Kultur und Wein

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Die Tschauner Bühne 110 Jahre jung

Die Tschauner Bühne 110 Jahre jung

IM GRAUEN RÖSSL rennt der Klassik-Stegreif-Schmäh

Im Grauen Rössl, Ensemble © Veronika Thim

Im Grauen Rössl, Ensemble © Veronika Thim

Immaterielles Kulturerbe entsteht, wenn sich Knackwurst, Schwechaterbier und gaudiges Theater treffen

Rollen lernen? Ach wo! Hauptsache, das Ensemble weiß, wohin die Handlungsreise gehen soll. Den Rest erledigt die Improvisationsgabe der Schauspieler. Die Wissenschaft nennt es Stegreif-Theater und findet dessen Wurzeln in der Commedia dell´Arte im Italien des 17. und 18. Jahrhunderts und im Alt-Wiener Volkstheater, aber auch im modernen Impro-Theater auf experimentellen Bühnen. Draußen in Ottakring, am Rand der Großstadt, hat sich eine der unterhaltsamsten Formen dieser Kunst erhalten, das Tschaunern. Vor mehr als 110 Jahren hat ein gewisser Gustav Tschauner in Wien eine Sommerbühne gegründet, die 1957 in die Maroltingergasse 43 im 16. Bezirk umgezogen ist. Nach seinem Ableben 1961 hat die wesentlich jüngere Gattin Karoline das Brettl weitergeführt. Es wurde später an das Wiener Volksbildungswerk verkauft und 1989 als „Original Wiener Stegreifbühne, vormals Tschauner“ neu eröffnet. Das Programm erfuhr eine der Zeit angepasste Erweiterung. Zur Tschauner Klassik kamen Stegreif 2.0 und eine Reihe von Veranstaltungen wie Konzerte, Kabarett bis zum Musical.

Christian Schiesser, Thomas Schreiweis © Veronika Thim

Christian Schiesser, Thomas Schreiweis © Veronika Thim

Manuela Stachl, Thomas Schreiweis © Veronika Thim

Manuela Stachl, Thomas Schreiweis © Veronika Thim

Gleich geblieben ist das Ritual der Besucher. Vor der Vorstellung und in der Pause wird fleißig gegessen und getrunken. Kult ist das Tschauner-Menü. Knackwurst und Bier liefern genügend Kraft, um sich aus den Zuschauerreihen heraus mit witzigen Bemerkungen am Geschehen auf der Bühne zu beteiligen. Derlei Zwischenrufe sind keinesfalls eine Störung, sie gelten eher als Prüfung der Schlagfertigkeit der jeweiligen Schauspieler, die sogar ein Hupen auf der Straße davor oder das Folgetonhorn eines Einsatzwagens gekonnt und, wie man in Wien sagt, mit dem entsprechenden Schmäh in ihre Dialoge einzubauen verstehen. Der Lohn: 2018 Ernennung durch die österreichische UNESCO-Kommission zum immateriellen Kulturerbe.

 

So kommt es auch am idyllischen, allerdings sehr einsamen Schlunzlsee zu urbanem Verkehrslärm. Dort betreibt das aus dem „Weißen Rössl“ am Wolfgangssee umgesiedelte Ehepaar Vogelhuber-Brandmeyer das marode Hotel „Zum Grauen Rössl“. Es gibt lustigere Themen als das Herumschlagen mit nicht bezahlten Rechungen, mit einer drohenden Zwangversteigerung und den Plänen, den See zubetonieren zu lassen, die Berge abzutragen und ein Businesszentrum zu errichten. Dass man trotzdem herzlich lachen kann, ist allein das Verdienst der Darsteller. Markus Richter ist der fesche Kellner Leopold, der so gerne für seine Gäste singen würde, wenn man ihn ließe. Aber weder der Piccolo (die reizende Sarah Braun, die dem Alten ihr Geschlecht als Piccolina nicht und nicht beibringen kann) noch die resche Postlerin Ursula Anna Baumgartner wollen ihm zuhören.

Markus Richter, Christian Schiesser, Ursula Anna Baumgartner © Veronika Thim

Markus Richter, Christian Schiesser, Ursula Anna Baumgartner © Veronika Thim

Seine Frau Josepha (Manuela Stachl) sieht eher darin ein Problem, dass sich ihr Gemahl zu oft bei den Dopplern im Weinkeller herumtreibt. Da es sich um eine Parodie auf die Parodie einer Operettenparodie handelt, haben auch der Deutsche Giesecke (Christian Schiesser) und ein windiger Geschäftsmann, hier heißt er Dr. Sidlov (Jürgen Kapaun), ihren Auftritt. Der eine soll den anderen vertreiben, als Gespenst. Giesecke verkleidet sich als Kaiser Franz Joseph – und trifft auf den aus der Kapuzinergruft auferstandenen echten Kaiser. Mit hinreißender Komik lenkt Thomas Schreiweis (Emmy Schörg, schau owa!) als Geist des alten Monarchen schließlich die ganze Misere zum Guten. Sein „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut“ gilt jedoch nicht nur für dieses Stück. Klassische Stegreif-Hetz gibt es auch im „Salon Pitzelberger“, beim „Mord in der Wurlitzergasse“ und im „Freudenhaus vom Liebhartsthal“, die alle noch im August dieses Jahres zu erleben sind.

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