Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Enjoy Ausstellungsansicht Photo: Klaus Pichler, © mumok

ENJOY die lebendigen Sammlungen des mumok!

The Ethnographer at Home, Mark Dion, Photo: Klaus Pichler, © mumok

Moderne Kunst luftig, heiter und zugänglich präsentiert

Es geht um die mumok-Sammlung im Wandel, so will es der Untertitel von ENJOY (bis 18. April 2022), das über nahezu alle Stockwerke des schwarzen Quaders im MuseumsQuartier die erstaunliche Fülle an Artefakten jüngerer Zeit präsentiert. Die Schau will Resümee und Ausblick zugleich sein, ist aber viel mehr ein Leistungsbeweis eines Museums, das sich der Sammlung von Gegenwartskunst verschrieben hat. Kaum eine Epoche ist vielschichtiger in ihren diesbezüglichen Äußerungen. Gotik ist klar, Renaissance nicht zu verkennen und Barock eindeutig zu definieren.

Max Ernst Festmahl der Götter, 1948 © Bildrecht,Wien2021
Kiki KogelnikWar Baby, 1972 © Kiki Kogelnik Foundation. All rights reserved

Aber heute? Also seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein möglicher Bogen des Verständnisses wäre die Klassische Moderne, die jedoch selbst ungezählte grundverschiedene Ausprägungen erlebt hat, bevor sie von neoavantgardistischen Kunstrichtungen überrannt wurde, die wiederum von einer Gegenwartskunst ohne einheitliche Ausprägungen abgelöst wurden. Man sieht, wie schwierig es ist, darin einen einheitlichen Faden zu entdecken, der von Kunstfreunden als Rettungsseil durch diese Labyrinthe erfasst werden könnte. Deshalb gar nicht lange nachdenken und analysieren, sondern einfach daran erfreuen, was unter Direktorin Karola Kraus und Vorgängern seit der Gründung am 21. September 1962 zusammengetragen wurde.

 

Kleine Handläufe der Orientierung bieten, so heißt es dort, zeit- und medienübergreifende Themenfelder. Die einzelnen Stockwerke haben ihre Überschrift bekommen. So beginnt diese wundersame Reise ganz oben in Ebene 4 mit „Revue Moderne“. Blickfang ist das teils von Tageslicht durchstrahlte Glasfenster „Blühender Efeu“ von Henri Matisse, das mit seinem freundlich dekorativen Inhalt schwerlich auf die Entstehungszeit in den 1950er-Jahren schließen lässt.

Enjoy Ausstellungsansicht Photo: Klaus Pichler, © mumok
Enjoy Ausstellungsansicht Photo: Klaus Pichler, © mumok

Es erhält moralische Assistenz von Constantin Brancusis Frauenkopf, einer Bronzefigur, die sich mutig von gewohnten Formen trennt, wenn sie Stereotype afrikanischer Physiognomie infrage stellt. Es geht um eine Abrechung mit kolonialistischen Hintergedanken der Europäer, die im unendlich scheinenden Streifen aus kleinen Fotografien, der 82teiligen Fotoinstallation „White People in West Africa“ (1989/91/93) von Andrea Fraser unterstrichen wird. Aber nicht immer liegen derart hehre Anliegen der Kunst zugrunde, wie man eine Etage tiefer in „Gegenwart der Geschichte“ erfährt. „Indifference“ ist der Titel des Films, der einen jungen, sehr eleganten Offizier (gespielt von Alain-Fabian Delon) in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg unschlüssig bis zum eigenen Zusammenbruch durch die Gegend wandern lässt. Das Undefinierbare erhält in Ebene 2 einen starken Kontrapunkt. Für „Figur und Skulptur“ steht eine Gruppe aus drei Stelen, eine von Fritz Wotruba, die nächste von Joannis Avramidis und eine bunte Säule von Roland Göschl. Ergänzend dazu gibt es auf dieser Ebene eine Verbeugung vor dem österreichischen Künstler Heimo Zobernig anhand von Werkblöcken der vergangenen Jahre (bis 17. Oktober 2021).

Barbara KapustaEmpathic Creatures, 2018 © mumok

Das Erdgeschoss ist „(Anti-)Pop“, was heißt, dass die aus Amerika auf unseren Kontinent herüber geschwappte Richtung sanft satirisch hinterfragt wird. Es ist tatsächlich ein feiner Spaß, sich mit Siebdrucken eines Andy Warhol in der Serie „Flowers“ auseinanderzusetzen, wenn diese allmählich zu einem Tapetenmuster degeneriert. Nicht ohne ist auch die frechfröhliche Dame von Kiki Kogelnik, dem „War Baby“, das mit seiner angedeuteten Tarnuniform zwischen weiblich modischem Hingucker und kämpferischer Amazone changiert. Auf Minus 2 wird der „Abstraktion, Natur. Körper“ nachgegangen. Minimal und Concept Art von John Baldessari oder Ernst Caramelle finden sich in Gesellschaft von Land Art bis zur radikalen „Übermalung violett“ von Arnulf Rainer und dem Wiener Spaziergang eines Günter Brus, der in auffälliger Aufmachung die Bürger seiner Stadt zum Hinschauen provozierte. „Re/Aktionen“ löste zweifellos der Wiener Aktionismus der 1960er-Jahre aus. Heinz Cibulka begleitete damals die Aktionen von Hermann Nitsch und hat mit seinen Fotografien nicht nur Dokumente, sondern eigenständige Kunst geschaffen.

Ines Doujak Plünderer, 2018 © mumok
Henri MatisseLierre en fleurs, 1953 © Succession H. Matisse/Bildrecht,Wien2021

Ganz unten stößt man schließlich an „Die Grenzen unserer Welt“. Ein Ensemble lädt ganz besonders zur Betrachtung ein. „The Ethnographer at Home“, inszeniert von Mark Dion, lädt zum Hinsetzen in den Korbsessel unter Sonnen(Regen-)schirm und Palme ein (was man natürlich nicht darf!), denn auf dem Tischchen davor steht ein Flasche Bombay Dry Gin, die offenbar dazu inspirieren soll, das Bild auf der Staffelei davor zu vollenden, getreu den Fotos in der Truhe, die indigene Menschen zeigen. Aber der Kolonialismus und die überhebliche Erforschung solcher Kulturen haben Pause. Der Koffer bleibt geschlossen und daheim, wenngleich solch behagliche Traumwelten im Kunst- und Kulturbereich munter weiterleben.

mumok Logo 250

Statistik