Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Yuko Kato, Daniel Vizcayo © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Yuko Kato, Daniel Vizcayo © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

DORNRÖSCHEN Der Choreograph als braver Märchenonkel

Claudine Schoch, Hyo-Jung Kang © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Claudine Schoch, Hyo-Jung Kang © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Martin Schläpfers Respekt vor der schlafenden Schönheit Tschaikowskys

Bei einem Ballett wie Dornröschen sind die Zuschauer auf etlichen Ebenen gefordert. Man kennt vielleicht das Märchen „The sleeping beauty“, das sich von der Fassung der Brüder Grimm in etlichen Punkten unterscheidet, weiß damit um den Inhalt und bei einiger Vorbereitung auch um die einzelnen Stationen, die vom Librettisten Iwan Alexandrowitsch dem Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowsky vorgelegt wurden. Dennoch müssen Kulissen, Kostüme und der Tanz so weit Klarheit bringen, dass die Worte ersetzt werden. Martin Schläpfer, Direktor und Chefchoreograph des Wiener Staatsballetts, hat sich bisher in Wien mit tänzerischer Umsetzung von Musik präsentiert, die an sich für das Konzertpodium gedacht ist. Nun ging es aber um das Erzählen einer vertonten Geschichte. Er selbst sagt dazu: „Ich möchte das Märchen als Märchen erzählen, in seiner ganzen Schönheit, aber auch mit all den Fragen, die sich mir bei der Lektüre des Librettos und dem Studium der Musik stellen.“ In seiner Choreographie sollten also auch die Beweggründe der Figuren und deren Gefühle sichtbar werden. Mit „Dornröschen“ ist es ihm tatsächlich gelungen, die Phantasie des Publikums abheben und durch die Welt von Königen, Feen und einem verzauberten Wald fliegen zu lassen.

Olga Esina, Ensemble © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Olga Esina, Ensemble © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Jackson Carroll, Ensemble © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Jackson Carroll, Ensemble © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper stand am 26. Oktober 2022 Patrick Lange, der keine Scheu vor gewaltigen Klängen und noch weniger vor süßlich zarten Passagen zeigte. Einer der Höhepunkte war das Violinsolo im zweiten Akt, mit kraftvollem Gefühl ausgeführt von Konzertmeister Rainer Honek. Überraschende Spannung brachte ein Intermezzo von Giacinto Scelsi. Zu hören war eine CD-Zuspielung von „Anahit, das lyrische Poem über den Namen der Venus“, um flirrende Klangbilder zu den Träumen im Schlaf der Schönen mit Violine solo und 18 Instrumenten (Klangforum Wien, Leitung: Hans Zender) zu schaffen.

Brendan Saye, Hyo-Jung Kang © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Brendan Saye, Hyo-Jung Kang © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Kiyoka Hashimoto, Davide Dato © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Kiyoka Hashimoto, Davide Dato © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Zu den Solisten des Balletts: Olga Esina ist eine prächtige Königin an der Seite ihres Gatten Masayu Kimoto. Deren so sehr gewünschte Tochter Aurora ist anfangs ein rechtes Springginkerl, wenn sie den rabaukenhaft um sie werbenden Prinzen Rashaen Arts, Kristián Pokorný, Arne Vandervelde und Géraud Wielick unentschlossen zuschaut. Hyo-Jung Kang nimmt man die Schwerelosigkeit ihrer Jugend gerne ab, zumal sie bald darauf bekanntlich 100 Jahre schlafen muss, um von Brendan Saye als Prinz Désiré mit einem innig zarten Kuss geweckt zu werden.

Schuld an der exakt ein Jahrhundert dauernden Ruhephase sind Feen, die wohl nur von Tänzerinnen so luftig leicht und unwirklich verkörpert werden können. Die eine, die böse und in ihrer Eitelkeit gekränkte Carabosse (Claudine Schoch) verflucht sie und reicht ihr die tödliche Spindel. In den Schlaf umgewandelt wird das Ableben des Mädchens von La Fée des Lilas (Ioanna Avraam). An sich ist das Happy End bereits beschlossen, als mit Pas de deux, Pas de caractére und Pas berrichon das Wiener Staatsballett noch eine gute Stunde die Möglichkeit zu einer beeindruckenden Leistungsschau erhält. Die virtuosen Kurzauftritte von Davide Dato (Der blaue Vogel), Kiyoka Hashimoto (Prinzessin Florine), der Katze Eszter Ledán und dem Kater Marian Furnica, von Daniel Vizcayo als bocksbeinigem Faun und Yuko Kato als geheimnisvoller Waldfrau wurden mit Szenenapplaus bedacht. Nach Übergabe der Kronen und Apotheose durfte schließlich das gesamte Ensemble mit tänzersicher Grazie den Beifall eines ausverkauften Hauses entgegennehmen.

Ensemble © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Ensemble © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Ketevan Papava (Tatjana), Marcos Menha (Onegin) © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Ketevan Papava (Tatjana), Marcos Menha (Onegin) © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

ONEGIN Balletttanz als wundervoller Erzähler

Ketevan Papava (Tatjana), Marcos Menha (Onegin) © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Ketevan Papava, Marcos Menha © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Wie tanzt man Arroganz als Pas de deux? John Cranko gibt die Antwort.

Pjotr Iljitsch Tschaikowski hat den Versroman seines Landsmannes Alexander Puschkin „Eugen Onegin“ für eine der meist gespielten Opern vertont. Generationen haben angesichts der traurigen Liebesgeschichten schon Tränen vergossen. Der eine, Onegin, kommt erst am Ende drauf, dass er mit Tatjana die Liebe seines Lebens schnöde zurückgewiesen hat. Zuvor hat er in seiner Verblendung den Freund Lenski in einem Duell erschossen und damit dessen Braut Olga ihres zukünftigen Gatten beraubt. Übrig bleiben verzweifelte Liebende. Den 1927 in Südafrika geborenen Choreographen John (Cyril) Cranko hat das emotionale Potential dieses Stoffs gereizt, um daraus ein abendfüllendes Ballett zu schaffen. Für seinen in erster Fassung 1965 entstandenen „Onegin“ hat er ebenfalls Tschaikowskis Musik verwendet, jedoch keinen einzigen Takt aus dessen Oper.

Ensemble, Igor Milos (Fürst Gremin), Ketevan Papava (Tatjana) © Wiener Staatballett, Ashley Talor

Ensemble, Igor Milos, Ketevan Papava © Wr. Staatballett/Ashley Taylor

Es ist nun Solisten und Ensemble anheimgestellt, die Geschichte so zu erzählen, dass sie nach dem Willen Crankos auch ohne vorherige Kenntnis des Inhalts vom Publikum verstanden wird. Dazu braucht es freilich ein stimmungsvolles Bühnenbild und entsprechende Kostüme (Elisabeth Dalton) und ein Orchester wie das der Wiener Staatsoper, das die von Kurt-Heinz Stolze eingerichtete und instrumentierte Musik in ihrer Klangpracht entsprechend gefühlvoll umzusetzen vermag.

Die Neufassung aus 1967 wurde in das Repertoire der Wiener Staatsoper aufgenommen. In der 58. Aufführung am 20. September 2022 stand Robert Reimer am Pult und schuf für das Ballett den idealen musikalischen Background, alle die Nuancen dieser Gefühlsverwirrungen in faszinierenden Schrittkombinationen und großen Volksszenen zum Ausdruck zu bringen.

Elena Bottaro fliegt als Olga schwerelos von ihrem Geliebten Lenksi (Arne Vandervelde) zu dessen Freund Onegin, dabei nicht bedenkend, dass sie sowohl Lenski als auch ihre introvertierte Schwester Tatjana brüskiert. Ketevan Papava legt als Tatjana ihr Buch erst dann zu Seite, als der schwarz gekleidete Onegin seinen Auftritt zelebriert, und verliebt sich auf der Stelle in den kühl abweisenden Kerl. An dieser Stelle fragt man sich, wie lässt sich Arroganz in einem Pas de deux umsetzen? Cranko hat es damit gelöst, dass er den Mann solistisch an der ihn bewundernden Partnerin vorbeischweben lässt. Wie viel Zuneigung in dieser an sich unsympathischen Gestalt verborgen ist, lässt Marcos Menha spüren, wenn er aus dem Spiegel tritt und mit Tatjana in atemberaubenden Hebefiguren höchste Innigkeit ausdrückt. Das Corps de Ballett schafft Begeisterung, wenn es als Verwandte, Landvolk und St. Petersburger Gesellschaft in einem bunt bewegten Bild durch die Szene wirbelt und die Klasse des Wiener Staatsballetts einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Elena Bottaro (Olga), Arne Vandervelde (Lenski) © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Elena Bottaro (Olga), Arne Vandervelde (Lenski) © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

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