Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Szenenfoto "Schwanensee"  © Wiener Staatsballett / Michael Pöhn

STAATSOPER 0.4 Aussichten zwischen erwartungsfroh & kritisch

Bogdan Roščić, Direktor der Wiener Staatsoper  © Lalo Jodlbauer

Was wird es Neues geben mit Direktor Bogdan Roščić?

Gedanken zu Theorie & Praxis von unserem Gastautor Robert Waloch

 

Am 26. April 2020 präsentierte Dr. Bogdan Roščić als designierter Direktor der Wiener Staatsoper sein Programm für die Saison 2020/21. Kollegen anderer großer Häuser in Europa hatten das bereits getan, etwa in Paris oder München. In Wien war er jedoch der Erste, der seine Pläne bekanntgab - das Theater an der Wien hat dafür den 5. Mai fixiert, Herbert Föttinger von der Josefstadt soll am 14. Mai folgen. Ansonsten ist einstweilen aber nichts zu hören, was jedoch kaum verwundert – Corona hat die Szene fest im Griff, egal, wie viele Quadratmeter in naher Zukunft pro Person auf der Bühne (und im Zuschauerraum?) genehmigt werden.

Herr Dr. Roščić wurde im Dezember 2016 vom damaligen Kulturminister Thomas Drozda ab der Saison 2020/21 in Nachfolge von Dominique Meyer als Direktor der Wiener Staatsoper ernannt. Viele Kommentatoren sahen darin eine unnötige politische Vorentscheidung, schied Drozda doch bald darauf aus dem Amt. In der Beurteilung der Berufung gab es vor allem reservierte Reaktionen – zusammenfassend darf auf den britischen Journalisten und Betreiber des international anerkannten Musikblogs Slipped Disc, Norman Lebrecht, verwiesen werden: „Diese Ankündigung ist die schlechte Entscheidung eines schwachen Ministers.“ Es war evident, dass der bisherige Direktor – zur Wiederbewerbung eingeladen! – vor den Kopf gestoßen wurde. Es besteht aber kein Grund, ihn nun bedauern zu müssen, denn zeitgleich mit der Ernennung von Bogdan Roščić wechselt Meyer an die Mailänder Scala, wo er die leitende Funktion von Alexander Pereira übernimmt, der nach Florenz übersiedelt. Dass Meyer aber gerne in Wien geblieben wäre, ist allgemein bekannt.

Erin Morley als Sophie  © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn

Seit dieser umstrittenen Besetzung der Leitung des weltweit führenden Opernhauses mit Repertoire-Betrieb fragte das Wiener Publikum, was es denn zu erwarten habe – nun, nach der zehnjährigen Ära Meyer. Die Ankündigung einer „Staatsoper 4.0“ beherrschte sowohl die Gespräche in den Pausen-Foyers wie auch die Seiten des Feuilletons, wo es aber bald schon – Wien bleibt Wien, leider! – Frontenwechsel unter dem bewährten Motto gab: „Der König ist tot, es lebe der König!“ Nach der Präsentation seines Spielplanes folgte prompt mediale Huldigung an Roščić mit erstaunlichen Argumenten. Begeistert wurde mancherorts davon berichtet, wer nun aller endlich wieder in Wien zu hören sei – alle diese großen Stimmen waren in den Jahren zuvor stets in Wien zu hören. Ähnliche Aufbruchsstimmung gab es auch bei den Verfechtern des so genannten Regietheaters, als nun Namen wie Hans Neuenfels, Calixto Bieito, Simon Stone, Frank Castorf oder Kirill Serebrennikov durch die Gazetten schwirrten. Deren für Wien von anderen Häusern zugekaufte Produktionen sind seit Jahren bekannt – Bizets „Carmen“ etwa (in Bieito-Regie) war schon an 29 Bühnen zu sehen, Wien folgt nun als 30. Station.

Elīna Garanča (Kundry in "Parsifal")  © Gabo / DG

Das Wiener Feuilleton leidet seit Jahren schon an Qualitätsverlust – etliche der nun tonangebenden Herren in den führenden Wiener Zeitungen zeigen durch eingeschränktes Fachwissen und schlechten Stil, dass sie kaum den großen Namen von Duglore Pizzini bis Karl Löbl folgen können, die da früher den Ton angaben. Da ihnen oft der vergleichende Überblick fehlt, kompensieren sie den Mangel mit Neugier und erwarten neue Perspektiven und Interpretationen wohl deshalb, weil ihnen eigene fundierte Sichtweisen fehlen. Könnte sich das mit „Staatsoper 4.0“ ändern?

Für 26. April wurde eine neue Form der Pressekonferenz angekündigt – von der Bühne des Hauses hinaus ins Publikum in Parkett und Logen, was aber nicht ganz so neu ist, wird das doch in München schon seit Jahren ähnlich praktiziert. Aber dazu kam es nicht, denn ein Virus vereitelte wie so vieles auch diese Pläne, dem musste sich der zukünftige Operndirektor beugen. Zusammen mit dem ORF wurde an einer neuen Präsentation gearbeitet, heraus kam dabei aber ein eher peinliches TV-Format, das in Form eines Interviews fast zur Proskynese vor Herrn Roščić wurde, als dass es Inhalte vorstellte. Kaum erstaunlich war somit, dass Dominique Meyer weder von Herrn Roščić noch vom ORF-Personal auch nur mit einem schlichten Wort des Dankes für seine Arbeit erwähnt wurde.

Ähnliches gilt für den mittels Video-Konferenz organisierten Kurzauftritt des zukünftigen Ballettdirektors Martin Schlapfer, der wohl in große Fußstapfen tritt, wenn er nun die Position von Manuel Legris übernimmt. Viele Fans des klassischen Balletts beklagen jetzt schon den aus ihrer Sicht kaum vermeidbaren Qualitätsverlust der Compagnie. Was nun für die kommende Saison geplant wurde, war besser online zu erfahren:

Szenenfoto "Le nozze di Figaro"  © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn

7. September 2020: das Haus eröffnet (endlich dem Anlass gemäß) mit einer Premiere - der zumindest für Wien neuen Produktion von Giacomo Puccinis Madama Butterfly, in der Asmik Grigorian ihr Hausdebüt begeht; Philippe Jordan, der neue Musikdirektor, dirigiert diese Übernahme von der Met (Regie: Anthony Minghella)

 

8. September 2020: mit der Rückkehr der einstigen Elektra-Produktion von Harry Kupfer (anstelle der Kohlenkeller-Inszenierung mit Lift) kommt auch Franz Welser-Moest zurück an die Staatsoper

 

27. September 2020: Giuseppe Verdis Don Carlos (also die französische Fassung) ist nach vielen Jahren wieder zu erleben – nun u.a. mit Jonas Kaufmann

 

12. Oktober 2020: endlich, nach etwa 20 Jahren, wieder Mozarts Entführung aus dem Serail – leider in der peinlichen Produktion von Hans Neuenfels aus Stuttgart (Figuren doppelt mit Sängern und Schauspielern besetzt – allerdings debütiert dabei Lisette Oropesa, die mir aus Paris als fulminante Marguerite in Meyerbeers „Hugenotten“ in Erinnerung ist)

 

25. Oktober 2020: vom Bolschoi-Theater Moskau kommt Eugen Onegin (André Schuen als Protagonist) in der Regie von Dmitri Tcherniakov

 

12. Dezember 2020: In einer Neuinszenierung von Henzes Das verratene Herz kann Sergio Morabito, der neue Chefdramaturg der Staatsoper, beurteilt werden, sorgt er doch – in bewährter Zusammenarbeit mit Jossi Wieler – für die Regie

 

6. Februar 2021: Franco Zeffirellis bejubelte Inszenierung von Carmen weicht nun Calixto Bieitos Produktion und wird – zumindest stimmlich – kaum ähnlichen Jubel auslösen wie damals; Andres Orozco-Estrada dirigiert

 

4. März 2021: Aus Paris kommt – in Koproduktion – Simone Stones Sicht auf Verdis La traviata mit Pretty Yende als Protagonistin

 

1. April 2021: Philippe Jordan leitet die Neuproduktion von Wagners Parsifal – Jonas Kaufmann und Elina Garanca sollen für hehre Weihestunden sorgen

 

23. April 2021: Als Koproduktion mit Stuttgart kommt Gounods Faust ins Haus. Wenn nun Frank Castorf die Regie übernimmt, kann darauf verwiesen werden, dass schon Ken Russells frühere Inszenierung des Werks in Wien für Wirbel sorgte – Juan Diego Flórez als Protagonist muss vielleicht kalmierend agieren, und Adam Palka kann zeigen, ob er dem ihm vorauseilenden Ruf als kommender Bass gerecht wird

 

22. Mai 2021: Monteverdis L'incoronazione di Poppea wird als Kooperation mit Salzburg präsentiert, den Concentus Musicus leitet Pablo Heras-Casado

 

10. Juni 2021: Aus Zürich kommt Verdis Macbeth in der Regie von Barrie Kosky; Anna Netrebko feiert ihr Wiener Rollendebüt als Lady (als Tosca präsentiert sie sich bereits im Dezember).

Szenenfoto "Elektra"  © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn

Alle diese Details haben aus heutiger Sicht jedoch nur auf dem Papier Bestand – ob aus den derzeitigen theoretischen Plänen von Bodgan Roščić auch Realität auf der Bühne der Staatsoper wird, kann sich frühestens mit September 2020 beweisen. Bis dahin ist das Haus – wie alle Theater landesweit – geschlossen. Wer sich nun ins Repertoire-Programm und das Ballett-Angebot vertiefen will, findet Antwort unter www.staatsoper.at.

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