Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Christine Renhardt, Hermann J. Kogler © Christoph Prückner

MISERY Ganz liebe Pflege und doch grauenvoller Horror

Hermann J. Kogler, Christine Renhardt © Christoph Prückner

Wenn der größte Fan zum Folterknecht wird

Vielleicht war es ein Albtraum von Stephen King, dem erfolgreichsten Autor von Romanen, die dem Leser das Blut in den Adern gefrieren lassen. Er verunglückt auf einer Autofahrt irgendwo in der Einsamkeit Colorados und wird schwer verletzt von einer ehemaligen Krankenschwester gerettet. Bald stellt sich heraus, dass diese Frau ein Fan vom ihm ist, die selbst erklärte Nummer eins unter seinen Verehrerinnen. Während sie ihn halbwegs auf die Beine bringt, muss er erkennen, dass er gnadenlos einer Sadistin ausgeliefert ist. Sie vergöttert die von ihm erfundene Figur namens Misery, die dem Autor zu unglaublicher Popularität verholfen hat, kennt die ersten acht Bücher auswendig, hat sogar ihr Schwein Misery benannt und muss nun in der neunten Folge lesen, dass die Hauptperson gestorben ist. Ihre Bewunderung schlägt um in Hass. Sie zwingt den Schriftsteller, Misery wieder auferstehen zu lassen. Es entwickelt sich ein zäher Kampf zwischen dem hilflosen Mann und der Frau, die subtil ihre Brutalität zu steigern versteht, um ihn zum Ausformulieren ihrer Ideen zu bewegen.

Christine Renhardt, Hermann J. Kogler © Christoph Prückner

1990 ist dieser tiefschwarze Bestseller erschienen, also zu einer Zeit, als Manuskripte großteils noch Unikate und Handys nicht erfunden waren. Ein durchgetrenntes Telefonkabel genügt, um Hoffnungslosigkeit zu vermitteln und jeden Kontakt nach draußen zu unterbinden. Angst übertönt bald die Schmerzen, die gebrochene Beine verursachen, weckt aber auch die Kreativität, um Wege zu finden, dieser Todesfalle entfliehen zu können.

Christine Renhardt, Bettina Soriat © Christoph Prückner

Drehbuchautor William Goldman hat das Skript zum Film „Misery“ verfasst, das in der deutschen Übersetzung von Hagen Horst für die Möglichkeiten einer Bühne aufbereitet wurde. Mit den entsprechenden Darstellern und der richtigen Inszenierung wird auch dort der Zuschauer von der diesem Stoff immanenten nahezu unerträglichen Spannung gepackt. Im Theater Center Forum war Christoph Prückner als Regisseur am Werk und hat daraus einen Abend mit Gänsehautgarantie geschaffen.

Seine Annie Wilkes ist Christine Renhardt, die hinter der Liebenswürdigkeit eines in die Jahre gekommenen Mädchens ihren Patienten mit einem gottvoll falschen Lächeln kaltblütig malträtiert. Als ihr Opfer Paul Sheldon erleidet Hermann J. Kogler erstaunlich geduldig Höllenqualen, lässt heimlich aber immer wieder Freude auf seinem Gesicht aufblitzen, um anzuzeigen, dass ihm eine Möglichkeit der Rettung eingefallen ist, die sich allerdings meistens als Flop herausstellt.

Die coole Frau Sheriff Buster (Bettina Soriat) zieht zwar die amtlich zugesicherte Mittagspause einer ordentlichen Erhebung vor, hat aber doch den Riecher, dass im Hause von Annie Wilkes etwas faul sein muss. Schauplatz ist, abgesehen von ein paar Momenten im Büro des Sheriffs vor dem Vorhang, das Krankenzimmer, besser gesagt die Folterkammer mit dem Ofen zum Verbrennen von Manuskripten, die Erwin Bail im Studio II des TCF für diesen Psychothriller entsprechend düster eingerichtet hat.

Heermann J. Kogler © Christoph Prückner

Keine Leiche ohne Liliy, Ensemble mit Mörder © Rolf Bock

KEINE LEICHE OHNE LILY und ein genervter Inspektor

Bernhard Dreisiebner /Westerby), Ulli Fessl (Lily) © Rolf Bock

Vergnügliche Verbrecherjagd mit einer großen Komödiantin

Die Komödie „Keine Leiche ohne Lily“ ist britische Qualitätsarbeit von Jack Popplewell, gerade so wie Cape und Kappe des Inspektors, die ganz sicher aus soliden englischen Stoffen bestehen. Babsi Langbein lässt sich bei den von ihr gemachten Kostümen nichts, aber schon gar nichts nachsagen. Sie hat die Truppe um Regisseur Erich Martin Wolf wie immer passend gewandet, angefangen von den Businessanzügen der Firmenbosse bis zur Kleiderschürze der Putzfrau. Siegbert Zivny hat dazu das Ambiente geschaffen, das sich sowohl zur Ausführung als auch zur Aufklärung gleich zweier Morde als sehr praktisch empfiehlt. Da wären der Schreibtisch des Chefs samt Sessel, auf dem kurzfristig eine blutige Leiche hängt, und daneben das Tischerl mit der Schreibmaschine zum Tippen diverser kompromittierender Briefe und als Arbeitsplatz der in den Chef verliebten Sekretärin, die alles für diesen zu tun bereit wäre, wenn er es von ihr nur wollte. Apropos Leiche: Die erste hat´s wirklich eilig, sich zuerst von einem Büro in das andere, anschließend in einen entfernten Stadtteil von London zu flitzen.

Ulli Fessl (Lily) © Rolf Bock

Man sieht weder Leichenträger noch den Mörder, lediglich einen Brieföffner, der im Rücken des männlichen Toten steckt. Wer soll da der guten Reinigungskraft noch glauben, wenn sie Scotland Yard anruft und mitteilt, eine solche Wanderleiche entdeckt, aber nicht mehr bei der Hand zu haben. Am wenigsten dazu bereit ist der niesende Inspektor, der zu allem Überdruss ein nicht zum Zug gekommener früherer Bekannter der Finderin ist.

Michael Mischinsky (Baxter), Thomas Bauer (Mr. Marshall) © Rolf Bock

Spaß ist also garantiert, zumal Lily Piper, so heißt der dienstbare, aber Leichen entdeckende Geist, niemand anderer als Ulli Fessl ist. Mit unglaublicher Energie wird sie zur Nervensäge, die zuerst dem ungestüm daher kommenden Inspektor Baxter (Michael Mischinsky) das Wilde abräumt, ihn respektlos Harry nennt und damit dessen Tätigkeit als Kommissar ganz schön kompliziert macht. Sie geht auch den anderen auf den Geist, zumal sie als einzige in diesem Wirrwarr die Übersicht behält.

Aber wie die Grand Dame des Boulevards das macht, ist allein schon das Zuschauen wert. Da wären das hinterhältige Augenzwinkern, wenn sie heimlich Beweismittel in ihrem Unterrock verschwinden lässt, der unschuldige Blick, wenn sie den Mörder durchschaut hat, und das unverschämt siegessichere Grinsen dem patscherten Polizisten gegenüber. Baxter wird von einem von ausnehmender Dummheit gesegneten Assistenten begleitet. Beim Anbaggern von jungen Damen, in diesem Fall der blutjungen Tippse Victoria Reynolds (Michelle Haydn), ist Wilhelm Prainsack als fescher Bobby jedoch nicht ungeschickt. Eine recht undurchsichtige Rolle, die sich für Krimi-Erfahrene durchaus zur Mörderin eignet, spielt Marion Rottenhofer als in die Jahre gekommene ledige Sekretärin Marian Selby. Ihr von Herzen verehrter Mr. Marshall (Thomas Bauer) wird zuerst als Toter von ihr beweint, gerät dann aber selbst in den dringendsten Verdacht der Täterschaft.

Da hat es Bernhard Dreisiebner als Geschäftspartner Westerby schon leichter. Seine einzige Hypothek ist ein angebliches Pantscherl mit der schönen Claire, Gattin von Richard Marshall (Beate Gramer), eine Anschuldigung, die sich jedoch bald in Wohlgefallen auflöst, weil ein anderer dafür einstehen musste, bevor er zum Mordopfer wurde. Eines kann man aber sicher sein: Der Mörder wird gefunden, besser gesagt, er verrät sich ganz von selber, nicht zuletzt durch eine List der grandiosen Lily.

Michael Mischinsky (Baxter), Beate Gramer (Claire), Ulli Fessl (Lily) © Rolf Bock
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