Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Im Raum die Zeit lesen Ausstellungsansicht Photo: Lisa Rastl © mumok Photo: Lisa Rastl © mumokPhoto:

IM RAUM DIE ZEIT LESEN Kunst von 1910 bis 1955

Antoine Pevsner Konstruktion für einen Flughafen, 1934 – 1935 Photo: © mumok, © Bildrecht, Wien

Überraschend erfreuliches Wiedersehen mit Klassikern der Moderne

Da hängt er doch tatsächlich, dieser nächtlich geheimnisvolle Baum von René Magritte. Zu „La voix du sang“ muss man einfach ganz nahe hintreten, um die kleine Welt, die sich in seinem Stamm auftut, in ihren Details zu erfassen. Warmes Licht aus den Fenstern eines freundlichen Hauses lädt ein zum Eintreten. Schließlich steht der Betrachter in der späten Dämmerung in einer Ebene vor einem im Blau gerade noch erkennbaren Gebirgszug, und es ist gut, irgendwo zuhause zu sein. Das Schild neben dem Bild verrät, dass dieses 1959 gemalte Werk bereits 1960 vom mumok angekauft worden war. Im selben Jahr wurde der Kokoschka aus 1925 erworben, der das literarische Schandmaul Karl Kraus in all seiner Sperrigkeit festgehalten hat. Nur ein paar Schritte weiter schaut man einer männlichen Figur von Alberto Giacometti in das runzlige Angesicht, um daneben genial reduzierte Plastiken von Max Ernst und Hans Arp zu entdecken. In dieser Tonart geht es weiter durch die Ausstellung „Im Raum die Zeit lesen. Moderne im mumok 1910 bis 1955.

René Magritte La voix du sang, 1959 © Bildrecht Wien

Bis 13. April 2020 kann man sich darin genussvoll treiben lassen, um mit jedem Blick alte Bekannte zu treffen. Was einst, also bei seiner Entstehung, noch als unerhörter Umbruch in der Kunst gegolten hat, ist zu Vertrautem geworden, zu einer verklärten Vergangenheit der Moderne, die längst edle Patina angesetzt hat.

Otto Mueller Mädchen im Wald, 1920 © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Für die letzte Ausstellung der Kuratorin Susanne Neuburger – sie zieht sich in den Ruhestand zurück – wäre ein solcher Zugang allerdings zu oberflächlich. Es gibt einen konzeptionellen Ausgangspunkt, nämlich die Frage nach der Wahrnehmung der Avantgarden im frühen 20. Jahrhundert. Neuburger stellt sogar die nicht unberechtigte Frage, ob es sich bei der Moderne überhaupt um eine Epoche handelt. Die Antwort fand sich für die Kunstexpertin in den ersten documenta-Ausstellungen (1955 und 1959), die unsere Sicht auf diese Zeit geprägt hätten. Dazu wirft Neuburger einen Blick auf die geistige Entwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie ist überzeugt, dass durch die Erschütterung des cartesianischen Weltbildes im Denken und die bahnbrechenden Erfindungen in Naturwissenschaft und Technik Einfluss auch auf die Kunst ausgeübt wurde. 1910/11 erfolgte nicht nur der Schritt in die Abstraktion. Es fanden zudem vielfältige heterogene Entwicklungen parallel statt. Avantgardekünstler wagten sich vor zu einem experimentellen Umgang mit klassischen Medien.

Barrieren zwischen angewandter und freier Kunst wurden niedergerissen und sogar die umkämpfte Grenze zwischen abstrakt und gegenständlich als nicht mehr zwingend angesehen. Mit den in der Ausstellung ebenfalls thematisierten Bereichen Architektur, Design und Theaterausstattung hatte sich ein breites Feld der künstlerischen Betätigung aufgetan, das, so Susanne Neuburger, „jenseits einer klassisch-chronologischen Ordnung auf Verbindung und Durchdringung setzt – und nicht auf ein steriles Nebeneinander festgeschriebener Setzungen.

 

Weiters wird im momuk mit Zeichnungen von Eva Hesse unter dem Titel „Forms Larger and Bolder“ und mit „Objects Recognized in Flashes“ von Michele Abeles, Annette Kelm, Josephine Pryde und Eileen Quinlan überwintert. Von Eva Hesse wird in dieser Personale ihr grafisches Werk erstmals in Österreich gezeigt. Zu sehen sind 70 Arbeiten auf Papier, die dafür die weite Reise aus dem Allen Memorial Museum am Oberlin College in Ohio nach Wien angetreten haben und uns einen Begriff von deren „riskanten Formen“ geben, die Hesse als Leitgedanken ihrem gesamten zeichnerisches Œuvre zugrunde gelegt hat. Eine Etage tiefer geht es den vier oben genannten Künstlerinnen um den Umgang mit analogen und digitalen Bildern in unserer weitgehend mediatisierten Gesellschaft.

Den drei künstlerisch arbeitenden Fotografinnen scheint aufgestoßen zu sein, dass es mit Blick auf soziale Medien und Plattformen im digitalen Raum in erster Linie um Waren und Werbung ginge. So haben sie in verschiedenster Weise auf die enorme Bedeutung von Studio-, Sach- oder Modefotografie reagiert und deren Mechanismen offenzulegen versucht; allerdings so gut verschlüsselt, dass wohl nur entsprechend intensives Meditieren einen Zugang zu den Ideen hinter ihren rätselhaften Kollagen und Verfremdungen eröffnen kann.

Michele Abeles 201/202 , 2019 © Michele Ab eles

Ausstellungsansicht Alfred Schmeller. Das Museum als Unruheherd Photo: Klaus Pichler, © mumok

ALFRED SCHMELLER heizte den Unruheherd Museum an

Cora Pongracz Riesenbillard 1970 © Nachlass Cora Pongracz, Fotosammlung OstLicht, Wien

Eine Ausstellung als Hommage an den ehemaligen Direktor des MUMOK

Von 1969 bis 1979 leitete Alfred Schmeller das MUMOK, damals noch das 20er Haus im Schweizer Garten. Er hatte das Erbe des Gründungsdirektors Werner Hofmann übernommen und von Anfang an eigene Akzente gesetzt. Er war beseelt von der Vision des „Museums als Unruheherd“, was ihm damals sehr gut gelungen ist, da man Österreich noch weit entfernt vom Verständnis radikaler zeitgenössischer Kunst entfernt war. Ausstellungen konnten provozieren. So begann Schmeller mit einer Neuinterpretation des Surrrealismus, gab der österreichischen Gruppe Wirklichkeiten, die sich im politisch bewegten Mai 1968 in der Secession zu einer Ausstellung zusammengeschlossen hatte, eine Tribüne.

Wolfgang Herzig Doppelporträt A.S. und M.J., 1979 © Wolfgang Herzig

Er sammelte Werke der Chicago Imagists, die eine subversive, knallbunte Kunst abseits des Mainstreams produzierte. Die Proteste stellten sich ganz ohne weiteres Zutun ein und es wurde heißt diskutiert, ob diverse Äußerungen der damals Kreativen überhaupt als Kunst bezeichnet werden könnten. Dennoch, die Strömungen dieser Zeit sickerten langsam, aber stetig in das Bewusstsein einer lernfähigen Kulturnation.

Cagnaccio di San Pietro Zoologia, 1977 © mumok  - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Schmeller lieferte dazu Hilfestellungen, indem er das Haus, so wird es im Rückblick gesehen, auf unkonventionelle Weise öffnete. Es gab Architektur- und Designausstellungen, Konzerte und eine pulsierende Kunstvermittlung, um, wie er selbst sagte, „die Distanz zwischen Menschen und der Kunst zu verringern.“ Diese „gesamtkulturelle Arbeit“ ließ ihn ein eigenes Kinderprogramm entwickeln. Unter anderem verfasste er den Folder „Adolf Loos für junge Leute“ und entfachte damit eine derartige Begeisterung, dass sein Wirken mitunter sogar als „Frontalangriff auf die gängige Art der Kunsterziehung“ angesehen wurde.

Alfred Schmeller kannte damals den Kunstbetrieb Österreichs aus langjähriger Tätigkeit. Er war seit 1945 als tragendes Mitglied des ART CLUB beim Aufbau dabei, hatte als Journalist, er war Kritiker beim Kurier, die Möglichkeit, auf die Öffentlichkeit einzuwirken und war schließlich Landeskonservator für das Burgenland. Neben allen Aufgaben in verschiedensten Bereichen stand stets die Auseinandersetzung mit moderner Kunst im Vordergrund.

Als Direktor des Museums des 20. Jahrhunderts entwickelte Schmeller neben den beiden Grundaufgaben Bewahren und Forschen eine rege Sammlungstätigkeit, deren Ergebnisse nun in der Ausstellung „Alfred Schmeller. Das Museum als Unruheherd“ (bis 16. Februar 2020)“ im MUMOK gezeigt werden. Das vielleicht spektakulärste Objekt ist das Riesenbillard von Haus-Rucker-Co, eine 15x15 Meter große Kunststoffinsel mit drei gigantischen Kugeln, die von sportlichen Besuchern gegeneinander gerollt werden können. Neben dem optischen Genuss der Wandbilder ermöglicht diese Installation ein haptisches Erlebnis und macht Schmellers legendären Spruch „Gehen Sie ins Museum, der Prater ist geschlossen!“ sinnlich begreifbar.

Tom Wesselmann Study for Great American Nude. No. 93, 1968 © Bildrecht Wien, 2019

VERTIGO Kunst, die Augen schwindeln macht

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