Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Anatol auf der Rennbahn, Ensemble © Gerhard Maly

Anatol auf der Rennbahn, Ensemble © Gerhard Maly

ANATOL Ein Koffer voll amouröser Erinnerungen

Sabrina Zettl (Cora) © Gerhard Maly

Sabrina Zettl (Cora) © Gerhard Maly

Sinnlich anregende Wanderung durch Arthur Schnitzlers Geschichten eines Weiberhelden

Der junge Mann ist reich, attraktiv und höchst erfolgreich als Schürzenjäger; ein beneidenswerter Typ oder doch nicht so ganz? Letztendlich scheitert er an seiner fragwürdigen Einstellung. Er, der die Bekanntschaften öfter als seine Hemden wechselt, verlangt von diesen absolute Treue und vor allem Liebe. Das kann auf Dauer nicht gut gehen, nicht nur, weil es ungerecht ist, sondern vielmehr weil die Beteiligten keine Ahnung haben, was Liebe wirklich ist. Arthur Schnitzler hat ihm ein Denkmal gesetzt. In einem Zyklus aus Einaktern zeigt er uns Anatol in einigen aufschlussreichen Begegnungen mit Verflossenen. Mit einem Blick auf das diesbezügliche Treiben des Dichters drängt sich der Gedanke auf, dass Schnitzler damit eine harsche Abrechung mit seinem eigenen Liebesleben, besser, seinem Gewissen für die Bühne offengelegt hat. Die Darstellung seines Charakters erscheint wie das Ergebnis einer Psychoanalyse von Sigmund Freud, der jedoch erst ein gutes Jahrzehnt nach Vollendung dieses Stücks mit der Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse über das Unbewussste begonnen hat.

Conny Boes (Gabiele), Sandro Swoboda (Anatol) © Gerhard Maly

Conny Boes (Gabiele), Sandro Swoboda (Anatol) © Gerhard Maly

Andreas Steiner (Max), Sabrina Zettl (Bianca) © Gerhard Maly

Andreas Steiner (Max), Sabrina Zettl (Bianca) © Gerhard Maly

So eröffnet auch die Inszenierung von „Anatol“ auf der Trabrennbahn Baden kein Geringerer als Sigmund Freud. Er stellt uns das korrekte Über-Ich, das unbändig wilde Es und das dazwischen stehende Ich als die drei unser Verhalten bestimmenden Kräfte vor. Die Idee dazu kam von der Schauspielerin Conny Boes, die heuer bereits zum zweiten Mal das einzigartige Ambiente dieses Ortes mit einem Stationentheater für ein Publikum abseits der Pferde, Sulkys und Wetten öffnet. Regie führt Luzia Nistler, eine Expertin für ausgefallene Schauplätze wie Kellergassen oder eben einen Trabrennplatz. Die Führung obliegt einer mit Infusionsständer und Musikanlage ausgerüsteten Krankenschwester (Alexandra Guggenmos) und Thomas Bauer, der mit Bart und dicker Zigarre Respekt gebietend den großen Wiener Psychoanalysten gibt. Den Beginn macht die „Episode“. Die drei reizenden Ichs (Ellen Schneider, Emily Uruejoma und Caroline Turner) schsffen einen Koffer voller Memorabilia wie Briefe, Locken und Fotos zu Max, Anatols ergebenem Freund.

Andreas Steiner hat nun die Aufgabe, mit Sandro Swoboda als Anatol den Inhalt zu sichten und darüber zu debattieren. Das Gespräch erfährt eine abrupte Wendung, als die Zirkuskünstlerin Bianca (Sabrina Zettl) auftaucht. Anatol ist überzeugt, dass er trotz einer äußerst kurzen Begegnung bei ihr einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen habe. Die Enttäuschung folgt auf dem Fuß. Sie verwechselt ihn mit einem Herren aus St. Petersburg. Ähnlich ergeht es dem Aufreißer im nächsten Teil, den Weihnachteinkäufen. Conny Boes ist Gabriele, eine ehemalige Geliebte, die sich über das im Moment aktuelle „süße Mädel“ aus der Vorstadt lustig macht und es am Ende doch beneidet, von diesem Hallodri verführt zu werden. Zettl und Boes teilen sich in der Folge die Rollen, in denen sie mit Anatol wie die Blinden von der Farb´ über Liebe und Treue verhandeln. Die von der durchaus sinnlichen Thematik angeregten Wanderer werden in die Pause mit Snacks und nach dem Verbeugen mit – ja, tatsächlich – bei Schnitzler mit einem wunderbaren Schnitzel gestärkt, bevor sie nachdenklich geworden in die laue Nacht von Baden entlassen werden.

Thomas Bauer S. Freud), Emily Uruejoma (Ich),  Caroline Turner (Über-Ich) © Gerhard Maly

Thomas Bauer S. Freud), Emily Uruejoma (Ich), Caroline Turner (Über-Ich) © Gerhard Maly

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