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Schloss Rothmühle in Schwechat

ZU EBENER ERDE UND ERSTER STOCK ist man goschert wie zu Nestroys Zeiten

Zu eener Erde und erster Stock Ensemble © Barbara Palffy

Moral und Fortuna halten sich an keine Stockwerke

Johann Nestroy wird in seiner „Lokalposse“ in drei Aufzügen zu einem Moralisten der Extraklasse. Allein, er kann diesbezüglich nirgends einwandfreies Verhalten verorten, weder unten und schon gar nicht oben, nicht im Haushalt der armen Familie Schlucker und nicht bei Herrn von Goldfuchs, der mit seinem Geld nur so um sich wirft. Es wär´ aber nicht Nestroy, fände er nicht einen Ausweg aus dieser allgemeinen Verderbtheit. Er verteilt demokratisch Eigenschaften wie Dummheit, Verschlagenheit, Gier und Naivität an die Beteiligten. Damit stattet er seine Figuren in üppigem Maße aus und macht sie so allzu menschlich, damit sich jeder im Publikum ganz leicht mit einer von ihnen identifizieren kann, so er einigermaßen ehrlich zu sich selbst ist. Bevor einer sich aber an der Nasen nimmt, lacht er lieber über die Vertrauensseligkeit des Goldfuchs, wenn sich sein Sekretär Johann ohne viel Zurückhaltung an seinem Geld bereichert, oder über den Damian, der lieber säuft und sich als Othello aufführt, statt sich seinem lieben Salerl ernsthaft zuzuwenden.

Al Kasseir (Adolf), Ines Cihal (Emilie) © Babrara Palffy

Der Schlucker selbst (Erwin Leder), ein erfolgloser Tandler, ist Opportunist von hohen Graden und trotzdem kein übler Kerl. Vor vielen Jahren hat er den „Asylantenbankert“ Adolf (Al Kasseir) neben einer Schar eigener Kinder an Sohnes statt angenommen und großgezogen. Dass der sich gerade in das Töchterl vom Stock darüber verliebt und sie, die Emilie (Ines Cihal), sich in ihn, stellt die beiden eigentlich außerhalb aller moralischen Fragen. Aber alle anderen können daran ordentlich ihre negativen Eigenschaften abarbeiten und „Zu ebener Erde und erster Stock“ in den Rang einer Parabel für die Unzulänglichkeit des menschlichen Geschlechts erheben.

Franz Steiner (Goldfuchs) mit Ensemble © Barbara Palffy

Nestroys Gralshüter, das Internationale Nestroy Zentrum Schwechat, lässt mit den Nestroy-Spielen unter der Regie von Peter Gruber den wohl schlagfertigsten und in seinem Witz mutigsten Autor des Biedermeier wieder auferstehen. Nestroy selbst soll wegen gewagten Extemporierens in der Rolle des Dieners Johann drei Tage Arrest bekommen haben. Florian Haslinger, der den Sekretär mit den langen Fingern in Schwechat gibt, legt sich in einem Couplet ebenfalls mit den Mächtigen an.

Er lässt an der türkisblauen Regierung kein gutes Haar. Ähnlich kritisches Draufgängertum legt auch das freche Salerl (Rahel Kislinger) an den Tag, das sein Leid über persönliches Ungemach und anderweitige Unmenschlichkeiten in angriffigen Pointen beklagt. Der Applaus dafür dürfte beiden aber keineswegs schaden, denn welcher Politiker will nicht karikiert werden. Er wäre sonst ja bedeutungslos. Es besteht auch kaum die Gefahr, dass die schwarze Hanni die Subventionen zensurartig darob kürzen könne, NÖ-Landeshauptfrau wurde ja vorsichtshalber nicht verrissen.

 

Damit das Glück gleich bataillionsmäßig bei den Schluckers einrücken kann, hat Nestroy den im Grunde gutherzigen Goldfuchs (Franz Steiner) zu einem Spekulanten gemacht. Von der Laune Fortunas in diesem Geschäft kann manch einer ein Lied singen, der von seiner Villa aus direkt in den Knast umgezogen ist. Da ist Hausherr sein schon ein solideres Gewerbe. Herr Zins (Bruno Reichert) kann´s so besehen am Ende sogar gelassen hinnehmen, dass ihm der letztlich märchenhaft wohlhabend gewordene Adolf die als Ehefrau geplante Emilie ausspannt.

Übrigens, das Quartett Johann und Salerl unten und der auf amourösen Abwegen befindliche Damian (Christian Leutgeb) und Zofe Fanny (Elisabeth Spiwak) oben ist ein Ohrenschmaus. Chapeau den vier Darstellern, die auf zwei Ebenen zu verdächtig nach Mozart klingender Musik (Klavier: Otmar Binder) virtuos zusammen singen. Kurz gesagt, die Nestroyspiele Schwechat haben mit durchwegs ehrenamtlichen Beteiligten die Tandlerehre voll und ganz rehabilitiert.

Zu ebener Erde und erster Stock Ensemble © Barbara Palffy
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