Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht Alfred Schmeller. Das Museum als Unruheherd Photo: Klaus Pichler, © mumok

ALFRED SCHMELLER heizte den Unruheherd Museum an

Cora Pongracz Riesenbillard 1970 © Nachlass Cora Pongracz, Fotosammlung OstLicht, Wien

Eine Ausstellung als Hommage an den ehemaligen Direktor des MUMOK

Von 1969 bis 1979 leitete Alfred Schmeller das MUMOK, damals noch das 20er Haus im Schweizer Garten. Er hatte das Erbe des Gründungsdirektors Werner Hofmann übernommen und von Anfang an eigene Akzente gesetzt. Er war beseelt von der Vision des „Museums als Unruheherd“, was ihm damals sehr gut gelungen ist, da man Österreich noch weit entfernt vom Verständnis radikaler zeitgenössischer Kunst entfernt war. Ausstellungen konnten provozieren. So begann Schmeller mit einer Neuinterpretation des Surrrealismus, gab der österreichischen Gruppe Wirklichkeiten, die sich im politisch bewegten Mai 1968 in der Secession zu einer Ausstellung zusammengeschlossen hatte, eine Tribüne.

Wolfgang Herzig Doppelporträt A.S. und M.J., 1979 © Wolfgang Herzig

Er sammelte Werke der Chicago Imagists, die eine subversive, knallbunte Kunst abseits des Mainstreams produzierte. Die Proteste stellten sich ganz ohne weiteres Zutun ein und es wurde heißt diskutiert, ob diverse Äußerungen der damals Kreativen überhaupt als Kunst bezeichnet werden könnten. Dennoch, die Strömungen dieser Zeit sickerten langsam, aber stetig in das Bewusstsein einer lernfähigen Kulturnation.

Cagnaccio di San Pietro Zoologia, 1977 © mumok  - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Schmeller lieferte dazu Hilfestellungen, indem er das Haus, so wird es im Rückblick gesehen, auf unkonventionelle Weise öffnete. Es gab Architektur- und Designausstellungen, Konzerte und eine pulsierende Kunstvermittlung, um, wie er selbst sagte, „die Distanz zwischen Menschen und der Kunst zu verringern.“ Diese „gesamtkulturelle Arbeit“ ließ ihn ein eigenes Kinderprogramm entwickeln. Unter anderem verfasste er den Folder „Adolf Loos für junge Leute“ und entfachte damit eine derartige Begeisterung, dass sein Wirken mitunter sogar als „Frontalangriff auf die gängige Art der Kunsterziehung“ angesehen wurde.

Alfred Schmeller kannte damals den Kunstbetrieb Österreichs aus langjähriger Tätigkeit. Er war seit 1945 als tragendes Mitglied des ART CLUB beim Aufbau dabei, hatte als Journalist, er war Kritiker beim Kurier, die Möglichkeit, auf die Öffentlichkeit einzuwirken und war schließlich Landeskonservator für das Burgenland. Neben allen Aufgaben in verschiedensten Bereichen stand stets die Auseinandersetzung mit moderner Kunst im Vordergrund.

Als Direktor des Museums des 20. Jahrhunderts entwickelte Schmeller neben den beiden Grundaufgaben Bewahren und Forschen eine rege Sammlungstätigkeit, deren Ergebnisse nun in der Ausstellung „Alfred Schmeller. Das Museum als Unruheherd“ (bis 16. Februar 2020)“ im MUMOK gezeigt werden. Das vielleicht spektakulärste Objekt ist das Riesenbillard von Haus-Rucker-Co, eine 15x15 Meter große Kunststoffinsel mit drei gigantischen Kugeln, die von sportlichen Besuchern gegeneinander gerollt werden können. Neben dem optischen Genuss der Wandbilder ermöglicht diese Installation ein haptisches Erlebnis und macht Schmellers legendären Spruch „Gehen Sie ins Museum, der Prater ist geschlossen!“ sinnlich begreifbar.

Tom Wesselmann Study for Great American Nude. No. 93, 1968 © Bildrecht Wien, 2019

Ausstellungsansicht ©  mumok/ Privatsammlung, Bad Homburg /Albertina / Bildrecht Wien 2019

VERTIGO Kunst, die Augen schwindeln macht

Marina Apollonio Spazio Ad Attivazione Cineti ca 6B , 1966/ 2015 © Marina Apollonio

OP Art und ihre Vorbilder im Manierismus als verwirrendes Schauvergnügen

Alfred Hitchcocks Film stand mit seinem ambivalenten Titel „Vertigo“ Pate für eine Ausstellung des MUMOK, die sich bis 26. Oktober 2019 dem Trugbild und einer verzerrten Wirklichkeit widmet. Im Mittelpunkt stehen Beispiele der Op Art, die den „Schwindel“ in den 1950er- und 1960er-Jahren als eine der bahnbrechenden neuen Kunstströmungen eingeführt haben. Dass die Ideen nicht ganz so neu waren, beweisen Werke, die schon viele hundert Jahre älter sind und dem Manierismus zugerechnet werden. Künstler waren offenbar zu jeder Zeit verspielt und haben z. B. mit Trompe-l’œil (Augentäuschung) Illusionen erzeugt, die aus scheinbar sinnlosen Strichen und Farbflächen bei entsprechender Betrachtung ein fertiges Bild ergeben. Darauf nimmt auch der Untertitel „Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520 – 1970“ Bezug. Der Besucher darf und will sich gerne verrückt machen lassen, wenn aus gewisser Distanz besehen flirrende Beulen aus der ebenen Bildfläche erheben, die sich beim Nähertreten als eine verwirrende Ansammlung von Strichen oder Punkten herausstellt.

Aleksandar Srnec  Luminoplastics , 1967  Photo : Markus Wörgötter ©  Marinko Sudac Coll., Zagreb

In stockfinsteren Räumen wankt man an gefährlich auf einen zukommenden Lichtschranken vorbei, um mit schmerzenden Augen vor einer grellen Projektionsfläche mutig zu verharren. Erlebnis ist also garantiert.

 

Großmeister der Op Art sind zweifellos Victor Vasarely oder Bridget Riley, die mit verdichteten geometrischen Mustern das Hinschauen zum Zweifeln an der eigenen Wahrnehmung verwandeln. Eine garantiert still stehende „Single“ von Ludwig Wilding fängt sich zum Drehen an und die elektronische Grafik von Herbert W. Franke schafft eine Ahnung von der Unendlichkeit des Weltraums. Dass man derlei Kunst bereits in der Renaissance meisterlich beherrschte, zeigt das Vexierbild von Erhard Schön (um 1538). Von vorne gesehen sind es seltsame Wallungen, die sich beim Blick durch das dafür vorgesehene seitliche Loch als Darstellung eines Bauern, der sein großes Geschäft verrichtet, herausstellt. Beliebt war auch der Spiegel in Form einer Säule.

Er wurde auf einen wirr gemalten Untergrund gesetzt und verriet diesen als wunderhübsches Gemälde. Dass davon nicht nur die Satyrn, die Hans Tröschel eine Spiegelanamorphose bewundern lässt (1610-1628), angetan waren, sondern auch als Schöpfung anno 1967 wie die Luminoplastika von Aleksandar Smec bei den Besuchern begeisterte Ahs und Ohs hervorrufen, darf als hervorragende Anregung dienen, sich mit einer im wahrsten Sinn des Wortes bewegenden Kunst, egal ob alt oder modern, lustvoll auseinanderzusetzen.

Hans Tröschel nach Sime Vouet Satyrn, eine Spiegelanamorphose bewundernd ©  Stift Göttweig
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