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Der Bettelstudent Ensemble © www.christian-husar.com

DER BETTELSTUDENT keinen Tupf Geld, aber reich an Melodien

Johannes Terne, Sylvia Rieser, Regina Riel, Ilia Staple © Christian Husar

Wenn´s in Baden Krieg zwischen Sachsen und Polen gibt, ist der sogar ungemein amüsant

Schade um den schönen Fächer, der am feisten Gesicht des sächsischen Oberst Ollendorf zerfleddert wurde. Ganz im Sinne von Me Too hat die schöne, aber standesbewusste Laura, Tochter der polnischen Gräfin Nowalska, eine Zudringlichkeit des hohen Militärs damit abgeschmettert. Das alles in der Öffentlichkeit. Von jedem Mann hätte Ollendorf Genugtuung fordern können, aber von einer schönen Frau? Er verfällt also auf eine List, die ihm zwar eine Stange Geld kostet, aber seine Ehre wieder herstellt. Er veranlasst, dass die verarmte Gräfinnentochter einen Habenichts heiratet, der ihr als reicher Fürst vorgestellt wird. Dass sein Plan gelingt, ist nicht zuletzt die Frucht der Gier der adeligen Mutter Palmatica. Das Happy End: Am Ende geht Polen für die Sachsen verloren. Der Freund des Bettelstudenten ist der Herzog von Polen, der ihn umgehend in den Adelsstand erhebt und somit ein zur Zeit der Entstehung dieser Operette (Uraufführung 1882) noch wesentliches Ehehindernis aus dem Weg schafft. Friedrich Zell und Richard Genée haben die kuriose Story zu einem Libretto verarbeitet

Regina Riel, Matjaž Stopinšek © www.christian-husar.com

Carl Millöcker hat es vertont. An musikalischen Einfällen hat es dem Komponisten dabei beleibe nicht gemangelt. Allein schon die Jammerei von Oberst Ollendorf, dass er die Schöne ohnehin nur auf die Schulter geküsst hätte, ist zu einen Gassenhauer geworden. Eine Melodie nach der anderen ist ein Ohrwurm und hat diese Operette schlagartig zu einem Riesenerfolg gemacht. Noch ist Polen nicht verloren wurde zu einem geflügelten Wort und keine Polin kann das zweifelhafte Kompliment wirklich ernst nehmen, wenn den Herren nichts besseres als dieses Zitat einfällt, wenn sie der Nationalität dieser Frau gewahr werden.

S. Huppmann, A. Graner, J. Schmeckenbecher, T. Malik, M. Fischer, Robert R. Herzl © C. Husar

In Baden prolongiert man diesen Erfolgslauf, denn die Inszenierung von Isabella Gregor ist ein wahrer musikalischer Spaß, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Freilich kann die Regisseurin dabei auf ein Ensemble setzen, das vergessen macht, dass es sich hier eigentlich um Krieg, Gefängnis, Betrug und Standesdünkel handelt. Der mächtige Bass von Jochen Schmeckenbecher als Oberst Ollendorf könnte Kanonendonner übertönen und ganze Heerscharen von Feinden in Furcht versetzen.

Der Knastwärter Enterich (Robert R. Herzl) ist der einzige Sachse, der wirklich sächselt, wenn er als ausgewiesener Sadist die Inhaftierten zur Gaudi quält. Diesen zwei Negativtypen stehen die beiden Lichtgestalten Jan Janicki (Ricardo Frenzel Baudisch schlank wie sein lyrischer Tenor) und Symon Rymanowicz gegenüber. Matjaž Stopinšek ist ein Tenor der Extraklasse, kraftvoll strahlend, der vor allem in der Höhe hörbar seinen Spaß mit den schwierigsten Passagen rüber bringt. Millöcker hat bei dieser Rolle nicht mit Spitzentönen gespart und hätte seine Freude an diesem Bettelstudenten gehabt. Dass sich Stopinšek von der stets hungrigen Bronsilava auf den Bauch klopfen lassen und hören muss, dass er gerne isst, ist ein Spaß am Rande. Ilia Staple ist wirklich zierlich und hat neben ihrer klaren, hellen Stimme auch gewaltiges komisches Talent.

Allein wenn sie sich die heißen Erdäpfel ins Dekolleté steckt und diese von dort herausdampfen, dann sind ihr die Lacher gewiss. Die schöne Laura hat mit Regina Riel die entsprechende Verkörperung als frauliche Ergänzung des zu jeder Schandtat bereiten Studenten gefunden. Ein Erlebnis der besonderen Art verschafft dem Publikum der Diener Onuphrie. Johannes Terne wird zum Faktotum, das von der Köchin über das Stubenmädchen und den Kammerdiener bis zur Post alles erledigt und dabei von Herzenslust so gekonnt blödelt, dass man sich freut, wenn er ins Geschehen eingreift.

Der Bettelstudent Ensemble © www.christian-husar.com

Die lustige Witwe Ensemble © www.christian-husar.com

Erfrischend quirlig und liebenswert: DIE LUSTIGE WITWE

Die lustige Witwe Ensemble © www.christian-husar.com

Alles wird gut, wenn die Weiber die Hosen anhaben

Die Herren haben offenbar nichts anderes im Kopf als in zweifelhaften Etablissements nicht vorhandenes Geld auszugeben und nebenbei fremde Ehefrauen zu verführen. Umgekehrt haben auch die Damen kaum einen Hang zu ehelicher Treue und genießen die Avancen potentieller und potenter Liebhaber. Die Rede ist von den Parisern um 1900 und da nur von einer gewissen gehobenen Schicht. Man hat den Eindruck, dass sich Victor Léon, ein Mitglied des vantgardistischen „Jung Wien“, und Leo Stein den Zorn über diese Zustände von der Seele geschrieben haben, als sie das Libretto für die von Franz Lehár komponierte Operette „Die lustige Witwe“ verfassten. Die Herkunft der Hauptfiguren wurde in ein nicht näher definiertes Pontevedro verlegt, was die Zuhörer bei der Uraufführung jedoch sehr schnell als das damals verarmte Montenegro erkannt haben. Dessen Gesandter in Frankreich, Baron Mirko Zeta, ist erstens mordsmäßig korrupt, zweitens aber auch ein rechter Depp was seine Frau Valencienne betrifft. Dazu gesellt sich die verwitwete, aber bildhüsche Landsfrau Hanna Glawari.

Reinhard Alessandri, Maya Boog © www.christian-husar.com

Nach kurzer Ehe mit einem alten Trottel hat sie dessen unermessliches Vermögen geerbt und ist nun Zielscheibe seiner durchtriebenen Heiratspolitik. Sie soll den lebenslustigen Grafen Danilo Danilowitsch heiraten, einen Pontevedriner, um mit dem erheirateten Geld den Staatsbankrott des Vaterlandes abzuwenden. Der gute Danilo hat allerdings keine Lust zur Verehelichung, nicht weil er Hanna nicht mag, sondern weil es in der Vergangenheit bereits ein Verhältnis mit dieser Frau gegeben hat, das für beide unerquicklich geendet hatte. Daneben betreibt die vorgeblich anständige Frau des Barons hinter dessen Rücken ein frivoles Spielchen mit dem Franzosen Camille de Rossilon und mischt die ganze Geschichte mit einem Fächer auf, der verräterische Beschriftungen aufweist. Der eigentliche Schauplatz wäre das Maxim mit den freizügigen Grisetten Lolo, Dodo, Jou-Jou, Frou-Frou, Clo-Clo, mit denen Danilo durchwegs per du ist. Man bekommt diesen aber nie zu Gesicht, sondern feiert lieber in der Pariser Botschaft von Pontevedro und am Schloss von Hanna, wohin auch die Tänzerinnen eingeladen werden. An Frauen gibt es in dieser Handlung also keinen Mangel, was die Librettisten dazu veranlasst haben mag, sie abschätzig als Weiber zu bezeichnen und deren Behandlung im sogenannten Weibermarsch zu erklären.

Paul Schmitzberger, Martha Hirschmann © www.christian-husar.com

Möglicherweise war es gerade die krasse Kluft zwischen dem eher belämmerten Inhalt und der traumhaften Musik Lehárs, die dieser Operette zu ihrem gewaltigen Erfolg verholfen hat. Dass man sie auch in unserer Zeit noch ohne alle Peinlichkeiten aufführen kann, beweist die Bühne Baden. Regisseur Michael Schilhan hat dem ganzen ein Augenzwinkern aufgesetzt, aber gleichzeitig aus den Protagonisten Hanna und Danilo ein berührendes Annähern zueinander herausgeholt. Das restliche Drumherum ist feine Parodie, die man einfach lachend genießen darf. Die Ausstattung von Alexia Redl trägt das ihre dazu bei, sich um 100 Jahre zurückversetzen zu lassen; mit einem eleganten Salon im ersten Akt und aufwändigen Bauten wie ein Grillstandl, dem Pavillon, und Wohnwagen im zweiten und sogar dem Heck eines Hubschraubers im dritten Akt.

 

Das Ensemble ist durchwegs hörens- und sehenswert. Allein Beppo Binder ist ein Garant für komische Situationen, wenn er sich als Raoul de St. Brioche mit Vicomte Cascada (Thomas Zisterer) um die reiche Witwe bemüht.

Valencienne als Ehefrau von Baron Mirko Zeta (Wolfgang Gerold) wird mit Martha Hirschmann unter blondere Perücke und im weißen duftigen Kleid zu einem hübschen Verschnitt von Marilyn Monroe. Ihren eigentlichen erotischen Spaß hat sie mit dem in sie verliebten Franzosen Camille de Rossilon. Der Tenor Gustavo Quaresma schlägt sich tapfer in der mit abenteuerlich hohen Passagen gepickten Partie. Die Rolle des Grafen Danilo ist mit riesigen Erwartungen verknüpft, denen Reinhard Alessandri mehr als gerecht wird. Man versteht, dass die lustige Witwe im roten Hosenanzug auch nach einstigen Querelen noch in ihn verliebt ist.

Die beiden schaffen immer wieder große Momente voller Gefühl. Wenn vom Orchester unter der Leitung von Franz Josef Breznik leise der Walzer „Lippen schweigen“ gespielt wird und sich die Kampfhähne auszusprechen beginnen, dann hat das schon Gänsehautfaktor. Mucksmäuschen still war es im Zuschauerraum bei der umjubelten Premiere übrigens beim Vilja-Lied, bei dem man sich vor allem auf die hohen Passagen freute, in denen die Stimme von Maya Boog zu wunderschöner Größe aufblüht.

Martha Hirschmann und das Ballett der Bühne Baden © www.christian-husar.com

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