Kultur und Wein

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KRIEG Auf den Spuren einer Evolution Ausstellungsansicht

KRIEG im Versuch einer historischen Betrachtung

Ausstellungsansicht "Krieg" Massengrab Lützen © NHM Wien, Kurt Kracher

Was wirklich übrig bleibt, sind nicht die Siege, sondern die Gebeine der Gefallenen

1632 standen sich bei Lützen, einem Nest zwischen Leipzig und Naumburg, an die 36.000(!) Menschen gegenüber. Sie waren nach dem damaligen Stand der Bewaffnungstechnik bestens ausgerüstet und sollten am 16. November aufeinander losschlagen. Der eine Heerführer war König Gustav II. Adolf, auf der anderen Seite stand Albrecht von Wallenstein an der Spitze von kaiserlichen Truppen. Eigentlicher Grund der blutigen Auseinandersetzung war das, wie man meinen sollte, Friedlichste der Welt, nämlich die Religion, die Botschaft eines Jesus Christus, der Zeit seines Lebens vergeblich die Nächstenliebe gepredigt hatte. Wahrscheinlich wussten die Männer mit den Piken und Musketen überhaupt nicht, dass es letztlich um Glaubensfragen ging, die im Dreißigjährigen Krieg aber zu einem Politikum erwachsen waren, das nur mit Schlachten entschieden werden konnte. Nach historischer Meinung gab es keinen eindeutigen Sieger. Der Protestant Gustav Adolf war ebenso gefallen wie Gottfried Heinrich zu Pappenheim, Kommandant einer Elite-Reitertruppe auf katholischer Seite.

Forensische Analysen: Kopfschüsse © LDA

Neben den beiden Heerführern waren an die 6.000 Männer ums Leben gekommen. Sie wurden von den Bauern der Umgebung in den Feldern, die zuvor noch Schauplatz der Schlacht gewesen waren, beerdigt, nicht ohne zuvor noch ihre Kleidung und eventuelle Waffen an sich zu nehmen.

 

2011 wurde eines dieser Massengräber aus dem Boden gehievt. Auf sechs mal sieben Metern Grundfläche hatten 47 Soldaten ihre bis zu dieser Aktion letzte Ruhestätte gefunden. Berührend: Wie eine Mahnung streckt der zuoberst begrabene Leichnam die Arme wie der Gekreuzigte zur Seite.

Ausstellungsansicht „Krieg im Ersten Weltkrieg“  im Narrenturm   © NHM Wien, Alice Schuhmacher

Geblieben waren nur die Skelette und im Boden um die kargen sterblichen Überreste der Landsknechte tausende Bleikugeln, mit denen aufeinander geschossen wurde (gezeigt in einer Vitrine vor dem Massengrab). Forensiker konnten aus den Verformungen der Geschosse und den Verletzungen auf den Knochen über Einschusswinkel usw. in kriminalistischer Kleinarbeit ein deutliches Bild der Schlacht erarbeiten und vor allem den vielen anonymen Toten ein kleines Stück Identität zurückgeben.

Dieser 55 Tonnen schwere Erdblock, gerahmt mit einem Gerüst aus Holz und Stahl, steht nun wie ein geschlossener Flügelaltar als Memento mori und Abschreckung gegen bewaffnete Auseinandersetzungen an sich im Mittelpunkt einer Ausstellung im Naturhistorischen Museum Wien. „KRIEG Auf den Spuren einer Evolution“ (bis 28. April 2019) ist der Versuch einer wissenschaftlichen Annäherung an dieses scheinbar unvermeidliche Phänomen. Fragen werden aufgeworfen: „Seit wann gibt es Kriege?“, „Was sind die Voraussetzungen, dass man von Krieg spricht?“, „Womit wird gekämpft“, aber auch „Lernt der Mensch aus seiner Geschichte?“ Eine Reihe von beeindruckenden Objekten, zu denen zwangsläufig auch Schwerter und Pfeilspitzen zählen, soll bei deren Beantwortung mithelfen. Nicht unwesentlich ist auch der österreichische Beitrag.

Er reicht von neolithischen Grabungsfunden im Weinviertel (Massaker in Schletz bei Asparn an der Zaya) bis zu mittelalterlichen Skeletten, denen ein gewaltsames Ende anzusehen ist. Πόλεμος Πατήρ πάντων (Der Krieg ist der Vater aller Dinge) hat schon Heraklit festgestellt. Die Ergänzung der Schau im renovierten Narrenturm bestätigt diese durchaus diskussionswürdige Ansicht. Nicht nur die Waffentechnik erhielt jeweils einen Entwicklungsschub, sondern auch die dafür notwendige Medizin, speziell die Chirurgie, der beispielsweise Lorenz Böhler als junger Arzt im Ersten Weltkrieg durch seine Ideen zu einem gewaltigen Fortschritt auch für Friedenszeiten verholfen hat.

Jungsteinzeitlicher Streitaxtkrieger Grab Wennungen  © LDA Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták
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