Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Gelebt  – Ingeborg Strobl, Ausstellungsansicht ©Bildrecht Wien Photo: Klaus Pichler ,  © mumok

GELEBT INGEBORG STROBL Wunderkammer eines Künstlerinnendaseins

Ingeborg Strobl Das Nashorn und die Elektrizität , 1971 Photo © mumok

Eine großzügige Schenkung an das mumok als Basis einer posthumen Würdigung

Zahlreiche Reisen in sonst selten besuchte Länder, Ergebnisse eines leisen Querdenkens und Memorabilia aus einem gehabten Künstlerinnendasein reihen sich an den Wänden des zweiten Untergeschosses im mumok aneinander, um im Titel „Gelebt Ingeborg Strobl“ (bis 26. Juli 2020) wie zur eigenen Bestätigung zu münden. 2017 ist diese der breiten Öffentlichkeit kaum bekannte und für Insider doch sehr wesentliche Persönlichkeit der heimischen Kunstszene verstorben, die ihren umfangreichen Nachlass dem mumok als würdigen Wächter ihres Schaffens vermacht hat. Es ist eine Wunderkammer, nicht nur der kleine Teil, der dezidiert als solche bezeichnet wird, sondern die gesamte Schau, deren Objekte fast unhörbar den Betrachter zu sich holen und flüsternd Fragen stellen. Eine Koje lädt ein, sich vor einem Palmenstrand hinzusetzen und in die Publikationen der Künstlerin zu vertiefen.

Ingeborg Strobl Führen Sie ihrer Kunst wegen ein Doppelleben? 2001 © Bildrecht Wien 2020 Photo: mumo

Es sind Kunstbücher und -broschüren, in denen sich die Essenz einzelner Anliegen findet, wie hinter dem wenig zum Zubeißen anregenden fleischigen Titelfotos zu einem Rückentext, in der sie sich selbst anklagt, Fleisch zu essen, um ihre Abscheu auf den Blättern zwischen den Buchdeckeln mit entsprechenden Fotos zu dokumentieren.

 

Ein eigener Raum ist ihren Bildern aus Ölkreide und Bleistift auf Papier gewidmet. Es sind hintergründige Abrechungen mit Konventionen und Auswüchsen einer von Konsum- und Karrieredenken getriebenen Gesellschaft, hingemalt in zarten blassen Tönen und vielleicht gerade deshalb ansprechend. Es gibt dort „Kalbsmöbel“, einen „Delphinwürfelhinterteil“ oder ein am Stromkabel hängendes Nashorn, das in kleinen Plastiken den Besucher auch weiterhin begleitet. Strobls dreidimensionale Arbeiten sind zumeist phantastische Miniaturen oder handliche Gegenstände aus Keramik. „Zwei Knochen mit rosa Masche“, ein „Hufwagen“ oder „Pferdehoofcups“, ein „Schädel mit Maulkorb (Schweineschädel)“ oder ein „Trinkkiefer“ zeugen von makaberem Humor. Beliebig scheinende Fotos wurden in Ölkreidezeichnungen eingearbeitet.

Frei gestellt dienen sie als Manifestation skurriler Ideen, die sich bei genauem Hinschauen sogar in vertrauten Motiven finden. Strobl entdeckte eine Heroine inmitten einer Industrieruine in Armenien und hielt den herben Reiz eines Friedhofs in Polen fest. Memento mori war eines der Leitthemen ihrer Kunst, die im Titelbild zur Ausstellung auf weiblich berührende Weise zu erahnen ist: Auf einer Serie von Farbfotografien aus 2014 verblüht eine Tulpe, um am Ende in ihren wie ein abgeworfenes Kleid welken Blütenblättern das Sentiment ihres Lebens nachfühlbar zu machen.

Ingeborg Strobl Tulpe , 2014 © Bildrecht  Wien 2020 Photo :  Ingeborg Strobl

Im Raum die Zeit lesen Ausstellungsansicht Photo: Lisa Rastl © mumok Photo: Lisa Rastl © mumokPhoto:

IM RAUM DIE ZEIT LESEN Kunst von 1910 bis 1955

Antoine Pevsner Konstruktion für einen Flughafen, 1934 – 1935 Photo: © mumok, © Bildrecht, Wien

Überraschend erfreuliches Wiedersehen mit Klassikern der Moderne

Da hängt er doch tatsächlich, dieser nächtlich geheimnisvolle Baum von René Magritte. Zu „La voix du sang“ muss man einfach ganz nahe hintreten, um die kleine Welt, die sich in seinem Stamm auftut, in ihren Details zu erfassen. Warmes Licht aus den Fenstern eines freundlichen Hauses lädt ein zum Eintreten. Schließlich steht der Betrachter in der späten Dämmerung in einer Ebene vor einem im Blau gerade noch erkennbaren Gebirgszug, und es ist gut, irgendwo zuhause zu sein. Das Schild neben dem Bild verrät, dass dieses 1959 gemalte Werk bereits 1960 vom mumok angekauft worden war. Im selben Jahr wurde der Kokoschka aus 1925 erworben, der das literarische Schandmaul Karl Kraus in all seiner Sperrigkeit festgehalten hat. Nur ein paar Schritte weiter schaut man einer männlichen Figur von Alberto Giacometti in das runzlige Angesicht, um daneben genial reduzierte Plastiken von Max Ernst und Hans Arp zu entdecken. In dieser Tonart geht es weiter durch die Ausstellung „Im Raum die Zeit lesen. Moderne im mumok 1910 bis 1955.

René Magritte La voix du sang, 1959 © Bildrecht Wien

Bis 13. April 2020 kann man sich darin genussvoll treiben lassen, um mit jedem Blick alte Bekannte zu treffen. Was einst, also bei seiner Entstehung, noch als unerhörter Umbruch in der Kunst gegolten hat, ist zu Vertrautem geworden, zu einer verklärten Vergangenheit der Moderne, die längst edle Patina angesetzt hat.

Otto Mueller Mädchen im Wald, 1920 © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Für die letzte Ausstellung der Kuratorin Susanne Neuburger – sie zieht sich in den Ruhestand zurück – wäre ein solcher Zugang allerdings zu oberflächlich. Es gibt einen konzeptionellen Ausgangspunkt, nämlich die Frage nach der Wahrnehmung der Avantgarden im frühen 20. Jahrhundert. Neuburger stellt sogar die nicht unberechtigte Frage, ob es sich bei der Moderne überhaupt um eine Epoche handelt. Die Antwort fand sich für die Kunstexpertin in den ersten documenta-Ausstellungen (1955 und 1959), die unsere Sicht auf diese Zeit geprägt hätten. Dazu wirft Neuburger einen Blick auf die geistige Entwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie ist überzeugt, dass durch die Erschütterung des cartesianischen Weltbildes im Denken und die bahnbrechenden Erfindungen in Naturwissenschaft und Technik Einfluss auch auf die Kunst ausgeübt wurde. 1910/11 erfolgte nicht nur der Schritt in die Abstraktion. Es fanden zudem vielfältige heterogene Entwicklungen parallel statt. Avantgardekünstler wagten sich vor zu einem experimentellen Umgang mit klassischen Medien.

Barrieren zwischen angewandter und freier Kunst wurden niedergerissen und sogar die umkämpfte Grenze zwischen abstrakt und gegenständlich als nicht mehr zwingend angesehen. Mit den in der Ausstellung ebenfalls thematisierten Bereichen Architektur, Design und Theaterausstattung hatte sich ein breites Feld der künstlerischen Betätigung aufgetan, das, so Susanne Neuburger, „jenseits einer klassisch-chronologischen Ordnung auf Verbindung und Durchdringung setzt – und nicht auf ein steriles Nebeneinander festgeschriebener Setzungen.

 

Weiters wird im momuk mit Zeichnungen von Eva Hesse unter dem Titel „Forms Larger and Bolder“ und mit „Objects Recognized in Flashes“ von Michele Abeles, Annette Kelm, Josephine Pryde und Eileen Quinlan überwintert. Von Eva Hesse wird in dieser Personale ihr grafisches Werk erstmals in Österreich gezeigt. Zu sehen sind 70 Arbeiten auf Papier, die dafür die weite Reise aus dem Allen Memorial Museum am Oberlin College in Ohio nach Wien angetreten haben und uns einen Begriff von deren „riskanten Formen“ geben, die Hesse als Leitgedanken ihrem gesamten zeichnerisches Œuvre zugrunde gelegt hat. Eine Etage tiefer geht es den vier oben genannten Künstlerinnen um den Umgang mit analogen und digitalen Bildern in unserer weitgehend mediatisierten Gesellschaft.

Den drei künstlerisch arbeitenden Fotografinnen scheint aufgestoßen zu sein, dass es mit Blick auf soziale Medien und Plattformen im digitalen Raum in erster Linie um Waren und Werbung ginge. So haben sie in verschiedenster Weise auf die enorme Bedeutung von Studio-, Sach- oder Modefotografie reagiert und deren Mechanismen offenzulegen versucht; allerdings so gut verschlüsselt, dass wohl nur entsprechend intensives Meditieren einen Zugang zu den Ideen hinter ihren rätselhaften Kollagen und Verfremdungen eröffnen kann.

Michele Abeles 201/202 , 2019 © Michele Ab eles
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