Kultur und Wein

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 Ausstellungsansicht INTO THE NIGHT  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

INTO THE NIGHT Trauen Sie sich rein in die Nachtcafés der Kunstwelt!

 Ausstellungsansicht INTO THE NIGHT  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Reminiszenzen an die kreativen Bruthöhlen der Avantgarde

Damals musste man noch nicht auf der Straße stehen, um bei einer Zigarette zum Cocktail angeregte Gespräche zu führen. An der Ecke Kärntner Straße /Johannesgasse vergrub man sich dauerhaft im Untergrund, um in der bunt verfliesten Bar des Kabaretts Fledermaus zusammen zu hocken, einander einfach zu treffen, zum Austausch von Ideen, die möglichst an Ort und Stelle auf der benachbarten Bühne umgesetzt werden sollten. Kleinliche Regeln des Anstands und der Sitte hatten dabei keinen Platz. Kreativität war angesagt, und eine solche brauchte eben Treibstoff wie Alkohol und Nikotin, wenn nicht gar stärkere Mittelchen, um den Geist zu beflügeln. Das Gesamtkonzept dieses nächtlichen Treffpunkts der unbürgerlichen Gesellschaft hatte Josef Hoffmann entworfen, ganz in der karierten Art seines Stils, für den die Wiener Keramik-Werkstätte siebentausend mehrfarbige Fliesen erzeugt hatte. Schon das Interieur stellte klar, wer dort verkehrte. Es waren die Mitglieder der Secession, die der akademischen Tradition den Kampf angesagt hatten.

Erna Schmidt-Carroll Chansonette, 1928 © Nachlass Erna Schmidt-Caroll

In dieser Höhle hielten sie nun ihre konspirativen Versammlungen ab. Für Theater, Musik und Tanz war ein Zuschauerraum gestaltet worden, der in seiner minimalistischen Ausstattung nicht von den Darbietungen ablenkte. Eher taten das die Frauen, die teils selbst auftraten, teils einfach schön und zugegen waren und als Musen ihren Beitrag für den nächsten literarischen Erguss eines Peter Altenberg, die neuste Bildschöpfung eines Gustav Klimt oder ein berührendes Schattentheater von Oskar Kokoschka lieferten. Zeit dieses Gesamtkunstwerks waren die Jahre 1907 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914, der seine Opfer auch unter den Gästen dieses so lebensvollen Etablissements suchte und fand.

Aaron Douglas, Tanz, um 1930 © Erben von Aaron Douglas VAGA at ARS, NY und Bildrecht, Wien

Für die Ausstellung „INTO THE NIGHT. Die Avantgarde im Nachtcafé“ (bis 1. Juni 2020 im Unteren Belvedere und in der Orangerie) wurde der Barraum der Fledermaus nun von der Universität für angewandte Kunst Wien getreulich nachgebaut, oder besser gesagt stilistisch interpretiert. Die ohne Ausstattung und fern dem ursprünglich brodelnden Geist gestaltete Räumlichkeit wirkt eher wie der Wellnessbereich eines Hotels, lädt aber dennoch ein, das bis dahin Gesehene Revue passieren zu lassen. Kuratorin Florence Ostende, deren Ausstellungsgestaltung von der Barbican Art Gallery in London nach Wien transferiert wurde, ist überzeugt, dass die Moderne der Kunst in solchen Lokalen entstanden ist. Eines der deutlichsten Beispiele ist das Cabaret Voltaire in Zürich, das nur kurze Zeit existierte, die aber ausreichte, um das absolut Absurde, den Dadaismus in die Kunst einzuführen.

Eine große Rolle spielten in den Nachtbars auch die Schattenspiele. Offenbar fühlte man sich wohl in der Höhle des Sokrates, in der den Menschen glaubhaft gemacht werden soll, dass die Schatten von Abbildern deren Realität sind. Niemand kam auf den Gedanken, dass sich diese irgendwo draußen im grellen Schein des Tages befinden könnte. Sie wäre den an dicke Rauchschwaden und das schummrige Licht gewöhnten Augen der Lemuren ohnehin unerträglich gewesen.

Die Beweise für die kreative Kraft dieser schrägen Unterwelt liefern programmatische Arbeiten der dort verkehrenden Künstler oder einfach Souvenirs wie ein Stadtplan von Harlem, der schwarzen Jazz City der 1920er- und 1930er-Jahre in New York, der in witzigen Zeichnungen zu einem unbeschwerten Abend bei Musik, Theater oder Kabarett einlädt und nostalgische Reminiszenzen an Zeiten weckt, als ein Nachtleben noch ohne die kindischen Einschränkungen von heute möglich war.

Theo van Doesburg. Das von Theo van Doesburg gestaltete Ciné-Bal © Fotografie: Sammlung Het Nieuwe
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