Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Schloss Rothmühle in Schwechat

WOHNUNG ZU VERMIETEN nur an Nestroyfans

Wohnung zu vermieten Szenenfoto © Herbert Neubauer

Der schonungslose Blick auf liebenswürdige Malefize

Es soll umgezogen werden. Die Familie dürfte sich vergrößern. Eine Hochzeit steht ins Haus, mit drei Buben, einem Säugling, den Eltern und dem jungen Paar erscheint dem pensionierten Sektionschef Gundlhuber die derzeitige Wohnung zu eng. Es geht also hinaus ins biedermeierliche Wien auf die Suche nach etwas Passendem. Johann Nestroy beobachtet dabei diese gut bürgerlichen Leut´ und lässt dabei kein gutes Haar an ihnen und all den anderen, denen sie bei dieser Herbergsuche begegnen.

Wohnung zu vermieten Szenenfoto © Herbert Neubauer

Allein der Originaltitel dieser Posse ist schon eine Bosheit für sich: Eine Wohnung zu vermiethen in der Stadt. Eine Wohnung ist zu verlassen in der Vorstadt. Eine Wohnung mit Garten ist zu haben in Hietzing. Mit dieser breiten Streuung der begehrten Immobilien ist gesichert, dass kein Wiener vom Spott des sprachgewaltigen Satirikers verschont bleibt. Vielleicht war das einer der Gründe, dass dieses Stück bei der Uraufführung gnadenlos ausgezischt und schon nach drei Aufführungen abgesetzt wurde. Der zweite Grund liegt wohl im bühnentechnischen Bereich. Die Schauplätze werden gewechselt wie anderswo die Hemden. Es wollen das Wachsfiguren-Kabinett der halbseidenen Madame Chaly (verführerisch: Ines Cihal) ebenso möbliert werden wie der Salon des Pleitiers und Mannes von Ehre namens Heuschreck (ein Kerl wie Karl Valentin: Erwin Leder) oder die Stube eines Brandweiners, gerammelt voll besoffener Schnapsbrüder und –schwestern, in denen sich Hausmeister Cajetan Balsam (mit wildem Blick und herben Umgangsformen: Robert Herret) die Courage antrinkt, seiner Geliebten, dem Stubenmädchen Lisette (Rahel Kislinger) den Hof zu machen. Für sie, das junge Ding, schmilzt der Altersunterschied sofort, als sie erfährt, dass der angejahrte Verehrer Hausbesitzer ist. „Oh Häuser, Häuser, eure Macht ist groß!“, so Nestroy.

Wohnung zu vermieten Szenenfoto © Herbert Neubauer

Für die 47. Nestroy Spiele Schwechat und den seit eben so vielen Jahren unermüdlich arbeitenden Regisseur Peter Gruber war dieser Punkt allerdings das kleinste Problem. Geschickt aufgestellte Schränke in mehreren Etagen lassen sich im Handumdrehen in das jeweilige Etablissement verwandeln und schaffen Möglichkeiten zum Auf- und Abtreten. Mit etwas Phantasie, unterstützt vom mimerischen Können des Ensembles, taucht man gerne in diese schräge Welt voll schiefer Typen ein.

Ohne die sehenswerte Rücksichtslosigkeit von Herrn Gundlhuber, als der Bruno Reichert in fremde Intimsphären einbricht, wäre das Ganze ja nichts als ein netter Spaß. Mit den dabei gewonnen Erkenntnissen auch seitens des Publikums gelangt man aber bald zur Gewissheit, dass ganz Wien ausschließlich von Malefizen bewohnt wird, also von kleinen Strolchen, denen Moral und Charakter eher als Fremdwörter erscheinen. Dessen heiratsfähige Tochter Amalie (Elisabeth Spiwak) soll dem netten Burschen August Fels (Patrick Leitgöb) vermählt werden. Sie hat aber längst ein Auge auf den Schönling Eduard (Lukas Aschenreiter) geworfen, der seinerseits verliebte Briefe in ihr Gemacht schupft. Also wird eine Liebesprobe inszeniert, die der Bräutigam gegen die Freundin Amaliens, die hübsche Louise (Michaela Prendl) als Agent Provocateur prompt verliert. Dem Vater von August, dem Kapitalisten und Gourmand Wohlschmack (Franz Steiner), wäre alles recht, solange er nur essen und furzen kann. Dass aber im Wachsfiguren-Kabinett just von ihm eine nicht gerade schmeichelhafte Abbildung steht, verdirbt ihm zwar nicht den Appetit, aber erheblich die Laune.

Diese stellt sich umgehend bei den Zuschauern ein, die freudig überrascht dem Fiaker applaudieren, der von Heinz Kerschbaumer als Pferd und Kutscher in Personalunion betrieben wird. Am Ende schwächelt sogar ein Lästermaul wie Nestroy, der aus dem ganzen genial gezeichneten Haufen windiger Zeitgenossen eine Schar williger Heiratskandidaten macht. Aber vielleicht ist gerade ein solches Happy End die schlimmste Bösartigkeit des Dichters, mit der er dieser Farce die Krone aufgesetzt hat.

Wohnung zu vermieten Szenenfoto © Herbert Neubauer
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