Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht "GROW. Der Baum in der Kunst"

Ausstellungsansicht GROW. Der Baum in der Kunst"

GROW Der Baum als mächtiger Mythos der Kunst

 Curt Stenvert, Das Jahr des Kindes ist vorbei!!!, 1983  Belvedere, Wien / © Bildrecht, Wien 2022

Curt Stenvert, Das Jahr des Kindes ist vorbei!!!, © Bildrecht, Wien 2022

Vom Paradies über verwandelte Menschen und die Weltachse bis in den Regenwald

So man die Berichte in der Genesis als archaische Ahnung der Menschheit ansieht, wird man die eminente Bedeutung des Baumes an sich schon ganz zu Beginn unseres Daseins entdecken. Im Zentrum des Garten Edens standen zwei dieser Holzgewächse; der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis, von dem dessen beide Bewohner die Früchte nicht essen durften. Man weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist: Die Schlange hat ein Stück von diesem Obst Eva gereicht, die davon kostet und, wohl eingedenk der fürchterlichen Drohung, ihren Gespons mit in das Verderben ziehen will und es an Adam weiterreicht. Der beißt ebenfalls spontan zu.

Seither dürfen wir vom Paradies nur träumen, eingedenk, dass dieses Verbot eine perfide Herausforderung des Schöpfers war, die, genau besehen, auf Dauer gar nicht einzuhalten war. Schon früh haben sich Künstler mit diesem fatalen Moment auseinandergesetzt. Im Belvedere gibt es ein Fastentuch, das ein steirischer Maler um 1440 geschaffen hat, daneben hängt der „Sündenfall“ von Lucas Cranach dem Älteren, der die beiden Protagonisten nach dem verhängnisvollen Genuss bereits ihrer Nacktheit eingedenk werden lässt. Das darob eher entspannt wirkende Paar versucht seine Scham mit Zweiglein zu bedecken. 500 Jahre später macht die Amerikanerin Liza Lou in „The Damned“ die Verzweiflung angesichts der Vertreibung in Gesichtern und Haltung von zwei überlebensgroßen Plastiken spürbar deutlich. An ihnen vorbei werden die Besucher im Unteren Belvedere in eine Ausstellung geführt, die sich mit dem weiten Feld „Baum in der Kunst“ und dem unvermeidlich englischen Titel „GROW“, also Wachsen, beschäftigt (bis 8. Jänner 2023).

Liza Lou, The Damned, 2004

Liza Lou, The Damned, 2004

Die Idee, sich diesem Thema in drei Abteilungen zu nähern, stammt vom Kurator Miroslav Haľák. In erster Linie konnte er in den Sammlungen des Hauses zugreifen und ergänzte es mit dazu passendem von freundlichen Leihgebern. Das Schau- und Gedankenexperiment beginnt mit „Das Übernatürliche im Baum“, und ist dem entsprechend von christlicher Kunst dominiert, mit Ausflügen zu Hexen, Rübezahl oder in Bäume verwandelte Menschen wie Philemon und Baucis von Gunter Damisch 1984. Vom Baum der Erkenntnis geht es zum Baum des Wissens. In diesen Räumen wird dessen Bedeutung für die Philosophie ebenso untersucht wie seine Eignung als Musikinstrument. Die praktische Anwendung dafür stammt von Elisabeth von Samsonow, die den Stamm einer Trauerweide unter dem Titel „Quantenspalt“ mit vier Basssaiten bespannt hat. Bedenklich ist die Gefahr, die im dritten Abschnitt der Achse der Welt droht. Für die Germanen war es Yggdrasil, die Weltesche, die das Universum getragen hat und dem Weltenbrand zum Opfer fiel. Heute ist es der Regenwald, der in Flammen steht. Die Lunge der Welt ist hoch entzündet und es ist nur mehr eine Frage der Zeit, wann der Infarkt eintritt. Die Plastik „Respirare l´ombra“ von Giuseppe Penone, einem Italiener, ist ebenso aufrüttelnd wie „Sceleton Coast. Thirst“, einer baumlosen Sandwüste von Edda Mally.

Jimmy Zurek, Alma Mater, 2022

Jimmy Zurek, Alma Mater, 2022

Der Rundgang wird musikalisch untermalt. Miroslav Haľák ist nicht nur Kunstexperte, er ist auch Musiker, der auf die Bilder und Skulpturen abgestimmt einen Klangbogen zusammengestellt hat. Zu hören gibt es ihn im Audio Guide, er kann jeweils auf das Handy heruntergeladen werden oder daheim beim Durchblättern des Katalogs von der Stereoanlage zugespielt werden. Selbstverständlich wurden die begleitenden Unterlagen nach ökologischen Vorgaben gefertigt, so ein informatives Growing Paper, das nach Lektüre einfach in die Erde gelegt werden muss, um dort die schönsten Pflanzen wachsen zu lassen.

Belvedere Logo 300

Statistik