Kultur und Wein

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Ausstellungsansicht "Viva Venezia!" © Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht "Viva Venezia!" © Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

VIVA VENEZIA! Historisch geführte Schaulust

 Josef Carl Berthold Püttner, Nachtfahrt in der Lagune, 1857  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Josef Carl Berthold Püttner, Nachtfahrt in der Lagune, 1857 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Das von uns geliebte Venedig wurde erst im 19. Jahrhundert erfunden

Täglich werden in Venedig Tausende Bilder gemalt, und das seit zweihundert Jahren. Grob überschlagen müssten es einige Millionen sein, ungeachtet der Milliarden von Fotos, die von mehr oder weniger genialen Künstlern am Markusplatz, entlang des Canal Grande und in den schmalen Wassergassen von pittoresken Brücken und Gondeln angefertigt wurden. Wo man hinschaut, jeder Winkel bietet ein Klischee, das festgehalten werden will. Wer etwas auf sich hält, tritt jovial an einen der Kleinmeister heran, feilscht kurz und erwirbt ein Aquarell, eine Gouache oder bei besserem Kassenstand einen Miniaturölschinken. Wieder daheim erhält die kunstvolle Beute einen Ehrenplatz im Wohnzimmer, gleich neben dem Edeldruck von Klimts Kuss. Damit sind wir auch schon im Belvedere, das sich rühmen darf, eine Auswahl der schönsten Werke zum Thema Venedig zu besitzen. Man soll und will sie zeigen, wie derzeit im Unteren Belvedere, das nach einem Lockdown zwecks Umbau und Renovierung den Glanz wie zu Prinz Eugens Zeiten ahnen lässt. „VIVA VENEZIA! Die Erfindung Venedigs im 18. Jahrhundert“ (bis 4. September 2022) ist jedoch mehr als eine Leistungsschau mit Veduten aus der Lagunenstadt. Für Kurator Franz Smola und für Generaldirektorin Stella Rollig wäre es zu platt gewesen, einfach prächtige Bilder an die Wand zuhängen. Damit verbunden ist ein historischer Abriss, der zu den Anfängen der von uns so geliebten auf dem Wasser purer Romantik gebauten Stadt führt.

 Ludwig Johann Passini, Kürbisverkäufer in Chioggia, 1876  © Belvedere, Wien

Ludwig Johann Passini, Kürbisverkäufer in Chioggia, 1876 © Belvedere, Wien

 Giuseppe Canella d. J., Chioggia vor Sonnenaufgang, 1838  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Giuseppe Canella d. J., Chioggia vor Sonnenaufgang, 1838 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Es waren profane politische Umbrüche, die aus der das östliche Mittelmeer beherrschenden Seemacht Venedig den morbiden, zwischen maskierter Lebenslust und Tod changierenden Mythos geboren haben. 1797 drang Napoleon ein, griff mit beiden Händen zu und raffte Kunstschätze sonder Zahl an sich, um mit diesen vollkommen disloziert in Paris zu prunken. Es folgten die Habsburger, diesen wiederum die neuen Könige Italiens, dann die Faschisten, die von zivilen Regierungen abgelöst wurden, bis zuletzt Heerscharen von Besuchern in veritablem Overtourism die Serenissima eroberten. In allen diesen Phasen zog es Künstler, Schriftsteller und seit der Erfindung des Films große Regisseure samt namhaften Mimen nach Venedig.

  Pietro Fragiacomo, Venedig ("Fra sole e luna"), 1908  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Pietro Fragiacomo, Venedig ("Fra sole e luna"), 1908 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Das größte Gemälde, das in der Ausstellung zu sehen ist, entstand jedoch in Wien, im Atelier von Hans Makart. Sein „Venedig huldigt Caterina Cornaro" (1872-1873) füllt mit bescheidenen vier Mal zehn Meter sechzig eine ganze Wand. Wie von unsichtbaren Magneten angezogen werden die Augen jedoch von „Venedig, vom Canale della Giudecca aus“ (1775), das keinem Geringeren als William Turner zugeschrieben wird und in Ausdruck und Technik diesem revolutionär frühen Modernen vollkommen entspricht. Ludwig Johann Passini hat 1876 Kürbisverkäufer gemalt und Jakob Alt einen „Blick auf San Giorgio Maggiore“ 1843 festgehalten. Dazu kommen Filmausschnitte wie Szenen aus Ernst Marischkas Sissi oder einem Frühwerk von Max Reinhardt, in denen Venedig das Publikum seiner Zeit in die Kinos gelockt hat. Man sollte sich daher für diesen Besuch genügend Zeit reservieren, um keines der in die Schau verwobenen Elemente zu verpassen.

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