Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Martin Gesslbauer, Michael Duregger, Markus Freistätter © Karoline Mitterling

DER SCHWIERIGE Konfusion durch Konversation

Anke Zisak, Martin Gesslbauer © Karoline Mitterling

Eine Soiree von heillos zerredeten Missverständnissen

„In meinen Augen ist Konversation das, was jetzt kein Mensch mehr kennt“, sinniert der alte Graf Altenwyl angesichts der erlauchten Gäste, die sich in seinem Palais zur Soiree eingefunden haben. Wie recht er doch hat! 1921 wurde das Lustspiel „Der Schwierige“ im Residenztheater München uraufgeführt. Hugo von Hofmannsthal hat also einen der letzten Tage einer Gesellschaft beschrieben, die es nach dem 3. April 1919 mit dem Adelsaufhebungsgesetz in Österreich nicht mehr in dieser Form gegeben hat. Noch haben Barone und Grafen das Wort, besser gesagt, eine Flut von Wörtern, um damit nichts Konkretes auszudrücken. Man redet miteinander und aneinander vorbei in einer seltsam gekünstelten Sprache, der mit diesem Stück ein großartiges literarisches Andenken gesetzt wurde. Man betrieb Konversation und war sich bewusst, dass alles, was ausgesprochen wurde, indezent sei, also unangebracht. Brocken aus dem Französischen waren comme il faut, gerade so wie heute das Englische, ohne das man nicht auskommen zu können glaubt. Vielleicht waren es die Nachwehen des Ersten Weltkrieges.

Michael Duregger, Reinhard Hauser © Karoline Mitterling

Jedenfalls hat allgemeine Distance geherrscht. Durch nichtssagende Plauderei versuchte man Angst und Depression zu übertünchen. Wenn es aber an den Kern einer Sache ging, war man hilflos und verfing sich in durchsichtigen Ausreden. Das betraf natürlich auch die gegenseitigen Beziehungen von Mann und Frau, die bei Hofmannsthal ein dünnes Gerüst für eine Handlung darstellen. Es geht um einen Herrn, der zwar seine Eigenheiten besitzt, im Grunde aber ausgerechnet durch seinen Einsatz als Offizier an der Front eine Ahnung vom wahren Sinn des Leben erhalten hat und sich mit der Schalheit in seiner engsten Umgebung nur wenig anfangen kann und deswegen als schwierig gilt.

Martin Gesslbauer, Tony Bieber © Karoline Mitterling

Bei den Sommerspielen Schloss Sitzenberg hat man heuer Gelegenheit, in diesen Moment eines letzten Lebenszeichens der großen Salons einzutreten. Intendant Martin Gesslbauer hat selbst den Hans Karl Bühl übernommen. Er lässt mit ernstem Gesicht die Intentionen seiner Schwester Crescence (Angela Schneider), sich zu verheiraten, abprallen und versucht der verflossenen Geliebten Antoinette (Adriana Zartl) ihren Gatten Hechingen (Felix Kurmayer) schmackhaft zu machen.

Ein Päckchen von Briefen lässt er über deren Kammerjungfer (Doris Richter-Bieber als darob sehr traurige Agathe) retournieren. Am Ende wird er doch von den Gefühlen zur jungen und schönen Helene Altenwyl (Anke Zisak) überwältigt. Markus Freistätter ist sein Neffe Stani, dessen Mamu auch für ihn Heiratspläne schmiedet, der es aber recht locker nimmt, wenn ihm Onkel Kari die Braut ausspannt. Eine recht dubiose Erscheinung ist Michael Duregger als Baron Neuhoff ebenso wie als neuer Diener Vinzenz. Als Baron macht er sich an jede Frau heran, um leere Liebesschwüre bei ihr loszuwerden, als Diener pfeift er sich nichts um die Befindlichkeiten seiner sensiblen Herrschaften. Derlei respektloses Verhalten erschüttert den angestammten Lakaien Lukas natürlich gewaltig. Nicht besser geht es Reinhard Hauser in seiner zweiten Rolle, wenn er als geistige Zelebrität aufgrund einer Namensähnlichkeit von der so gern gescheiten und belesenen Edine (Anne-Sophie König) mit einem von ihm verachteten Fakultätsgenossen verwechselt wird.

Zusammengehalten werden Konfusionen und Konversationen von Regisseur Michael Schefts, der sowohl die elegante Logis von Kari als auch das Palais von Altenwyl, dem Tony Bieber würdige Figur verleiht, auf eine nüchtern schwarzweiße Bühne stellt, mit dicken Büchern als Mühe bereitende Stiegenaufgänge, wohl um klar zu machen, dass es im stimmungsvollen Arkadenhof von Schloss Sitzenberg genügt, sich an nichts als an den genialen Text eines Hugo von Hofmannsthal zu halten.

Anne-Sophie König, Adriana Zartl © Karoline Mitterling
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Schloss Sitzenberg  Foto © Peter Bors

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