Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Alle angetreten! Ausstellungsansicht

„ALLE ANGETRETEN! Es wird geknipst! Zwischen 1930 und 1950

Seite eines Albums mit Bildern aus den 1930er und 1940er Jahren Archiv Tietjen

Über den ungeahnten Wert privater Fotoalben

Seit es Knipser gibt, also Besitzer einer erschwinglichen Kamera mit der Freude am Festhalten besonderer Augenblicke, wurden die auf Fotopapier fixierten Ergebnisse auch fein säuberlich in Alben geklebt. Ob es der Urlaub war, eine Hochzeit oder die Taufe eines neuen Erdenbürgers, alles wurde fotografiert, um sich daran später erinnern zu können; in manchem Fall sogar über Generationen hinweg. Das Strahlen auf den Bildern spiegelt sich Jahrzehnte später in den Gesichtern der Betrachter, die damals anwesend waren und die Veränderungen in ihrem Aussehen mit mildem Lächeln quittieren. Das wär´s an und für sich, gäbe es nicht die Wissenschaft, in diesem Fall die Volkskunde. Man möchte es nicht glauben, aber auch solche Schnappschüsse sind Gegenstand eingehender Forschung. In einer Ausstellung im Volkskunde Museum Wien findet man den Beweis für die eminente Wichtigkeit solch familiärer Dokumentationen, wenn sie dem Laien auf den ersten Blick auch vollkommen unbedeutend erscheinen mögen.

einer auf den 19.04.1945 datierten Fotografie einer unbekannten Frau an unbek. Ort Archiv Tietjen

Mag. Herbert Justnik, der Leiter der Fotosammlung des Museums, und Dr. Friedrich Tietjen, seines Zeichens Fotohistoriker, haben Unmengen von Fotos, teils lose und teils in Alben, gesichtet und unter dem Titel >„Alle antreten! Es wird geknipst!“ Private Fotografie in Österreich 1930-1950< (bis 17. Februar 2019) zu einer Zeitreise in diese bewegte Periode unserer Geschichte zusammengestellt. Tausende kleiner und einiger größerer Abzüge wurden dafür wie große Schwärme an der Wand befestigt und erfordern vom Betrachter entsprechende Nähe, um die dargestellten Personen, von denen die meisten schon die kühle Erde deckt, überhaupt erkennen zu können.

Anonyme Fotograf*innen, Österreich, um 1940 aufgenommen

Die beiden Wissenschaftler haben bewusst den Zeitraum von Ständestaat, Besetzung durch Hitler-Deutschland und die mageren Nachkriegsjahre ausgewählt, um die Frage aufwerfen zu können, wie weit sich politische Großereignisse im Alltag widerspiegeln. Abgesehen von einer Wand, die den bejubelten Einmarsch der deutschen Truppen in Neulengbach zeigt, hat man kaum den Eindruck, dass sich die Bevölkerung in irgendeiner Weise vom Hunger und Krieg dieser Jahre die auf den Fotos offensichtlich zur Schau gestellte Fröhlichkeit vermiesen hätte lassen.

Mag. Justnik ist überzeugt, dass es auch damals um die Aufbewahrung des schönen Lebens ging und nicht die Vergangenheit, sondern eine mögliche Zukunft festgehalten wurde. Alles wird beachtet, sogar die Buchstabenanzahl auf den Beschriftungen, die sich erfreulicherweise Weise immer wieder auf den Rückseiten der Fotos finden. Damit weiß man zumindest, wer aller aus dem Bild herauslacht. Wann das Foto geschossen wurde und weshalb Frauen meistens an einem Geländer lehnen, sind weitere Fragestellungen. Aber für einen peniblen Forscher lassen sich auch solche Lücken schließen.

 

In die Ausstellung integriert ist ein Labor, das anregen soll, in der eigenen Geschichte zu forschen. Willkommen ist jedes Fotoalbum, nicht nur aus der erwähnten Zeit, sondern ganz allgemein. Sie wurden, so die Kuratoren, auf einen Aufruf hin auch gebracht, in Schuhkartons und Einkaufstaschen, und stellen nunmehr ein großartiges Anschauungsmaterial zur Realienkunde der jüngeren Vergangenheit dar. Wer also auf dem Dachboden oder im Sekretär der Oma fündig wird, ist herzlich eingeladen, seine Beute im Volkskunde Museum vorbei zu bringen.

Die beiden Wissenschaftler, unterstützt von einigen Helfern, werden sich Zeit nehmen, um mit Ihnen das Bildmaterial zu sichten und zu besprechen. Man ist im Museum überzeugt, dass den meisten Besuchern damit eine Welt eröffnet wird, die sie längst als gewesen abgeschrieben haben, und die dennoch auch in Zeiten des Selfie-Wahns und voller Bildspeicher auf dem Handy einiges über die Einstellung unserer Altvorderen zur Knipserei und allgemein über ihr Leben erzählen können.

Reden wir über Ihre Bilder. Foto: kollektiv fischka / kramar © Volkskundemuseum Wien
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