Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


VanessaHeinz (Kim), JamesPark (Thuy) © Johan Persson

Vanessa Heinz (Kim), James Park (Thuy) © Johan Persson

MISS SAIGON Die bewegendste Schnulze unserer Zeit

Oedo Kuipers (Chris), Vanessa Heinz (Kim) © Johan Persson

Oedo Kuipers (Chris), Vanessa Heinz (Kim) © Johan Persson

Was man sogar aus dem bitteren Ende des Vietnamkrieges Großartiges für die Bühne machen kann!

Kriege gebären seit jeher tragische Liebesgeschichten. Bekannt geworden sind damit vor allem die der Amerikaner. Nicht wenige GIs haben in den von ihnen umkämpften Gebieten ihre diesbezüglichen Spuren hinterlassen. Schon vor mehr als 100 Jahren hat sich in Japan eine gewisse Madama Butterfly deswegen umgebracht. In Österreich sind in den zehn Jahren der US-Besatzung bekanntlich einige Tausend derartiger Romanzen passiert, deren Folgen die ersten Mischlingskinder waren, die mittlerweile nach einem meist erfolgreichen Berufsleben großteils bereits in Pension sind. Warum sollte es sich in Vietnam anders verhalten? Fast deckungsgleich mit der Handlung in Giacomo Puccinis Oper erzählt das Musical MISS SAIGON eine zu Tränen rührende Lovestory zwischen dem anständigen US-Soldaten und einer liebreizenden Einheimischen. Wenn der italienische Komponist um 1900 eher an ein elitäres Publikum gedacht hat, laden nun Großmeister unterhaltsamen Bühnengeschehens wie Produzent Cameron Mackintosh, Alain Boublil (Buch & Texte) und Claude-Michel Schönberg (Musik) die breite Öffentlichkeit ein, die Hemmschwelle zu einem Theaterbesuch zu überwinden. Grandiose Songs u. a. von Richard Maltby und Michael Mahler, eine wuchtige Orchestrierung von William David Brohn und ein gewaltiges Musical Staging von Bob Avian entführen die Zuschauer in ein wildes, fremdes Fernost, lassen sie dort gruseln, hoffen oder schluchzen, um sie am Ende zu Standing Ovations von den Sitzen zu reißen.

Hubschrauberstart auf der Bühne © Johan Persson

Hubschrauberstart auf der Bühne © Johan Persson

Christian Rey Marbella (Engineer) © Johan Persson

Christian Rey Marbella (Engineer) © Johan Persson

Nachdem Miss Saigon im Triumphzug bereits durch etliche namhafte Bühnenhäuser dieser Welt gezogen ist, darf man endlich nach etlichen Verschiebungen der Premiere in Wien darüber jubeln. An atemberaubender Technik wird nicht gespart. In einer unglaublich dicht inszenierten Szene findet man sich gleich zu Beginn in einem zweifelhaften Vergnügungslokal, in dem unter den anwesenden leichten Damen die jährliche Miss Saigon gekürt werden soll. Mit akrobatischen Einlagen und einem an kommunistische Präzision erinnernden Tanzensemble wird der Sieg von Hồ Chí Minh gefeiert, bis schließlich mit Getöse ein Hubschrauber startet, um die GIs auf den Weg in ihre Heimat zu bringen. Dazwischen zeigen Gino Emnes als Ami John, der neben seiner beachtlichen Röhre auch als Solosaxophonist keine üble Figur macht, die pummelige Annemarie Lauretta als freizügige Gigi oder Abla Alaoui in der Rolle der amerikanischen Ehefrau Ellen, was sie an Stimme und schauspielerischem Talent drauf haben. Der böse Vietkong Thuy ist ein von Kim versetzter Cousin.

James Park lässt einen als Kommissar ebenso wie als Gespenst kalte Schauer über den Rücken laufen und singt paradoxerweise dabei wunderschön. Den braven, zwischen den Frauen stehenden Chris meistert tadellos Oedo Kuipers. Das einzige, was ihm vorgeworfen werden könnte, ist, dass er sich nach seinem Abflug nicht energisch genug darum kümmert, die geliebte Kim und den gemeinsamen Sohn zu sich zu holen. Aber dafür kann er nichts, weil es die Handlung nicht vorsieht. Kim (Vanessa Heinz) ist zart, verletzlich und voller Vertrauen in die Liebe, die sie am Ende sogar zum Selbstmord treibt. Ein anderes Kaliber ist da schon der Engineer, Bordellbetreiber und Mann für alle Fälle, der nichts mehr ersehnt, als es in die USA zu schaffen. Christian Rey Marbella holt sich mit dem Song „The American Dream“ einen Sonderapplaus, ganz zu recht, denn sein Engineer ist die Zentralfigur dieses Musicals. Nicht zuletzt ihm hat Kim es zu verdanken, dass sie als Miss Saigon in „Die bewegendste Liebesgeschichte unserer Zeit“, wie es selbstbewusst zum Titel heißt, schlittert und daran sehenswert zerbricht.

Vanessa Heinz (Kim), Ensemble © Johan Persson

Vanessa Heinz (Kim), Ensemble © Johan Persson

Raimund Theater Logo 300

Statistik