Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Zigeunerliebe Ensemble und Solsiten © Christian Husar

ZIGEUNERLIEBE Viel Bemühung um den wahren Cymbalklang

Cornelia Horak und das Ballett der Bühne Baden © Erich Wellenhofer

Das Hohelied von der Angst vor dem Teufel, der in der Fiedel steckt

Sehr oft steht Franz Lehárs Operette „Zigeunerliebe“ nicht auf den Spielplänen. Direktor Michael Lakner führt es auf die Besetzung zurück, die bei den Solisten jeweils zwei große Tenöre und Soprane vorsieht. Schaut man genau hin, dürften die Gründe dafür ganz wo anders liegen. Dass man heutzutage nicht mehr Zigeuner sagen darf, ist das kleinste Problem. Es liegt meiner Meinung nach an der Handlung, also dem Libretto von Alfred Maria Willner und Robert Bodanzky. Sie haben eine nachdenklich machende Geschichte für an sich leicht daherkommende Operettenmelodien geschrieben. Ein braves ungarisches Mädchen, verwöhnte Tochter eines Gutsbesitzers, will aus ihrer heilen Welt ausbrechen und anstelle des Jugendfreundes einen Zigeuner heiraten. Erinnert das nicht an eine andere Operette von Lehár? In „Das Land des Lächelns“ ist es die gleiche Geschichte und führt da wie dort zu einem Culture Clash, an dem die Heldin zerbricht. Der Unterschied liegt in der Musik. In dem einen Fall geht zwischen Wien und China melodiös die Post ab und ein Hit erschlägt den anderen.

Cornelia Horak, Vincent Schirrmacher © Erich Wellenhofer

Bei der „Zigeunerliebe“ braucht man einiges an Geduld, bis sich der erste Ohrwurm mit „Ich bin ein Zigeunerkind“ einstellt. Wirklich hängen bleibt von all den anderen Arien und Duetten lediglich das „Hör´ ich Cymbalklänge“, das jedoch nicht von der Hauptperson Zorika, sondern von der sexuell auf diese Ethnie fixierten Gutsbesitzerin Ilona gesungen wird. Es bleibt also Zeit zum Reflektieren, was uns diese Operette heute noch sagen könnte, nachdem Roma und Sinti zum Großteil sesshaft und ebenso biedere Bürger wie unsereins geworden sind. Ich persönlich habe beschlossen, mich der Romantik einer Geige hinzugeben, wie sie heute noch in jeder Csárda jenseits der Grenze den traurigen Sonntag schluchzt. Man dürfte damit nicht so falsch liegen, denn Lehár lässt bereits in den ersten Takten der Fiedel die Führung, wenn auch sehr akademisch, das heißt ohne die Glissandi und weichen Finger eines Zigeunerprimas.

Christoph Wagner-Trenkwitz, Miriam Portmann, Iurie Ciobanu plus Ensemble © Christian Husar

In der Bühne Baden hatte man am 13. Juli 2019 die seltene Gelegenheit, die „Zigeunerliebe“ von den Profis dieses Genres vorgesetzt zu bekommen. Kinga Vass, ihres Zeichens Konzertmeisterin, war Tongeberin des Spielmanns Jószi, der mit seiner Fiedel nicht einmal so tun darf als täte er. Vincent Schirrmacher hält das Instrument nur locker in der Hand und lässt ohne Widerstreben die anderen seinen Bogen anfassen; was kein Streicher je gestatten würde, weil die Haare fett werden und rutschen. Dafür singt er gottvoll.

Kraft, Fülle und Höhe zeugen von der ausnehmenden Klasse dieses Tenors. Ganz auf lockeren Typen getrimmt, kann er sich der Zudringlichkeiten der Frauen kaum erwehren. Dass sich ausgerechnet Zorika in ihn verliebt, kann wohl nicht einmal ihre Darstellerin, die großartige Sopranistin Cornelia Horak, beantworten. Sie wird schließlich von ihren Flausen geheilt. Die Methode ist kurios, aber wirksam. Zorikas Vertraute Julcsa (Kerstin Grotrian) gibt ihr Wasser aus dem Fluss Czerna zu trinken, nicht ohne dieses mit einem guten Schuss Drogen zu bereichern. In den daraus folgenden Halluzinationen sieht Zorika in die Zukunft und beschließt nach dem Aufwachen, sich doch mit dem soliden Jonel Bolescu (Iurie Clobanu mit beachtlicher Power) zu verheiraten.

 

Die Nebenrollen haben es diesbezüglich weit schwerer, einigermaßen logisch ihren Part zu verkörpern. Zum einen sind das Gutsbesitzer Peter Dragotin und seine Nachbarin Ilona. Christoph Wagner-Trenkwitz muss sich von Miriam Portmann als gefüllter Paprika bezeichnen lassen, was gar kein so schlechter Vergleich ist, und gibt dennoch die Werbung um diese vitale Dame mit der großen Stimme nicht auf. Mehr oder weniger gewaltsam wurde ein klassisches Buffo-Paar eingebaut. Der etwas beschränkte Kajetán (Dominik Am Zehnhoff-Söns) wird von der süßen Jolán (Elisabeth Schwarz) zu einem Heiratsantrag bei ihrem Onkel Dragotin verführt.

Das blödelnde Quartett stört empfindlich die Besinnlichkeit, die diesem Thema immanent wäre. Aber ohne es wäre es wohl keine Operette mehr, sondern eine moderne Oper. Regisseurin Isabella Fritdum hat das Beste daraus gemacht, indem sie mit Kostümen, Ausstattung und Beleuchtung schräger und schräger wird, bevor am Ende alles wieder zur ungarischen Folklore zurückkehrt. Gelungen scheint mir die Idee, den Fluss, an dem Zorika zu sich selbst findet, mit dem Ballett in fließenden Gewändern darzustellen (Choreographie: Guido Markowitz). Ein geheimnisvolles Tor, davor eine Brücke und ein Wasserfall in den Schluchten, die dieses Gewässer auf seinem Lauf zur Donau durchquert, genügen als Bühnenbild (Ausstattung von Susanne Thomasberger). Also nix mit Tiefebene und Puszta, sondern ein ehemaliges Ungarn an der östlichen Grenze der Monarchie, heute Rumänien. Begleitet wird das Ganze vom Orchester der Bühne Baden unter der Leitung von Michael Zehetner, der erfolgreich um magyarischen Schwung und Paprika in einer nicht immer so komponierten Musik bemüht war.

Dominik Am Zehnhoff-Söns, Elisabeth Schwarz © Christian Husar
Sommerarena in Baden

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