Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht ©  mumok/ Privatsammlung, Bad Homburg /Albertina / Bildrecht Wien 2019

VERTIGO Kunst, die Augen schwindeln macht

Marina Apollonio Spazio Ad Attivazione Cineti ca 6B , 1966/ 2015 © Marina Apollonio

OP Art und ihre Vorbilder im Manierismus als verwirrendes Schauvergnügen

Alfred Hitchcocks Film stand mit seinem ambivalenten Titel „Vertigo“ Pate für eine Ausstellung des MUMOK, die sich bis 26. Oktober 2019 dem Trugbild und einer verzerrten Wirklichkeit widmet. Im Mittelpunkt stehen Beispiele der Op Art, die den „Schwindel“ in den 1950er- und 1960er-Jahren als eine der bahnbrechenden neuen Kunstströmungen eingeführt haben. Dass die Ideen nicht ganz so neu waren, beweisen Werke, die schon viele hundert Jahre älter sind und dem Manierismus zugerechnet werden. Künstler waren offenbar zu jeder Zeit verspielt und haben z. B. mit Trompe-l’œil (Augentäuschung) Illusionen erzeugt, die aus scheinbar sinnlosen Strichen und Farbflächen bei entsprechender Betrachtung ein fertiges Bild ergeben. Darauf nimmt auch der Untertitel „Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520 – 1970“ Bezug. Der Besucher darf und will sich gerne verrückt machen lassen, wenn aus gewisser Distanz besehen flirrende Beulen aus der ebenen Bildfläche erheben, die sich beim Nähertreten als eine verwirrende Ansammlung von Strichen oder Punkten herausstellt.

Aleksandar Srnec  Luminoplastics , 1967  Photo : Markus Wörgötter ©  Marinko Sudac Coll., Zagreb

In stockfinsteren Räumen wankt man an gefährlich auf einen zukommenden Lichtschranken vorbei, um mit schmerzenden Augen vor einer grellen Projektionsfläche mutig zu verharren. Erlebnis ist also garantiert.

 

Großmeister der Op Art sind zweifellos Victor Vasarely oder Bridget Riley, die mit verdichteten geometrischen Mustern das Hinschauen zum Zweifeln an der eigenen Wahrnehmung verwandeln. Eine garantiert still stehende „Single“ von Ludwig Wilding fängt sich zum Drehen an und die elektronische Grafik von Herbert W. Franke schafft eine Ahnung von der Unendlichkeit des Weltraums. Dass man derlei Kunst bereits in der Renaissance meisterlich beherrschte, zeigt das Vexierbild von Erhard Schön (um 1538). Von vorne gesehen sind es seltsame Wallungen, die sich beim Blick durch das dafür vorgesehene seitliche Loch als Darstellung eines Bauern, der sein großes Geschäft verrichtet, herausstellt. Beliebt war auch der Spiegel in Form einer Säule.

Er wurde auf einen wirr gemalten Untergrund gesetzt und verriet diesen als wunderhübsches Gemälde. Dass davon nicht nur die Satyrn, die Hans Tröschel eine Spiegelanamorphose bewundern lässt (1610-1628), angetan waren, sondern auch als Schöpfung anno 1967 wie die Luminoplastika von Aleksandar Smec bei den Besuchern begeisterte Ahs und Ohs hervorrufen, darf als hervorragende Anregung dienen, sich mit einer im wahrsten Sinn des Wortes bewegenden Kunst, egal ob alt oder modern, lustvoll auseinanderzusetzen.

Hans Tröschel nach Sime Vouet Satyrn, eine Spiegelanamorphose bewundernd ©  Stift Göttweig
mumok Logo 250

Statistik