Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Monika Schmatzberger, Erich Knoth © Ulrich Öhlinger

Monika Schmatzberger, Erich Knoth © Ulrich Öhlinger

REIGEN Ein Sittenbild Klosterneuburgs um 1900

Kevin Koller, Johanna Rieger © Ulrich Öhlinger

Kevin Koller, Johanna Rieger © Ulrich Öhlinger

Eine kurze Einführung in das recht unfromme Treiben hinter der altehrwürdigen Martinskirche

Wie gut, dass es keine Sittlichkeitszensur mehr gibt. Sie hätte diese Aufführung im Rahmen des Sommertheaters Klosterneuburg wohl verboten. Da wird von Koitus zu Koitus getanzt, und das in aller Öffentlichkeit vor einer Ansammlung von Voyeuren, pardon, einem Publikum, das die Freizügigkeit der sich nacheinander paarenden Frauen und Männer sogar mit Applaus belohnt. Die Rede ist vom „Reigen“, wie Arthur Schnitzler sein Drama treffend betitelt hat. Es zeigt unverblümt den Umgang mit der Sexualität Ende des 19. Jahrhunderts quer durch die Gesellschaft, vom freizügigen Stubenmädel bis hinauf zum gräflichen Lebemann, der sich nach einem Vollrausch nicht mehr erinnern kann, ob er mit der Dirne nun geschlafen hat oder nicht. Zehn Szenen mit eher eindimensionalen Dialogen zeigen die vergebliche Suche nach wahrer Zuneigung, da sich die Gespräche eher in einer Inflation von nicht ernst gemeinten Liebenserklärungen erschöpfen, ohne eventuelle unangenehme Folgen wie Syphilis oder, damals besonders schlimm, eine ungewollte Schwangerschaft zu erwähnen. Man könnte das beidseitige Werben deswegen auch als guten Schmäh bezeichnen, der dank Schnitzler in diesem Theaterstück durchaus mit literarischen Qualitäten veredelt wurde.

Clemens Lüer, Julia Prock-Schauer © Ulrich Öhlinger

Clemens Lüer, Julia Prock-Schauer © Ulrich Öhlinger

Julia Prock-Schauer, Johanna Rieger © Ulrich Öhlinger

Julia Prock-Schauer, Johanna Rieger © Ulrich Öhlinger

Für die Truppe um Johanna Rieger und Julia Prock-Schauer genügt für deren Inszenierung eine denkbar bescheidene Ausstattung. Eine Parkbank mit Laterne, ein Paravent und ein Bett genügen, um das mit kleinen Textänderungen aus Wien nach Klosterneuburg verlagerte Geschehen im Freien glaubhaft umzusetzen. Dass sich dahinter die gotische Apsis der Martinskirche erhebt, wirkt eher wie ein reizvoller Kontrapunkt zum höchst unanständigen Treiben des Ensembles. Die Brücken zwischen den einzelnen Szenen werden getanzt. Rieger dreht sich als Dirne nach vorne, um dort Erich Knoth als eiligen Soldaten zu einer schnellen Nummer zu überreden. Der wiederum trifft nach einem kurzen „Servus! Leocadia...“ mit ein paar Wechselschritten das Stubenmädchen. Monika Schmatzberger steht mutig zu ihrem Dekolleté, aus dem ein Respekt einflößender Busen quillt.

Solch einer Verlockung kann auch der junge Herr (Clemens Lüer) nicht widerstehen und nimmt gerne eine erotische Lehrstunde bei dieser reifen Frau. Da er kein Kostverächter ist, erfreut er sich auch am Besuch einer jungen Dame (Prock-Schauer), die gleich darauf mit ihrem Ehemann (wieder Knoth) in einschlägige Diskussionen verwickelt ist. Der wiederum ist in Sachen Befriedigung nicht auf sie angewiesen, da er Rieger als süßes Mädel zum nächsten Tanz auffordert. Irritierend ist dabei deren mächtiger Schnauzbart, den sie als Regieidee erklärt, um auch die heute angesagte Diversität der Menschen anzusprechen. In diesem Rundtanz um das Schnackseln gibt es noch den Dichter (Kevin Koller), der mit erlesenen Formulierungen bei einer großen Schauspielerin (wieder Prock-Schauer) zum Ziel seiner Wünsche kommt. Im Finale zeigt Clemens Lüer als Graf, dass er das näselnde Schönbrunner Deutsch beherrscht, wenn er angesichts der schlafenden Dirne sinniert: „Also... Es wär´ doch schön gewesen, wenn ich sie nur auf die Augen geküsst hätt´. Das wäre beinahe ein Abenteuer gewesen...“ 

Erich Knoth, Monika Schmatzberger © Ulrich Öhlinger

Erich Knoth, Monika Schmatzberger © Ulrich Öhlinger

Pension Schöller, Ensemble © Ulrich Öhlinger

Pension Schöller, Ensemble © Ulrich Öhlinger

PENSION SCHÖLLER Die ganz normal verrückte Emanzipation

Johanna Rieger, Julia Prock-Schauer © Ulrich Öhlinger

Johanna Rieger, Julia Prock-Schauer © Ulrich Öhlinger

Ein Sprachfehler, der sich zum Publikumsmagnet gemausert hat

Wenn zwei engagierte Prinzipalinnen nach einer altehrwürdigen Komödie greifen, dann gibt es natürlich gravierende Änderungen in der Besetzungsliste. „Männer raus! Frauen rein!“, lautet das Motto von Johanna Rieger und Julia Prock-Schauer, wenn hinter der gotischen Apsis der Pfarrkirche St. Martin die bewährte „Pension Schöller“ für unbeschwert sommerliche Unterhaltung sorgt; allerdings nur soweit es das heuer äußerst unbeständige Wetter zulässt. Aber es muss schon ordentlich blitzen und donnern, bevor sich das heroisch spielende Ensemble derlei Unbillen ergibt. Nun aber zurück zum Stück: 1890 gab es die Uraufführung in Berlin. Die Gesellschaft hat sich seitdem gravierend verändert. Eine Anpassung um zumindest 100 Jahre schien also geboten, mit (nahezu) allen Konsequenzen, die ein solcher Zeitsprung mit sich bringt.

Monika Schmatzberger, Lukas Meier © Ulrich Öhlinger

Monika Schmatzberger, Lukas Meier © Ulrich Öhlinger

Julia Prock-Schauer, Chiara Höffinger © Ulrich Öhlinger

Julia Prock-Schauer, Chiara Höffinger © Ulrich Öhlinger

Schauplätze sind nun Wien und Klosterneuburg, wo die junge Heurigenerbin Stefanie Schlager (Prock-Schauer) in ihrer geräumigen Villa ein Sanatorium für Nervenkranke einrichten will. Aus dem Freund Ernst Kissling wird eine Tochter der Familie Schöller (Fiona Donschacher als Ida und Frieda), die gemeinsam mit Alfred (Lukas Meier) den verhängnisvollen Deal einfädelt und dessen Cousine Stefanie zu einer Abendunterhaltung im Hause Schöller einlädt; wohl bewusst, dass es sich bei deren Gästen nicht um Irre, sondern lediglich um etwas exzentrische Zeitgenossen handelt.

Der zornige Spion Franz mit abenteuerlicher Frisur auf der Suche nach dem Doppelagenten ist Erich Knoth und als wissbegierige Schriftstellerin Josefine Tippse nervt Chiara Höffinger die Belegschaft. Nicht zuletzt plagt den vom grantigen Ober im Kaffeehaus zum Betreiber der Pension aufgestiegenen Rudolf Pfister diskret ein seltsamer Tick, möglicherweise ausgelöst durch seine etwas zu vitale Gattin Amalia (Monika Schmatzberger). Was aber ist der eigentliche Clou dieser Posse? Ein Sprachfehler! Ein N statt dem L. Nachdem es derzeit sogar im Burgtheater en vogue ist, große Männerrollen mit Frauen zu besetzen, hadert auch in Klosterneuburg eine Neopondine Schönner, pardon, Leopoldine Schöller (Johanna Rieger) als verhinderte Schauspienerin mit diesem Makel ihrer Zunge. Nur: Über einen Mann kann man sich leichter lustig machen als über eine Frau. Zudem wirkt eine Sprechstörung in weiblichem Mund eher charmant oder rührend denn komisch. Aber was soll´s?! Prock-Schauer mit ihrem lokal angepassten Stehsatz „Die wer´n lachen in Klosterneuburg“ behält, zumindest was das dankbare Publikum betrifft, absolut recht.

Johanna Rieger, Julia Prock-Schauer © Ulrich Öhlinger

Johanna Rieger, Julia Prock-Schauer © Ulrich Öhlinger

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