Kultur und Weindas beschauliche MagazinAnatol auf der Rennbahn, Ensemble © Gerhard Maly ANATOL Ein Koffer voll amouröser Erinnerungen
Der junge Mann ist reich, attraktiv und höchst erfolgreich als Schürzenjäger; ein beneidenswerter Typ oder doch nicht so ganz? Letztendlich scheitert er an seiner fragwürdigen Einstellung. Er, der die Bekanntschaften öfter als seine Hemden wechselt, verlangt von diesen absolute Treue und vor allem Liebe. Das kann auf Dauer nicht gut gehen, nicht nur, weil es ungerecht ist, sondern vielmehr weil die Beteiligten keine Ahnung haben, was Liebe wirklich ist. Arthur Schnitzler hat ihm ein Denkmal gesetzt. In einem Zyklus aus Einaktern zeigt er uns Anatol in einigen aufschlussreichen Begegnungen mit Verflossenen. Mit einem Blick auf das diesbezügliche Treiben des Dichters drängt sich der Gedanke auf, dass Schnitzler damit eine harsche Abrechung mit seinem eigenen Liebesleben, besser, seinem Gewissen für die Bühne offengelegt hat. Die Darstellung seines Charakters erscheint wie das Ergebnis einer Psychoanalyse von Sigmund Freud, der jedoch erst ein gutes Jahrzehnt nach Vollendung dieses Stücks mit der Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse über das Unbewussste begonnen hat.
So eröffnet auch die Inszenierung von „Anatol“ auf der Trabrennbahn Baden kein Geringerer als Sigmund Freud. Er stellt uns das korrekte Über-Ich, das unbändig wilde Es und das dazwischen stehende Ich als die drei unser Verhalten bestimmenden Kräfte vor. Die Idee dazu kam von der Schauspielerin Conny Boes, die heuer bereits zum zweiten Mal das einzigartige Ambiente dieses Ortes mit einem Stationentheater für ein Publikum abseits der Pferde, Sulkys und Wetten öffnet. Regie führt Luzia Nistler, eine Expertin für ausgefallene Schauplätze wie Kellergassen oder eben einen Trabrennplatz. Die Führung obliegt einer mit Infusionsständer und Musikanlage ausgerüsteten Krankenschwester (Alexandra Guggenmos) und Thomas Bauer, der mit Bart und dicker Zigarre Respekt gebietend den großen Wiener Psychoanalysten gibt. Den Beginn macht die „Episode“. Die drei reizenden Ichs (Ellen Schneider, Emily Uruejoma und Caroline Turner) schsffen einen Koffer voller Memorabilia wie Briefe, Locken und Fotos zu Max, Anatols ergebenem Freund.
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