Kultur und Wein

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Ausstellungsansicht "Talking Heads" Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

TALKING HEADS F.X. Messerschmidt in der Kunst der Gegenwart

Bruce Nauman, Studies for Holograms, a - e, 1970 © Bruce Nauman/ Bildrecht Wien, 2019

Grimassenschneiden ist ansteckend und kann zu amüsanten „Kopfgeburten“ führen

Was immer den barocken Bildhauer F.X. Messerschmidt dazu bewogen hat, seinen Zeitgenossen einen Zerrspiegel vors Gesicht zu stellen, können unter Umständen Kunsthistoriker beantworten. Aber seine „Charakterköpfe“ faszinieren seit bald 250 Jahren die Betrachter und verleiten nicht selten diese, eine ähnliche Visage wie der „absichtliche Schalksnarr“ oder „Der Schaafkopf“ nachzustellen. Falls es fürs Selfie nicht ganz gelingt, dann ist Messerschmidt dran schuld. Ein scheinbar humorloser Anatom hat herausgefunden, dass es mit den von der Natur zur Verfügung gestellten Gesichtsmuskeln einfach nicht möglich ist. Man schaut zwar blöd, aber noch lange nicht so genial wie diese Kunstwerke, die eine Mimik zeigen, die zwar echt aussieht, aber bereits damals einen abstrakten Ansatz und eine künstlerische Überhöhung erfahren hat. Damit sind wir auch schon nahe der Gegenwart, in der das Dargestellte gern auf seinen Grundgedanken reduziert wird. Der Kopf muss nicht mehr nur fallsweise behaarte Hirnschale mit Augen, Ohren, Nase und Mund sein.

Arnulf Rainer, Rundkopf, 1975-1976 © Belvedere, Wien

Aber er bleibt der zumeist am höchsten Punkt des Köpers getragene Teil unserer Figur und damit der Botschafter all der übrigen Organe, die von dieser Schaltstelle aus kommandiert werden. So besehen lässt sich schon einiges an Ideen umsetzen, um die Grundfunktion des Kopfes, das Denken, kunstvoll zum Reden zu bringen. Freilich hört man die Gespräche nur dann, wenn man sich den von Gegenwartskünstlern geschaffenen Gesichtern still nähert und andächtig den verschwiegenen Dialogen lauscht, die diese untereinander und mit den großen Vorbildern Messerschmidts führen.

Maria Lassnig, Sonnenbader (Sphinx), 1964/65 Privatsammlung, Wien © Simon Hanzer

In der Orangerie des Belvedere setzt man diesbezüglich auf die Sprache Englisch und nennt die Ausstellung „Talking Heads“ mit dem Zusatz „Zeitgenössische Dialoge mit F.X. Messerschmidt“. Ob Ludwig van Beethoven dabei mitreden kann, man weiß es nicht, aber seine Lebend- und Totenmaske, gestaltet von Arnulf Rainer, eröffnen den Rundgang durch dieses „Facebook“ Zeiten übergreifender Kunst. Gefangen wird der Blick jedoch zuallererst von Joseph Beuys, der den Eintretenden unverwandt anblickt. Dabei handelt es sich um eine „soziale Plastik“, die in Gemeinschaftsarbeit von Beuys und Lutz Mommartz 1969 entstanden ist, mit dem Auftrag, dass sich Beuys dem anonymen Zuschauer gegenüber verhalten muss??? Wie? Das findet man schnell selbst heraus. Wenn nicht, dann fragt man einfach die selbstlosen Übermalungen von Arnulf Rainer, die in den nächsten Teil der Ausstellung führen.

Anna Artaker hat sich dort an einem Arsenal von Totenmasken bedient. Diese wurden zwischen 1907 und 1952 vom armenisch-sowjetischen Bildhauer Sergei Dmitrijewitsch Merkurow von Persönlichkeiten der Sowjetunion angefertigt. In einer Art Spiegelkabinett schafft Artaker eine dreidimensionale Illusion der in einem Schaukasten liegenden Gesichtsausdrücke. Nach der schuldigen Verbeugung vor den an einer Querwand thronenden Messerschmidt-Köpfen stellt Maria Lassnig Fragen nach dem Sinn des Hauptes, aus dem auch einmal das Hirn ausgeschüttet wird. Durchstrahlt von innerem Ausdruck, so heißt es poetisch im ausführlichen Katalog zur Ausstellung, präsentieren sich die Bilder von Miriam Cahn mit "Zehn Köpfen".

Messerschmidt auf Leinwand gebannt hat Mara Mattuschka gegenüber den bis zur Schmerzgrenze verzerrten Gesichtern von Bruce Nauman. Tony Oursler spielt mit Video und Skulptur, die er damit zu einem beinahe gespenstischen Scheinleben erweckt. Zum Abschluss gibt mit „Self Portrait (Kissing with Scopolamine)“ Douglas Gordon dem Besucher ein Kopfstück, wenn er diesen in „30 seconds text“ mit Schnelllesen in Englisch auf seine sprachliche Tauglichkeit für derlei Dialoge prüft.

Miriam Cahn, frau + mann oder umgekehrt, 13.12.1995, 1995 Courtesy des Künstlers und Galerie Meyer
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