Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Die Puppe, Bühnenbild von Carmen Wagner © Larl Satzinger

DIE PUPPE gefährlich programmiert als logische Frau

Adriana Zartl, Christian Strasser © Karl Satzinger

Eine besinnliche Komödie über die Paarung Roboter und Mensch

Er hat sie quasi gewonnen. Ein Mann in den schwierigsten Jahren, also um die Vierzig, den seine Freundin kürzlich verlassen hat, zieht das große Los. Eine von zehn ganz besonderen Puppen wurde ihm zugeteilt. Sie sieht exakt aus wie ein Mensch, besser gesagt wie eine Frau, die sich ein Normalo nur in seinen kühnsten feuchten Träumen vorstellt. Sie ist scharf wie eine Rasierklinge, die einzig und allein erschaffen wurde, ihn glücklich zu machen und ihm jeden Wunsch zu erfüllen. Dabei ist sie pflegeleicht, benötigt kein Essen und Trinken, nicht Gewand und nicht Schmuck, sogar alle die üblichen Schönheitsmittelchen der Weiblichkeit sind vom Hersteller dauerhaft angebracht und verursachen keine weiteren Kosten. Vor allem kann sie wunderbar kochen. Er scheint also ein Glückspilz zu sein, wäre da nicht ein Haken. Programmiert wurde der steile Homunkulus von einer Frau, einer hochintelligenten Wissenschaftlerin. Nachdem daher auch die Puppe logisch denkt, wird das Zusammenleben mehr und mehr zu einer Auseinandersetzung mit seiner hilflos emotional gesteuerten Männlichkeit.

Christian Strasser, Adriana Zartl © Karl Satzinger

Der kroatische Bühnenautor Miro Gavran räumt in seiner Komödie „Die Puppe“ (übersetzt von Tihomir Glowatzky) mit einem uralten Herrenwunsch nach einer ganz und gar ergebenen Frau gründlich auf. Der Mann konnte sich zwar gegen die menschliche Freundin durchsetzen, indem er ihr Ehe und Kinderwunsch versagt hat, gegen das von einer geheimnisvollen Elektronik gesteuerte Hirn hat er jedoch nicht die geringste Chance. Sie konfrontiert ihn gnadenlos mit seinen Schwächen, sogar im Schachspiel könnte sie ihn, wenn er es nur wollte, gewinnen lassen und ihn auch auf diesem Feld erniedrigen. Dennoch gesteht Gavran sogar dieser Maschine Gefühle zu, aber das wie und was wird hier nicht verraten. Das muss sich jeder selbst anschauen...

 

Hubsi Kramar hat dieses Zweipersonenstück für „Die Theaterküche“ im Saal 2 des Theater Center Forum als amüsante Komödie mit moderatem Tiefgang inszeniert. Ort der Handlung ist eine Wohnung, in die der Karton mit dem bewussten Inhalt und eine dicke Gebrauchsanweisung geliefert werden. Christian Strasser ist deren einsamer Bewohner, der sich zum Erwecken seiner neuen Mitbewohnerin schön macht. Zuerst tauchen die Beine auf, mit roten High Heels an den Füßen. Erst dann erhebt sich der Androide, lässt sich Stella taufen und raubt ihm den Atem. Mit stahlblonder Perücke und  SM-Lederkluft macht sie vom ersten Moment an klar, worum es in den nächsten Wochen gehen soll. Adriana Zartl wird dabei zum perfekten mechanischen Menschen.

Und das sowohl in den leicht ruckartigen Bewegungen als auch beim Reden mit künstlicher Stimme, die an die vom Computer generierten Befehle des Navys erinnert. Freilich springt er darauf an, rechnet aber nicht, nachdem er sein bestes Stück nach wildem Einsatz mit einer Bierflasche abgekühlt hat, dass er einem Ranking ausgesetzt war und dabei als Liebhaber gerade noch einen achtzigjährigen Tester abhängen konnte. Es darf also gelacht werden bei dieser gottlob noch utopischen Begegnung zwischen Maschine und Mensch, bei der es um in viel Wortwitz gut verstaute Themen wie Einsamkeit, Egoismus und viele andere sehr humane Schwächen geht.

Christian Strasser, Adriana Zartl © Karl Satzinger
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BESUCHSZEIT als knapp bemessene Frist der Wahrheit

Peter Josch, Angela Schneider © Bruckmühle

Vier Einakter von Felix Mitterer, die nachdenklich machen

„Opa, brav aufessen, sonst gibt es kein Kompott“, äfft der alte Mann die Pflegerinnen nach und ärgert sich, dass man ihn im Altersheim wie ein dummes Kind behandelt. Er beschwert sich bei seiner Schwiegertochter, die auf einen der seltenen Besuche bei ihm vorbeischaut. Das Enkerl hat ihm eine Papierkrone gebastelt, die er wie ein König trägt, während er mit der jungen Frau diverse Bedürfnisse bespricht und beide dabei in ihren Ansichten immer weiter auseinander driften – bis nach Meinung der Schwiegertochter die ihm gewidmete Zeit um ist und sie wieder nach draußen zurückkehrt. „Abstellgleis“ hat Felix Mitterer diesen Einakter betitelt, der die Ödnis eines alten Menschen zeigt, der sich von seiner Familie wie ein verrosteter Eisenbahnwaggon abgeschoben fühlt. In „Verbrecherin“ prallen die Frau und ihr Mann in der Besucherzelle eines Gefängnisses aufeinander. Sie verbüßt eine Haftstrafe für einen Mordanschlag, den sie auf ihn verübt hat. Wieder ist es eine viel zu kurze Frist, die von der Führung des Gefangenhauses zum Wiedersehen und Pflegen sozialer Kontakte bewilligt wird.

Angela Schneider, Peter Josch © Bruckmühle

Der Versuch eines Gespräches führt lediglich dazu, die ursprüngliche Abneigung gegeneinander zu festigen. Zwischen ihnen wird immer das Messer stehen, das sie ihm in den Bauch gestochen hat. Ein in keiner Weise Verrückter hat in „Weizen auf der Autobahn“ das Wort. Lediglich seine Tochter kann, oder besser, will ihn nicht verstehen. Er trauert den Feldern nach, die einer Autobahn weichen mussten. Seine Aktionen bestanden aus Mist streuen auf dem frischen Beton und Weizen säen auf der Fahrbahn, um diese Untat an der Natur aufzuzeigen. Sie haben ihn letztlich in eine Nervenheilanstalt gebracht, in der ihn nun die Elektrischen quälen, Kreaturen einer Verschwörung, die jeden Psychiater von seiner Geisteskrankheit überzeugen müssen. Im vierten Teil besucht ein Mann seine Frau, die aufgrund einer ungeklärten Krankheit in stationärer Behandlung ist. Kindersegen ist ihnen verwehrt geblieben, er verliert seine Arbeit und muss resigniert zu sich sagen: „Man versteht nichts“, wenn ihm durch ihren Tod nur mehr bittere Einsamkeit verbleibt.

 

Felix Mitterer nennt „Besuchszeit“ ein Volksstück. Tatsächlich sind die Helden dieser vier Einakter durchwegs Menschen, die einem jeden von uns täglich begegnen können.

Auf dem Programmzettel für die Produktion, die im Theater Center Forum am 26. Februar 2020 Premiere feierte und in die Bruckmühle nach Oberösterreich weiterziehen wird, ist von „feinsinnig und ironisch“ zu lesen und von „Gefühl und humorvoller Menschlichkeit“. Diese Worte treffen ins Schwarze. Das kleine Ensemble unter der Leitung von Regisseur Richard Maynau, bestehend aus Peter Josch, einem altbewährten Darsteller Mitterers, Angela Schneider und Anatol Rieger zieht das Publikum in seinen Bann. Aus dem anfänglich verlegenen Bemühen um einen Gesprächsstoff entwickeln sich bald berührend dichte Dialoge, in denen sich das bange Gefühl überträgt, dass es hier um Wahrheit geht, die jeder von uns, als Besucher oder Besuchter, bereits empfunden hat.

Anatol Rieger, Angela Schneider © Bruckmühle

Michael Duregger, Martin Oberhauser © Rolf Bock

RAIN MAN Vom panischen Autisten zur berührenden Berührung

Michael Duregger, Leila Strahl © Rolf Bock

Eine große Filmstory gewinnt neue Dimensionen auf der Bühne

Man kennt die Geschichte von den zwei mehr als ungleichen Brüdern, seit der US-Streifen „Rain Man“ aus 1988 die Kinos gefüllt hat. Der eine ist ein windiger Autohändler, der seine Kundschaft übers Ohr zu hauen versucht, so lange, bis diese die Geduld verlieren und ihm, wie man in Wien so schön sagt, zuwisteign und seine Existenz ernsthaft in Gefahr bringen. Mit dem Tod seines verhassten Vaters muss er, statt die satte und rettende Erbschaft einzustreichen, erfahren, dass er einen älteren Bruder hat, dem abgesehen von einem seltenen Oldtimer, dem Buick Roadmaster Serie 80 Cabriolet, das gesamte Vermögen vermacht wurde. Dabei handelt es sich um einen Autisten, einen Savant, dessen Inselbegabung darin besteht, sich die unnötigsten Kleinigkeiten zu merken. Im Übrigen ist er aber nicht allein lebensfähig und hat den Großteil seiner Tage in einem Sanatorium verbracht. In erster Linie ist es die Angst vor Berührungen, die bei ihm panische Attacken auslösen. Was am Anfang wie der Versuch aussieht, an das Erbe zu kommen, wird mehr und mehr zu einer Annäherung der beiden zu lang voneinander getrennten Brüder.

Michael Duregger als Raymond © Rolf Bock

Dabei werden mehr und mehr Schranken überwunden, die einen Autisten von angeblich normalen Leuten trennen. Es bleibt allein vom Grad der persönlichen Wahrnehmung abhängig, um eine gemeinsame Basis für Kommunikation zu finden und – so viel darf verraten werden – sie findet sich am Ende in einer sehr berührenden Berührung der beiden gegensätzlichen, aber jeden in seiner Art liebenswerten Charaktere.

Michael Duregger, Judith Rumpf, Martin Oberhauser © Rolf Bock

Der israelisch-amerikanische Autor Dan Gordon hat aus dem Drehbuch ein Bühnenstück geformt, indem er die Schauplätze gestrafft, die Handlung eingekocht und die Besetzungsliste auf einig wenige, aber wesentliche Typen reduziert hat. Von der Neuen Bühne Wien wurde diese geglückte Essenz von „Rain Man“ nun erfolgreich im Theater Center Forum produziert. Regisseur ist Marcus Strahl, Prinzipal der Truppe, der dafür auf die engagierte Mitarbeit seines Ensembles setzen durfte.

Martin Gesslbauer hat eine genial vielseitige Kulisse geschaffen, die sich mit ein paar Handgriffen vom hektischen Büro in das beschauliche Sanatorium, von dort in ein Hotelzimmer, ein Fast Food Restaurant und schließlich in eine Bar in Las Vegas verwandeln lässt. Gesslbauer beweist mit seinen Einsätzen als Rechtsanwalt Mr. Mooney, Polizist mit spanischem Einschlag und aalglatter Dr. Marston überdies seine schauspielerische Variationsbreite, die er mit Judith Rumpf teilt, die als Sekretärin Lucy, einer kessen Kellnerin und der letzten der tanzenden Nutten namens Iris stets authentisch ist. Als attraktive Susan lässt Leila Strahl ihr Naturtalent im Umgang mit schwierigen Burschen aufblitzen, wenn sie mit ihrem Freund Charlie, dem windigen Autohändler, Engelsgeduld aufbringt, aber mehr noch, wenn es ihr einfühlsam gelingt, den Autisten zu einem Kuss zu verführen. Der berüchtigte Charlie Babbitt ist Martin Oberhauser, der die schräge Art seines Helden mit viel Humor garniert und damit klarstellt, dass er ein so schlechter Mensch nicht sein kann, wie ihn der Leiter des Sanatoriums Dr. Bruener (Gerhard Dorfer) gerne hinstellen möchte.

Michael Duregger ist ein herzergreifender Raymond Babbitt. Die Finger seiner rechten Hand spielen unablässig auf dem Rücken seiner Linken, die Züge des Gesichts spiegeln nervös zuckend die geistige Behinderung und seine Sprache ist abgehackt und leise, wenn er unglaubliche Gedächtnisleistungen zum Besten gibt. Dass er der Rain Man ist, der für Charlie in seiner Not immer wieder gesungen hat, scheint unwahrscheinlich, wird aber von Raymond selbst mit einem Foto der beiden Brüder bewiesen.

Michael Duregger, Leila Strahl, Martin Oberhauser, Gerhard Dorfer © Rolf Bock

Die Neue Bühne Wien geht nach der Serie im Theater Center Forum mit Rain Man auf Tournee:

THEATER AKZENT 1. April 2020, 19.30 Uhr, 1040, Theresianumg. 18 Tel: 01/501 65-13306

GASTSPIELE NIEDERÖSTERREICH

LAXENBURG, KAISERBAHNHOF 13. März 2020, 19.30 Uhr, Tel.: 02236/710-420

KOTTINGBRUNN, KULTURSZENE 15. März 2020, 18.00 Uhr, Tel.: 02252/743 83

STRASSHOF A.D. NORDBAHN, KUMST 21. März 2020, 19.00 Uhr, Tel.: 0660/191 70 80

BADEN, THEATER AM STEG 25. März 2020, 19.30 Uhr, Tel.: 02252/868 00-630

MELK, TISCHLEREI 26. März 2020, 19.30 Uhr, Tel.: 02752/540 60

ZIERSDORF, KONZERTHAUS WEINVIERTEL 27. März 2020, 19.30 Uhr, Tel.: 02956/2204-16

WIENER NEUDORF, FREIZEITZENTRUM 18. April 2020, 19.30 Uhr, Tel.: 02236/62 501-143

GASTSPIELE BURGENLAND

EISENSTADT, KULTUR KONGRESS ZENTRUM 14. März 2020, 19.30 Uhr, Tel. 02682/719-1000

GÜSSING, KULTURZENTRUM 4. April 2020, 19.30 Uhr, Tel. 03322/421-46

GASTSPIELE OBERÖSTERREICH

WELS, THEATER VOGELWEIDE 30. März 2020, 19.30 Uhr

PREGARTEN, BRUCKMÜHLE 17. April 2020, 19.30 Uhr, Tel.: 07236/25 70

GASTSPIEL STEIERMARK

MARIAZELL, RAIFFEISENSAAL 28. März 2020, 19.30 Uhr, Tel.: 07672/26 644

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