friedrich Heller

La doble historia de un vaso de leche, 2007 Gestaltung und Text: Menena Cottin © Neue Sammlung Friedrich C. Heller

BILDERBUCHKUNST Von Märchen über Krisen zu Fast Nichts

A Guerra, 2018  © André Letria Neue Sammlung Friedrich C. Heller

A Guerra, 2018 © André Letria Neue Sammlung Friedrich C. Heller

Schaubücher als Spiegel künstlerischer Tendenzen und gesellschaftlicher Themen

Man will so gerne blättern, schmökern und das Papier spüren. Glasvitrinen machen das sinnliche Erlebnis aber unmöglich. Einige wenige Ausnahmen kann man zumindest per Video durchsehen, wie das ergreifende Bilderbuch „Auschwitz“. Es stellt den Holocaust dar, die wohl schrecklichste menschliche Katastrophe der jüngeren Zeit. Farbmalereien von Serena Viola zu den Songtexten von Francesco Guccini machen sie für Kinderseelen erträglich und für Erwachsene doch erschütternd. Die darin in sanften Strichen und Farben sichtbar gemachte Grausamkeit kann sich durchaus mit so manchem Märchen messen; und daran denkt man unwillkürlich beim Begriff Bilderbuch, der aber bei weitem über diese Vorstellung hinausreicht. Den Beweis liefert der Sammler Friedrich C. Heller. Die Exponate der Ausstellung „Bilderbuchkunst. Das Buch als künstlerisches Medium“ (bis 5. März 2023) stammen durchwegs von ihm, genauso wie das Wissen, das er damit vermitteln will. Gemeinsam mit Kathrin Pokorny-Nagel als Kuratorin wurde das Thema in zehn Bereiche gegliedert, die den Besuchern ein klares System bieten und das Verständnis erleichtern.

Prawdziwa Bajka, 2013 © Kultura Gniewu Neue Sammlung Friedrich C. Heller
Mazookas Panorama, 2018 © Neue Sammlung Friedrich C. Heller

o.: Mazookas Panorama, 2018 Bilder: Henning Wagenbreth Buschfunk, Berlin © Neue Sammlung Friedrich C. Heller

l.: Prawdziwa Bajka, 2013 Gestaltung: Marta Ignerska Text: Mikołaj Łodziński Kultura Gniewu, Warszawa © Kultura Gniewu Neue Sammlung Friedrich C. Heller

Als Beispiel für „Bücher sind Räume“ kann „basic space“ der französischen Architektin Fanny Millard angeführt werden. Als Buchkünstlerin hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, Prinzipien und Möglichkeiten der Architektur für Kinder und Erwachsene erlebbar zu machen und die Möglichkeiten des Bauens von Räumen vorzuführen. Wenig zu sehen, aber genug Stoff zum Sinnieren bietet „Fast Nichts“, wenn das Weißkäppchen („Cappuccetto Bianco“ von Bruno Munari) in den Schnee gesetzt wird und damit die Betrachter zum intensiven Hinschauen angeregt werden. „Märchen: andere Welten“ verbindet von Klein auf bekannte Inhalte wie „Barbe Bleue“ (Chiara Carrer) oder „Die Schöne und das Biest“ (gestaltet von Gabriel Pacheco) mit ebenso vertrauten Illustrationen oft vorgelesener Märchen (Lisbeth Zwergers Bilder zu Rotkäppchen).

In „Poesie der Zeichen“ wird auf jede Nähe zur Wirklichkeit verzichtet und dennoch genügen für das Verständnis der Erzählung ein paar Striche, Schriftzeichen oder abstrakte Formen. Eingegangen wird auch auf die Versuche, „Schrift und Klang“ als Bild umzusetzen, angedeuteet mit der anschaulichen Lautsprache der Comics. „Spuren der Kunst“ ist wiederum der deutliche Nachweis, dass ohne die Kunst nichts geht und in jedem Bild zwangsläufig bestimmte Darstellungsweisen, von Romantik über Surrealismus bis zur Pop Art, zu entdecken sind. In die beiden an sich gegensätzlichen Bereiche „Stadt und Landschaft“ führen Bilderbücher wie „Beirut“ (Etienne Bastermaghi) und „Fiume lento – Un viaggio lungo il Po“ (Alessandro Sanna). Botschaften des Friedens dominieren die „Welt der Krisen“, aber auch Naturkatastrophen wie „Tsunami“ (Bilder: Ed Young, Text: Kimiko Kajikawa) und Warnungen an die Leser vor einer gefährdeten Wirklichkeit, die Jens Thiele mit „Wenn auf den grünen Hügeln“ in durch Fotomontagen und Collagen gebrochenen Menschenbildern erschaffen hat.

Bilderbuchkunst. Das Buch als künstlerisches Medium, Ausstellungsansicht

Bilderbuchkunst. Das Buch als künstlerisches Medium, Ausstellungsansicht

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