Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Barin Karl, Ensemble © Wiener Blues

Baron Karl, Ensemble © Wiener Blues

BARON KARL A Sandler-Operetten fürs Weana Gmiat

Erwin Leder und Ensemble © Wiener Blues

Erwin Leder und Ensemble © Wiener Blues

Seine letzten Worte waren: „Jetzt muaß i brunzn.“

Ein sowjetischer LKW hat einen Sandler ganz einfach überfahren. Was zählte Ende der 1940er-Jahre im besetzten Wien überhaupt ein Einheimischer, noch dazu einer, der mangels einer Unterkunft seine Tage und Nächte im Freien verbrachte und vom Miststierln lebte? Seine Genussmittel waren arretierte Tschik und die Restl abgestandenen Weins im Tetrapack, einer Novität, die damals in den aufkommenden Supermärkten auch für schmale Börsen ein Trinkgelage ermöglichte. Das Unfallopfer war jedoch niemand Geringerer als Baron Karl, der Star unter den Sandhasen, bei dessen Begräbnis tausende Wiener mit dem 71er zum Zentralfriedhof pilgerten, um diesem Original von der Straße die letzte Ehre zu erweisen. Der pensionierte Polizist und aktive Bluessänger Peter Steinbach gedachte dieser legendären Reinkarnation des Lieben Augustins und animierte Robert Persché und Nino Holm, beide Vollprofis, zu Musik, Text und Buch für ein absolut ungewöhnliches Musical.

Eik Breit als Sandler © Wiener Blues

Eik Breit als Sandler © Wiener Blues

Erwin Leder als Baron Karl mit geliebter Violine © Wiener Blues

Erwin Leder als Baron Karl mit geliebter Violine © Wiener Blues

„Die Erste Wiener Sandler-Operette“ war geboren. Unter dem Label „Wiener Blues Xtended“ wurde ein stimmgewaltiges Ensemble von Vollblutkomödianten zusammengetrommelt, das nach der Uraufführung im Metropol ins Theater Center Forum übersiedelt wurde, um dort vorläufig bis 9. Oktober 2021 für ein volles Haus zu sorgen. Regisseur Persché schaffte virtuos den Umzug von der kommod großen Bühne im 17. Bezirk auf die doch weitaus nicht so üppigen Platzverhältnisse im Forum I. Dank ein paar Kostümwechsel pendeln die Zuschauer flugs vom Himmel zur Hölle, um dazwischen in Favoriten zu landen. Dort nämlich, im zehnten Hieb, spielt sich der Absturz und Aufstieg von Karl Baron ab.

 

Doris P. Kofler, Eik Breit, Heinz Jiras, Peter Steinbach, Florian Widhalm und Nino Holm, alle miteinander Kapazunder der Unterhaltung, übernehmen locker die Fülle an „Nebenrollen“, um das Leben von Baron Karl spielend zu erzählen.

Erwin Leder und Ensemble © Wiener Blues

Erwin Leder und Ensemble © Wiener Blues

Die Spannbreite reicht von den Sandlern auf der Parkbank über singende Pompfüneberer, den gestrengen Inspektor mit Herz für diese Leute, einem etwas seltsamen Petrus, dem Lieben Gott mit dem Gesicht von Sigmund Freud, frohlockende Engelchöre, Adolf H. aus der Meldemannstraße und einer Klosterschwester, die sich als frühere Liebe des Baron Karl herausstellt. Als dieser hat Erwin Leder bald nach Beginn das Bankl zu reißen, darf aber, erfüllt von einer nicht näher definierten Mission, noch einmal zurück ins Erdendasein. Worum es sich dabei handelt, bleibt ein Geheimnis, das man sich selber lüften muss. Fad wird einem dabei ganz gewiss nicht. Die dort beschäftigten Herrschaften sind nicht nur multifunktional optimal eingesetzt, das heißt, als Komiker, Instrumentalisten und Sänger, sondern in Habitus und Sprache absolut authentisch. Ein Kurs in Wienerisch, wie man es heutzutage kaum mehr vernimmt, wäre vor Vorstellungsbesuch daher durchaus angebracht.

Manuel Dragan, Anatol Rieger © Karl Satzinger

Manuel Dragan, Anatol Rieger © Karl Satzinger

PANTOFFELHELDEN Eine verzwickte Komödie von Miro Gavran

Manuel Dragan, Eszter Hollósi, Anatol Rieger © Karl Satzinger

Manuel Dragan, Eszter Hollósi, Anatol Rieger © Karl Satzinger

Gründliches Aufräumen hochkomplexer Beziehungskisten

Die Wohnung ist klein, das Glück aber groß. Anna und Marko feiern verliebt den ersten Hochzeitstag. Sie sind beide schon in einem Alter, in dem sie auf ein Leben ohne einander zurückblicken können. Dass in Annas Bio ein Ex-Mann existiert, der wegen finanzieller Umtriebe eingebuchtet ist, wird erst zum Thema, als die Zeitung von dessen Freilassung berichtet. Seine Unschuld hat sich herausgestellt – und er hat sich alsbald eingestellt. Tatsächlich erscheint Ivo höchstpersönlich bei den Eheleuten, um bei ihnen aufgrund des Fehlens anderer Möglichkeiten des Unterkommens einzuziehen. Das Recht darauf kann ihm beim besten Willen nicht abgesprochen werden. Das Logis gehört nach wie vor zur Hälfte ihm. Da Marko seine Junggesellenbleibe verscherbelt hat, bleibt dem Trio nichts anderes übrig, als sich zu arrangieren. Ivo bezieht das Klappbett im Wohnzimmer, Anna und Marko hingegen sind am Genuss ehelicher Freuden trotz Benützung des Schlafzimmers gehindert. Es folgt eine lange und zähe Auseinandersetzung mit wechselnden Koalitionen. Der kroatische Autor Miro Gavran lässt nichts aus, nicht das kleinste Detail, um die bedrohlich wachsende Misere in Worte zu fassen.

Eszter Hollósi, Anatol Rieger © Karl Satzinger

Eszter Hollósi, Anatol Rieger © Karl Satzinger

Eszter Hollósi, Manuel Dragan © Karl Satzinger

Eszter Hollósi, Anatol Rieger © Karl Satzinger

Das Fazit: Die beiden Herren stehen bald als „Pantoffelhelden“ da. Sie haben Freundschaft geschlossen, was wiederum Anna auf die Palme bringt, von der sie Ivo und Marko auch durch ergebenste Nachgiebigkeit nicht herab bringen können. Als eine neue Frauenbekanntschaft von Ivo einen Hoffnungsschimmer in die lähmende Aussichtslosigkeit bringt, nimmt die Malaise endlich Fahrt auf. Die Freundin ist nämlich niemand anderer als das Mädchen, das Marko während seiner Militärzeit geschwängert, aber auf höheren Befehl hin aus den Augen verloren hat. Nach weiterem langen Geplänkel und etlichen Stamperl Schnaps (vermutlich Slibowitz) finden die richtigen schließlich zueinander...

 

Hubsi Kramar hat für die deutschsprachige Erstaufführung im Theater Center Forum mit großem Respekt vor dem Original inszeniert. Anatol Rieger ist der brave Turnlehrer Marko, der in seiner Kollegin – Anna unterrichtet Geografie – eine scheinbar ideale Partnerin gefunden hat. Wenn ihr aber etwas nicht passt, dann kann sie ordentlich bissig werden, was Eszter Hollósi sehr glaubwürdig über die Bühne bringt. Wenn die beiden Burschen um drei Uhr nachts Bier trinken, schwebt sie wie ein kaltes Lüfterl durch den Raum und gibt wie die Ahnfrau durch grantiges Raunen ihren Unwillen bekannt. Mit Manuel Dragan als Ivo tritt ein erfrischender Komödiant in ihre Zweisamkeit. Man nimmt ihm den smarten Banker, der er vor seiner Haft gewesen sein soll, nicht ganz ab, aber eine so lange Zeit hinter Gittern kann einen Menschen durchaus gründlich verändern. Mag sein, dass es der Kleinheit der Bühne im Forum II geschuldet ist, wenn Ennikö ebenfalls von Eszter Hollósi verkörpert wird, aber so geschickt, dass man die Einsparung erst nach geraumer Weile bemerkt. Zu bewundern sind die Pantoffelhelden (verwirklicht von „Die Theaterküche“) übrigens noch bis 9. Oktober 2021 im TCF täglich außer Sonntag und Montag.

DER HERR RUDI Sauna-Monolog eines Anti-Herr Karl

Rudi Larsen auf der Saunabank © Rolf Bock

Kein Abend für Weicheier und politisch Überkorrekte

Ein Aufguss öffnet die Poren für den Schweiß, aber auch den Mund für so manches Bonmot. In einer richtigen Wiener Sauna muss der Schmäh rennen, wenn sich nackte Körper an den heißen Dämpfen, die ihnen von einer offenbar hitzebeständigen Person freundlich zugewachelt werden, mit lautem Grunzen und Stöhnen ergötzen. Denn kaum sind die ersten Wellen der auf der Haut brennenden Atmosphäre verebbt, geht die Goschen auf und gibt Dinge von sich, die am besten innerhalb der schalldichten Holzkabine mit dem Taferl „Aufguss, nicht eintreten!“ verbleiben. Es ist dies ein klug formulierter Imperativ der Verschwiegenheit. Denn kämen so manche dort geäußerte Ansichten nach draußen, über den Ruheraum oder die Bierschank hinaus an die Öffentlichkeit, gäbe es wohl mehr Skandale als Whats-App und SMS zusammen je generieren können.

Georg Franz „Schurli“ Danzer (viel zu früh 2007 verstorben) hat sich seinerzeit über dieses Verbot hinweggesetzt und ein Einpersonenstück voll mit schrägen und in ihrer Treffsicherheit schockierenden Texten verfasst. Aufgeführt wurde diese köstliche Miniatur der dramatischen Kleinkunst zum letzten Mal 1983, bis sie in der Stille des zermürbenden Corona-Lockdowns von Marcus Strahl als Prinzipal der Neuen Wiener Bühne und dem genial authentischen Schauspieler Rudi Larsen wieder entdeckt wurde und derzeit im Theater Center Forum zu erleben ist.

 

Strahl und Larsen haben Danzers Texte organisch mit aktuellen Geschichten angereichert. So wird ohne Scheu die Problematik der Migration angesprochen, und zwar in einer Weise, wie viele Leute darüber denken. Die sagen es freilich nicht laut, weil sie es sich nicht trauen. Die mit Zahlen belegten Überlegungen zum erschreckenden Bevölkerungswachstum auf der Erde, vor allem in Afrika, münden in der überraschenden Erkenntnis, dass die heutigen Tschuschen eigentlich die deutschen Zuwanderer sind. Political Correctness hat auf der Lattenbank neben dem Saunaofen einfach keinen Platz. Rudi Larsen, umgürtet mit einem Handtuch, behängt mit angeberischem Goldketterl und im Übrigen nackt, wird so wahrhaftig zum redseligen Schwitzer, dass etliche Zuschauer der Meinung sind, sie müssten ganz wie bei einem echten Aufguss ihre Ansichten beisteuern. Larsen lässt sich davon nicht irritieren, er scheint dadurch vielmehr zu weiteren Geschichten inspiriert zu werden. So erfährt man, dass der patscherte Blade vor dem Fußballkäfig eigentlich Karli heißt und trotz seiner kickerischen Unfähigkeit ein großes Tier in der MA48 wird.

Rudi Larsen mit großer Botschaft © Rolf Bock

Wichsen, oder wie es hier heißt, „die Uhr aufziehen“, erweist sich als probate Reaktion junger Männer auf den Mangel an realen Weibern. Herr Rudi versichert auch, dass er nichts, wirklich gar nichts, gegen sexuell anders Orientierte wie die Warmen hat, aber... Perverslinge wie beispielsweise Kinderverzahrer sollten umgehend um einen Kopf kürzer gemacht werden oder wie er vorschlägt: „Alle aufhängen!“ Er verbreitert sich freimütig über den Seelenzustand des Terroristen am Schwedenplatz, um darauf berührend eine Friedensbotschaft aus König Ottokars Glück und Ende von Franz Grillparzer zu zitieren. Den wahren Sinn des Lebens hat schon Danzer damit erklärt, dass man anderen „soviel Freude wie möglich machen“ muss. Damit wird DER HERR RUDI zum Anti-Herr Karl, dem man trotz aller Ausrutscher gegen die von diversen Meinungsmachern lancierten Sprechvorschriften getrost in seiner kantigen Meinung folgen darf.

Theater Center Forum Logo 600

Statistik