Kultur und Wein

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Ausstllungsansicht © H.& J. Kandl, 2018

JOHANNA KANDL Material. Womit gemalt wird und warum

Privatbesitz Johanna Kandl © H&J.Kandl, 2018. Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Die in Rahmen, Leinwand und Farben verborgene andere Geschichte eines Bildes

Im ersten Moment, vielleicht auch im zweiten, ist man irritiert, wenn man die aktuelle Ausstellung in der Orangerie des Unteren Belvederes betritt. Eine „Inkonostase“ mit bekannten und unbekannten Gemälden aus der Sammlung des Hauses öffnet nur einen schmalen, niederen Zugang in das Innere. Ein Begleitheft, auf den mit Nummern die Titel der in „Petersburger Hängung“ präsentierten Werke angegeben sind, stellt diese mit Namen des Künstlers, Jahreszahl, verwendete Technik und Art des Erwerbs kurz vor. Schön, denkt man sich, so viele Bilder und Informationen, aber warum? Die Antwort gibt die österreichische Künstlerin Johanna Kandl, die in der Folge ihre eigenen Arbeiten mit bereits Bestehendem in Beziehung setzt und dabei dem Betrachter tiefe Einblicke in das Innenleben der Malereien eröffnet. Es geht um das Material, das verwendet wurde, und darauf basierend, um Antworten auf sozioökonomische Fragen, die mit den Grundlagen der Malerei in Beziehung stehen, oder in Kandls eigenen Worten: „Ein Bild ist nicht nur Sujet. Es steckt mehr dahinter. Ich orientiere mich in meiner Arbeit an der Haptik der Dinge, an der sichtbaren, angreifbaren Substanz. In ihr sehe ich eine große Parabel auf unsere Welt – und wie wir mit ihr umgehen.

Privatbesitz Johanna Kandl © H&J. Kandl, 2018. Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Geschaffen wurde dazu eine große multimediale Gesamtinszenierung, die von den Mineralien aus dem Naturhistorischen Museum über eine Mumie aus dem Kunsthistorischen Museum, ein Goldbergwerk bis zu einer Pflanzenschau im anschließenden Kammergartens reicht.

Ausstellungsansicht Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Am Beispiel „Öl auf Leinwand“ wird bereits die gängige Phrase hinterfragt, die vorerst nicht mehr besagt, als die Tatsache, dass Ölfarbe auf Leinwand gepinselt wurde. Es lohnt sich aber die Überlegung, woraus denn das alles im Detail besteht. Es sind Pflanzen, Binde-, Löse- oder Verdünnungsmittel und Pigmente, die für sich eine lange Geschichte haben. So lässt sich an der Farbe Blau die Entwicklung unserer Zivilisation nachvollziehen. Das Mineral Azurit ist ein Nebenprodukt des Kupferabbaus.

Indigoblau kommt von Pflanzen, die in der Kolonisationspolitik nicht unwesentlich waren, und Ultramarin wurde in einer heute kaum erreichbaren Region Afghanistans aus Lapislazuli gewonnen. Die Botschaft wird deutlich, wenn auf den von Johanna Kandl selbst gezeichneten und gemalten Bildern die Menschen lebendig werden, deren Lebensbedingungen nicht selten in einem drastischen Kontrast zum Prunk der Kunst stehen und neben der Lust an den leuchtenden Farben durchaus Besinnlichkeit mitschwingen lassen.

 

Recherchiert hat die Künstlerin gemeinsam mit ihrem Mann Helmut, die ihre Arbeit mit Bildern, Videos, Fotos und Objekten dokumentiert haben. Diese Unterlagen sind Teil der Ausstellung „Johanna Kandl Material. Womit gemalt wird und warum“ (bis 19. Jänner 2020), die vom Kunsthistoriker Miroslav Haľák kuratorisch begleitet wurde. Wert gelegt wurde auf eine Atelieratmosphäre, in der die Stellwände den Blick auf jene Seite der Bilder erlauben, die üblicherweise unsichtbar sind. Handgeschriebene, und damit sehr persönlich wirkende Texte begleiten die Exponate. Gegliedert ist die Schau nach Materialien, beginnend mit Leinen über Harze, Öle, Leime und Pinsel bis zu den pflanzlichen und mineralischen Pigmenten.

Die Idee zu dieser Aufdeckung des an sich wenig beachteten Materials hinter dem schönen Schein mag Johanna Kandl durch ihre Tätigkeit als ausgebildete Restauratorin gekommen sein, verbunden mit ihrer Herkunft aus einer Familie, in der Farben erzeugt und gehandelt wurden. Dazu passt auch großartig, dass sie für ihre nunmehrige Ausstellung in exklusiv kleiner Auflage einen Malkasten aus Buchenholz gestaltet hat, ausgestattet mit Azurit (blau), gelbem und rotem Ocker, aus denen sich alle Farben dieser Welt mischen lassen.

Eingangsbereich in die Ausstellung, Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien
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