Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Hin und Her Ensemble © Anna Zehetgruber

HIN UND HER Eine nahezu alltägliche Posse

Christian Rovny, Angela Schneider, Michael Duregger © Anna Zehetgruber

Ödön von Horváths Meinung zum Sinn, oder besser den Unsinn mancher Grenzen

Üblicherweise hat eine Brücke die Funktion als Verbindung. In dem Moment aber, wenn sie einen Grenzfluss überspannt, dient sie der gut zu überwachenden Trennung zweier Staaten. Nicht zufällig fallen bei Kriegsbeginn die ersten Bomben auf solche Brücken. So lange Frieden herrscht, bieten derlei Einrichtungen ausreichend Möglichkeit zu gegenseitigen Gehässigkeiten, die dank der natürlichen Distanz hüben wie drüben harmlos bleiben. Da die Fläche zwischen den Grenzbalken keinem gehört, also Niemandsland ist, bleiben die Streithähne auf Abstand, denn im Grunde will niemand durch widerrechtliches Betreten ein völkerrechtliches Problem vom Zaun brechen. Die Fläche über dem Wasser bleibt tabu, auch für die Grenzbeamten, die jeden Übertritt penibel kontrollieren und registrieren. Es wäre nicht Ödön von Horváth, hätte er nicht darin das Potential einer bitter bösen Posse erkannt. Nachdem er selbst als Vertriebener aus Nazideutschland um seine Staatsbürgerschaft nach Budapest pilgern musste, erfindet er mit Ferdinand Havlicek ein Alter Ego.

Martin Gesslbauer als verkleideter Schmugglitschinski © Anna Zehetgruber

Der bedauernswerte Kerl ist in dem einen Land geboren, als Kind aber in das andere gekommen und dort aufgewachsen. Da er mit einer Drogerie Konkurs gemacht hat, muss er dieses nach 50 Jahren aufgrund wirtschaftlicher Mittellosigkeit verlassen. Havlicek wird abgeschoben, aber kaum erreicht er den gegenüber liegenden Grenzbalken, wird er dort zurückgewiesen. Er hat es versäumt, gemäß einem zwischenzeitlich erlassenen Gesetz die Staatsbürgerschaft zu erneuern. Havlicek wird zum Bewohner der Brücke und zum Zeugen diverser Schicksale, die sich grenzüberschreitend ereignen und – man beachte Horváths ungläubiges Augenwinkern – im Happy End einer Komödie enden.

Anne-Sophie König, Ben Marecek © Anna Zehetgruber

Bei den Sommerspielen Schloss Sitzenberg ist Ödön von Horvath durchaus ein Erfolgsgarant. Intendant Martin Gesslbauer hatte schon vor der großen Pandemie und ihren unzählig neu geschaffenen Grenzen das Stück „Hin und Her“ entdeckt und ist nun von dessen Aktualität überwältigt. Regisseurin Anke Zisak hat den Schauplatz ohne falsche Romantik aus rohen Brettern gezimmert als herben Kontrapunkt in den stimmungsvollen Innenhof des Renaissanceschlosses gestellt.

Mit sanfter, aber doch bestimmter Hand lässt sie Grenzbeamte, Schmuggler und andere eher zufällig die Handlung befördernde Gestalten um die im wahrsten Sinn des Wortes zentrale Figur des Havlicek herum agieren. Michael Duregger ist dieses lammfromme Opfer bilateraler Sturheit. Christian Rovny als versoffener und menschenverachtender Gendarm Mrschitzka hat die Ehre, Havlicek abzuschieben. Er übergibt ihn an den ebenfalls trinkfreudigen Thomas Szamek (Gerhard Karzel), dem Grenzorgan, das allerdings ganz andere Sorgen als diesen Schübling hat.

Seine Tochter Eva (Anne-Sophie König) ist just in den Kollegen von drüben, in den zwar netten, aber seinen Vorschriften blind gehorchenden Konstantin (Ben Marecek) verliebt. Die einzige Person, die Mitleid mit dem auf der Brücke wohnhaften Havlicek zeigt, ist Frau Hanusch, eine hoch verschuldete Hoteliers Witwe, der Michaela Ehrenstein glaubhaft das Bedürfnis nach einem repräsentativen Mann verleiht. Sie bringt Essen und Wein und lässt sich in einer ungemein berührenden Szene zu einem Kuss mit Havlicek verleiten. Ein paar günstige Zufälle wie das geheime, aber gründlich missratene Treffen der beiden Staatslenker (Reinhard Hauser und Angela Schneider, die sich auch in ein hinreißend komisches Ehepaar auf Sommerfrische verwandeln) und das Dingsfestmachen von berüchtigten Schmugglern (Martin Gesslbauer, Toni Öllerer) drehen schließlich alles zum Guten, so sehr, dass am Ende das Ensemble, begleitet von Heinz Jiras am Akkordeon, mit gutem Gewissen singen darf: Grenzen akzeptieren bis sie die Gültigkeit verlieren!

Michaela Ehrenstein, Michael Duregger © Anna Zehetgruber
Sommerspiele Sitzendorf Logo 250
Schloss Sitzenberg  Foto © Peter Bors

Statistik