Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ernst Caramelle Video-Ping-Pong 1974 © Ernst Caramelle

ERNST CARAMELLE neben nostalgischer „Malerei mit Kalkül“

Ernst Caramelle Spiegelbild 1991 © Ernst Caramelle

Wahlverwandtschaften museumswürdiger moderner Kunst auf vier Etagen

Den „Meister des semiotischen und medialen Vokabulars“ findet man in fast allen Werken von Ernst Caramelle (*1952, Hall in Tirol). Was heißt nun „Semiotisch“? Semiotik ist die Wissenschaft, die sich mit Zeichensystemen aller Art befasst. Caramelle hat seine Ausdrucksweise auf verschiedenste, oft witzige, ironische und paradoxe Zeichen reduziert, sowohl in seinen Zeichnungen als auch in der Malerei, in der er den Gesso, also den Kreideuntergrund eines Gemäldes, zur eigentlichen malerischen Oberfläche erhebt. Dabei genügen ihm aber die Möglichkeiten des Tafelbildes oder des Blattes keineswegs. Er erweitert sein „Arbeitsmaterial“ um Tonaufnahmen, Fotos und Videos. Ein humoriges Beispiel dafür ist das Video-Ping-Pong, bei dem vor einem realen Tischtennis-Tisch zwei Bildschirme stehen. Der eine zeigt einen jungen Mann, der gegen ein Mädchen auf der anderen Seite spielt. Beiden ist der Spaß anzusehen, den sie offensichtlich beim Aufnehmen dieser Kunstaktion gehabt haben. In diese Rubrik fallen auch die Faces. Sie reihen sich auf Gesso nebeneinander.

Ernst Caramelle Postconeptualrealism 1983 © Ernst Caramelle

Im nächsten Schritt werden sie dreidimensional umgesetzt. Der Mund ist weiterhin ein dünner Strich, aber die Augen werden zu winzigen TV-Geräten, auf denen jeweils ein anderes „Programm“ abläuft, das man erst erkennt, wenn man diesem „Face“ tief ins Auge schaut. Ernst Caramelle, der gemeinsam mit der Kuratorin Sabine Folie die Ausstellung „Ein Résumé“ (bis 28. April 2019) eingerichtet hat, freut sich, dass seine Kunst als Kleine im Großen (teils winzige Formate an weiten weißen Wänden) genauso wirkt wie das Große im Kleinen, das jedes einzelne Objekt, und sei es noch so unscheinbar, zu einer für sich allein bestehenden Sehenswürdigkeit erhebt.

Ernst Caramelle unitilted 1980 © Ernst Caramelle

Dass der Tiroler in Wien bis jetzt eher wenig bekannt war, liegt daran, dass Ernst Caramelle zwar hier an der Hochschule für angewandte Kunst studiert und 1976 mit der multimedialen Arbeit „Resümee“ bei Oswald Oberhuber abgeschlossen hat. Doch schon davor war er in Cambridge Research Fellow am Center für Advanced Studies und trat bereits in frühen Jahren die Lehrtätigkeit als Gastprofessor an der Städelschule in Frankfurt am Main an, um für vier Jahre (1986-1990) als Lehrender an die Angewandte nach Wien zurück zu kehren. Aber schon 1992 folgte die Gesamthochschule Kassel und die Jan van Eyck Academie in Maastricht.

Von 2012 bis 2018 war er schließlich Rektor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, wo er bereits seit 1994 seine persönliche und vielfältige Art zeitgenössische Kunst zu machen seinen Studenten weitergegeben hatte.

Richard Kreische Enviroment © Malerei mit Kalkül

Um den Fortschritt in der Kunst geht es auch in „Malerei mit Kalkül“ (bis 28. April 2019), das Positionen der Neoavantgarde aus der mumok-Sammlung dem Vergessen entreißt. Kurator Rainer Fuchs verortet die radikalen „Traditionsbrüche und der Neubestimmung von Gestaltungsweisen und künstlerischen Medien“ in den 1960/70er-Jahren. Es ist die Technik und die Farbe, die für ihn seit den 1950er-Jahren mit einem „Reflexionsprozess über das Medium Malerei verbunden“ war.

Es ging nun nicht mehr darum, was auf dem Bild erzählt wird, sondern um die Befreiung von der figurativen Darstellung. Minimal Art und Konzeptkunst irritierten zwar die Kunstliebhaber, nicht aber die Kritik, die beispielsweise in Gestalt von Clement Greenberg den abstrakten Expressionismus und die Colorfield Malerei schon um 1950 als die wahren Träger bildnerischer Kunst postulierten. Hierzulande waren es die Konstruktivisten (u.a. der Bildhauer Kurt Ingerl), die das Geometrisch Zeichnen als künstlerische Möglichkeit in diese Richtung verwirklichten, und die Aktionisten (Otto Mühl oder Hermann Nitsch), die mit ihren „Kunstwerken“ das Publikum zu schockieren versuchten.

In dieser Sammlung befinden sich auch Arbeiten aus Osteuropa, wo es die Protagonisten dieser Avantgarde alles andere als leicht hatten, den Diffamierungen und Nachstellungen des politischen Systems, kurz, des Kommunismus, zu entgehen. Locker gehängt laden alle diese Werke zu einem nostalgischen Rundgang durch eine aufregende Kunstzeit ein, die aber wie das Werk von Ernst Caramelle längst museumswürdig geworden ist.

Helen Frankenthaler Salome 1978 © Kunst mit Kalkül
mumok Logo 250

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