Kultur und Weindas beschauliche MagazinVorsicht Hochspannung, Ausstellungsansicht © NHM Wien, Chloe Potter VORSICHT HOCHSPANNUNG! Elektropathologie drastisch erklärt
1906 schockierte ein junger Arzt mit einer kleinen Auswahl von Präparaten und Geräten seine Zeitgenossen. Man war zu einer Hygieneausstellung in den Prater gekommen und fand neben praktischen Gesundheitstipps geschäftstüchtiger Anbieter eine eindringliche Warnung vor den Auswirkungen des Blitzschlages und des elektrischen Stroms auf Tier und Mensch. Die Stadt war bereits mit den Segnungen der Elektrizität ausgestattet und garantiert hatte einige der Neugierigen damit bereits unliebsame Bekanntschaft gemacht. Stefan (bis 1914 Samuel) Jellinek (1871-1969) hatte es an der Zeit gefunden, die Bevölkerung mit den Gefahren dieser geheimnisvollen Energie aus der Steckdose näher bekannt zu machen. Er begann zu sammeln und gründete das Elektropathologische Museum, das 1936 feierlich eröffnet wurde. Jellinek wurde damit zur Anlaufstelle bei Unfällen mit Strom und zum unangefochtenen Experten für die Behandlung diesbezüglicher Opfer – bis 1938, als Jellinek sicherheitshalber nach Großbritannien emigrierte, um in Oxford eine Lehrstelle anzutreten. Über Umwege landeten Teile seiner Sammlung schließlich im Naturhistorischen Museum, das im „Narrenturm“ dazu die Sonderausstellung „Vorsicht Hochspannung. Der elektrische Unfall – eine Klasse für sich“ gestalten ließ.
An der Problematik im Umgang mit elektrischem Strom hat sich glücklicherweise bis heute einiges verbessert. So hatte sich der Wiener Physiker Gottfried Biegelmeier (1924-2007) auf Elektroschutz und Elektropathologie spezialisiert. Trotz Warntafeln, von denen etliche an den Wänden der Ausstellung zu sehen sind, passierten nach wie vor schlimme Unfälle. Biegelmeier ging der Frage nach, wie fatale Berührungsströme technisch verhindert werden könnten. Er scheute nicht vor Selbstversuchen zurück, in denen er bewies, dass eine rasche Unterbrechung des Stromflusses lebensrettend sein konnte. Das Ergebnis war der FI-Schalter (Fehlerstromschutzschalter), der innerhalb von Millisekunden den nun durch einen Menschen laufenden Stromkreis unterbricht und damit eine verheerende Wirkung unterbindet. Da trotzdem nach wie vor Unfälle mit Hochspannung passieren, vor allem im Baugewerbe (betroffen sind hauptsächlich Männer mit Migrationshintergrund), wurde in Österreich vorbildlich vorgesorgt.
Der Narrenturm beherbergt die pathologisch-anatomische Sammlung KUNST DER MOULAGEN Raum für verewigte Krankheitsbilder
Die pathologisch-anatomische Sammlung des NHM beherbergt über 3.000 denkmalgeschützte Exemplare. Dazu zählen auch die sogenannten Moulagen, mit denen Krankheitsbilder, wie es im Untertitel heißt, „verewigt“ wurden. Es handelt sich dabei um Abformungen aus Wachsbasis, die möglichst naturalistisch bemalt wurden und so einzelne Körperteile visualisierten. Die frühe Kriminalistik machte davon Gebrauch, indem sie verstümmelten oder teils verwesten unbekannten Leichen ein lebensnahes Aussehen verlieh, um so ihre Identifizierung zu ermöglichen. Vom 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurden sie aber hauptsächlich im medizinischen Unterricht eingesetzt, um Studierenden reale Krankheitsbilder abseits von Patienten zeigen zu können. Im Narrenturm im alten AKH, dem idealen Ort für Präsentationen mit Gänsehautfaktor, wurde nun der „Kunst der Moulagen“ ein eigener Themenraum gewidmet. Aufbauend auf eine Sonderausstellung 2024 können nun mehr dieser beeindruckenden Objekte gezeigt und auch dem medizinischen Laien nahegebracht werden – inklusive jeweiliger Diagnosen aus dem erschreckend weiten Feld der Dermatologie. Nach ersten, eher unbeachteten Versuchen mit der Moulage um 1856 durch Anton Elfinger (1821-1864) war es der Arzt Dr. Carl Henning (1860-1917), der dieser medizinischen Technik zum Durchbruch verhalf. Vorgestellt wurde sie auf dem ersten internationalen „Congress für Dermatologie und Sypholographie“ 1889 in Paris. Mit einem Schlag war die Moulage aus etlichen Sparten der Medizin nicht mehr wegzudenken. 1892 begann Henning in einem eigenen Institut für Moulagen Abformungen besonderer Krankheitsbilder für den Unterricht herzustellen. Auftraggeberin war die Medizinische Fakultät, die 1.000 Stück pro Jahr bei ihm bestellte.
SAFE SEX Warnung vor den Big Five im Narrenturm
Eine Sonderausstellung in der pathologisch-anatomischen Sammlung Narrenturm ist per se unerfreulich zum Anschauen. In den ehedem düsteren Zellen des Erdgeschosses warten je nach Thema Fotos mit erkrankten Körperteilen, bleiche Wachsmodelle (Moulagen) von ehemaligen Patienten und Wandtexte, verfasst von Medizinern und Wissenschaftlern, denen die Vermittlung schockierenden Wissens wichtiger ist als das Befinden eines sich gruselnden Publikums. Wenn es nun um die Geschlechtskrankheiten geht, sollten sich alle betroffen fühlen, unabhängig von Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Status in der Gesellschaft. So weist der Titel „Safe Sex“ auf die Möglichkeit hin, sich vor einer Ansteckung zu schützen. Aber er warnt auch vor einem Comeback der Geschlechtskrankheiten, denen aktuelle Untersuchungen einen bedenklichen Anstieg sexuell übertragbarer Infektionen (STIs) bescheinigen.
Als die „Big Five“ dieser Geißeln einer sich liebenden Menschheit firmieren Syphilis, Gonorrhoe, Chlamydien, Hepatitis und HIV. Das gilt zumindest für Europa, wo das ECDC (European Center of Disease Control) über die neusten Zahlen bezüglich STIs verfügt. Schätzungen der WHO zufolge kommt es europaweit täglich zu ca. 1 Million(!) Übertragungen. Allein diese Zahl sollte aufrüttelnd sein, um ernsthaft darüber zu reden und auch im Moment größter Verlockung entsprechend Vorsicht walten zu lassen. Gegliedert ist die Ausstellung (kuratiert von Eduard Winkler & Laura Lick) nach den einzelnen Krankheiten, zu denen auch die Filzlaus oder Scabies (Krätze) zählen.
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