Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Die Tschauner Bühne 110 Jahre jung

DIE TSCHAUNER Lachen und Knackwurscht haben wieder Saison

Stegreif Klassik in Aktion

Theater, das im Moment entsteht, nennt man das nicht Stegreifbühne?

Wahre Connaisseure haben die Tschaunerbühne längst entdeckt. Durch das grün gestrichene Tor tritt man ein in eine aus den Brettern, die diese Welt bedeuten, gebaute Welt, die kaum jemand mehr für möglich halten will. Hier ist die Zeit stehen geblieben. Über ein Jahrhundert ist man zurückgekehrt, in das Jahr 1909, als Gustav Tschauner, seines Zeichens stolzer Theaterdirektor, in der Brigittenau eine Sommerbühne gründete. Eine seiner jungen Schauspielerinnen, die neunzehnjährige Karoline Rudolf, dürfte ihm besonders ins Auge gestochen haben. Jedenfalls heirate er sie trotz des beträchtlichen Altersunterschiedes. Er war mittlerweile 50 Jahre alt. Das Mädel war nicht nur schön, sondern brachte als Mitgift gleich ein ganzes Stegreif-Theater in die Ehe ein. Sie stammte aus dem lebenslustigen Bezirk Ottakring; die elterliche Bühne befand sich in der Kendlerstraße, die nun von ihrem Gemahl geleitet wurde. 1957 ist in die Maroltingergasse übersiedelt, in eben diese Holzpawlatschen, die heute noch Sommer für Sommer tapfer und fleißig bespielt wird.

Emmy Schör, die große Dame der Tschauner-Bühne nach der Vorstellung

Die Schauspieler dieses Etablissements sind keine Freunde von Textlernen und Proben. Der 16. Bezirk liefert eine ganze Reihe von kuriosen Geschichten, die vor der jeweiligen Aufführung durchgesprochen werden und ein grobes Handlungsmuster ergeben. Voraussetzung für ein Engagement ist Schlagfertigkeit und spontaner Witz, über den der Mime in ausreichendem Maße verfügen sollte. Dann ist die Hetz garantiert, die auch ein ambitionierter Regisseur nicht zu bändigen imstande wäre. Eine, die diesbezüglich seit vielen Jahren unübertroffen ist, ist Emmy Schörg. Sie betritt die Bühne und ist einfach souverän komisch ohne ein Wort gesagt zu haben.

Wenn sie dann noch zu reden beginnt, haben die anderen einmal Pause, denn ihr Wortschwall ergießt sich wie ein lustiger Wasserfall über Mitspieler und Publikum, was diesseits und jenseits der Rampe schon zu heftigen Lachanfällen geführt hat. Wenn das Zwerchfell einen ihrer Auftritte überlebt hat, dann glaubt man gern auch den stolzen Eintrag auf der Homepage der Tschauner: Stegreif Klassik! Das immaterielle UNESCO Kulturerbe nur bei uns! Chapeau! an Wolfgang Czeloth & Co.

Die Truppe von Stegreif 2.0 © Sigrid Mayer

Bevor es an den Krach im 12er Haus oder an das Hoserl der Kathrein geht, sollte sich der Zuschauer entsprechend stärken. Ein Spritzer oder ein Bier und dazu eine Knackwurscht, das ist die zünftige Verpflegung, das sogenannte Tschauner-Menü, um die vibrierende Spannung des Krimis „Mord in der Wurlitzergasse“ unbeschadet zu überstehen. Sollte es dabei einmal regnen, braucht man keine Angst zu haben, dass es einem das Getränk im Glas verwässert. Aus dem Freilufttheater wird im Handumdrehen wie bei einem Cabrio mittels Schiebedach ein geschlossenes Haus. Damit können auch zu fixen Terminen Gäste eingeladen werden, wie heuer Monti Beton, Caroline Vasicek oder Gery Seidl. Mit einer neuen Produktion wagen sich nach ihrem vorjährigen Debüt auch Nachwuchsimprovisateure, verstärkt durch Promis, ans Werk.

Als Stegreif 2.0 lassen sie das geheimnisvolle Hotel Tschauner, das sie zuletzt mutig und mit Erfolg eingerichtet haben, gleich wieder zur Baustelle werden. Die Bühne selbst wird es überleben, denn mit 110 Jahren, die heuer gefeiert werden, gibt es schon eine Menge Tradition, die sich nicht zuletzt auf die herrlich würzigen Knackwürschte aufbaut, dem sommerlichen Pflichtsnack im anheimelnden Foyer der weltweit letzten Stegreifbühne; kurz gesagt: Gemma Tschaunern!

Vor und nach der Vorstellung relaxen im Garten der Tschauner-Bühne

Pflanz der Vampire Ensemble © Bettina Frenzel

PFLANZ DER VAMPIRE Grusical mit Biss

Markus Richter, Lilly Kugler © Sigrid Mayer

Showbiz? Nichts als Blutsauer vor und hinter den Kulissen.

Die brave Elisabeth ist Vegetarierin, kann also Blut nicht sehen und schon gar nicht in Form einer Blunzen essen. Das ändert sich aber auf einen Biss, den ihr Lutz Draculic angedeihen lässt. Der bleiche Schönling ist ein wahrhaftiger Vampir, was aber nicht weiter auffällt, da er sich wie die anderen vier Jungschauspieler zur Audition für das Musical „Tanz der Vampire“ anstellt. Weil es an geeigneter Auswahl fehlt, bekommen sie von Regisseur Kepplinger die Rollen. In Minibesetzung raufen sich die frischgebackenen Musicalstars durch die Szenen, bis sie am Schluss fast alle zu blutgierigen Fledermausmenschen geworden sind und daher echter nicht auftreten könnten. Vampire haben zwar kein Spiegelbild, können aber ganz fein singen. Sie sind bewandert in allen möglichen Musicals. Die Melodien sind bekannt, allein die Texte sind neu, eben witzig auf die singenden Blutsauger abgestimmt. Einer der ärgsten dieser Gattung ist der Produzent namens Stefan Ruppeck, zwar ohne Eckzähne, aber mit dem Talent, jeden Bühnenkünstler zu einer blutleeren Figur erbleichen zu lassen.

Melanie Wurzer © Bettina Frenzel

Es ist also hinter der ganzen Hetz, die dieser „Pflanz der Vampire“ auf der Tschaunerbühne verbreitet, auch ein Körnchen ernste Wahrheit verborgen. Zum Fürchten ist es allerdings nicht, auch nicht das nächtliche Treiben derer von Transsilvanien, weil es auch unter den Schattenwesen so herrlich menschlich zugeht. Beispielsweise Eifersucht, Eitelkeit und Lampenfieber machen auch vor Vampiren nicht halt.

Markus Richter, Dennis Kozeluh © Bettina Frenzel

Regisseur dieses „Grusicals mit Biss“ ist Markus Richter, der wahrhaftig das Zeug zu einem Vampir hat. Keine der Damen kann dem morbiden Charme seines Lutz Draculic widerstehen und bietet sich bereitwillig seinen zwei markanten Eckzähnen zum Biss an. Ist ja wirklich erotisch, diese Stelle da seitlich am Frauenhals. Wenn einer einmal dort mit seinem Mund ist, dann ist es auch schon um diese Frau geschehen, vor allem dann, wenn es sich um einen richtigen Grafen handelt.

Üblicherweise kann sie darauf vertrauen, am nächsten Morgen beim Zähneputzen Nachwuchs nicht im Gehege der Zähne, sondern eher anderswo vorzufinden. Die löbliche Ausnahme ist diesbezüglich Elisabeth Schikaneder, die nicht nur auf der Bühne, sondern auch mit Männern noch unerfahren ist. Umso professioneller ist ihre Darstellerin. Melanie Wurzer trägt ihre zwei Beißerchen in der Folge recht selbstbewusst und lässt ihre Stimme in höchsten Höhen auffallend sicher ertönen. Ihre Konkurrentin Doris Arata (Lilly Kugler) weiß ihre Reize im Zuge einer Badezimmerszene so raffiniert einzusetzen, dass auch ihr Blut von Draculic verkostet wird. Irgendwann erwischt es auch den bis dahin in Liebesdingen noch unerfahrenen Uwe Dröger (Georg Hasenzagl), der von Elisabeth in einem Revancheakt quasi entjungfert, in diesem Fall zum Vampir gebissen wird. Musicaldarsteller und Muttersöhnchen Albert Koss hat mit Jürgen Kapaun einen ebenfalls sangesfreudigen Darsteller gefunden, der sich bis zuletzt aus dem bissigen Treiben einigermaßen heraushalten kann. In einer sehr subtilen Parodie ehrt er die Grand Dame der Tschauner, Emmi Schörg. Christopher Kepplinger hat´s nicht leicht mit dieser Truppe, was Dennis Kozeluh auch mit vermehrtem Griff zu Cognacflasche deutlich macht. Eigentlich schade, dass er vom Produzenten gefeuert und von seinem Ensemble im wahrsten Sinn des Wortes ausgesoffen wird.

Der heimliche Star des Abends ist Thomas Schreiweis. Denn das Gejohle, das bei seinem Auftritt als fieser Produzent Stefan Ruppeck und später als stoasteirischer Franz, seines Zeichens Bühnentechniker, aufbrandet, kann kein Zufall sein. Dass auch er mit Vampirzähnen und schwarz umrandeten Augen den Schlussapplaus entgegennimmt, ist nichts als ein klares Bekenntnis zum Showbiz oder Showbiss, bei dem es hinter und vor den Kulissen offenbar nur so vor Blutsaugern wimmelt.

Pflanz der Vampire Ensemble © Bettina Frenzel
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