Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Schwere KLnochen Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

SCHWERE KNOCHEN Wia a Strizzi no a echta Pücha woa

Andreas Patton, Peter Fasching, Thomas Frank, Matthias Luckey © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ferdinand Krutzler, ein sehr persönlicher Reiseführer hinunter ins Milieu

Die Wiener Unterwelt war (und ist) um kein bisschen weniger brutal als beispielsweise die Gangs in Chikago oder die Rotlichtszene von St. Pauli. Aber sie war tausend Mal charmanter. Diesen Vorzug hatte sie ihren Protagonisten zu verdanken, deren Legenden sich vor einem Al Capone und ähnlichen Kapazundern nicht zu verstecken brauchen. Ihre Namen sind Legion, angefangen vom Roten Heinzi über die Simon-Platte bis zur MP-Bande. Ein besonders originelles Exemplar dieser kriminellen Spezies war Josef Krista, genannt der „Notwehr-Krista“, dem David Schalko im Roman „Schwere Knochen“ unter dem Alias-Namen Ferdinand Krutzler einen prächtigen Grabstein als Denkmal gesetzt hat. In der Bühnenbearbeitung von Anita Augustin entstand daraus nun ein Theaterabend, der alle die Schwärze eines solchen Seelenlebens nachvollziehbar sogar für den staunenden Normalo aufbereitet. Es geht vom Ersten Weltkrieg über die Not der Nachkriegszeit bis zum Nationalsozialismus, wo sich in einem Konzentrationslager das ernsthafte Verbrechen abspielt, und den Lebensmittelmarken danach.

Matthias Luckey © www.lupispuma.com / Volkstheater

Es war eine doppelte Premiere, die am 15. Jänner 2020 erfolgreich bestritten wurde. Erstens war es die Uraufführung des ebenfalls mit „Schwere Knochen“ benannten Stücks. Zweitens handelte es sich um den ersten, durchaus geglückten Versuch am zwischenzeitlichen Spielort im MuseumsQuartier.

Thomas Frank, Lukas Watzl, Isabella Knöll © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Halle E war bis jetzt Schauplatz von Produktionen, die sich bezüglich der Akustik auf die Tonanlage verlassen konnten. Das Ensemble des Volkstheaters ist jedoch auf eigene Stimmkraft angewiesen, was bei dem schlauchartig langen Zuschauerraum eine nicht unbeträchtliche Herausforderung darstellt. Es hat bestens funktioniert, die düstere Poesie der Wiener Gaunersprache war bis ganz hinten verständlich, wodurch wohl einige flatternde Nerven beruhigt waren.

Der junge Regisseur Alexander Charim hat es geschafft, mit einer Hand voll Schauspielern das Wiener Milieu vom Anfang des 20. Jahrhundert bis über dessen Mitte hinaus lebendig und anschaulich werden zu lassen. Die Bühne, vom Volkstheater eigens mit einer Drehscheibe ausgerüstet, wird von Ivan Bazak mit sparsamem Mobiliar und großflächigen Videos im Handumdrehen zum jeweiligen Tatort mit all den trist-schrägen Begleiterscheinungen wie Puff, KZ oder Brandweiner samt deren originellen personellen Besetzung umfunktioniert. Stimmungsmacher auf ihre ganz eigene Weise sind die drei Musiker, die unter der Leitung von Matthias Jaksic mit Violine, Keyboard und Drums tiefgründiges Beben und ätzende Klangkommentare schaffen.

In den vielen Rollen von Galeristen und deren Entourage sind Peter Fasching (u.a. „Der Bleiche“), Sebastian Pass („Der Praschak“, Krutzlervater oder Grünbaum) , Lukas Watzl als Karl Sikora, „Der Zauberer“ oder Dame ohne Unterleib namens Gisela, Andreas Patton (der alte Schrack, Geldscheißerfranz u.v.m.), Matthias Luckey als rotschädliger Herwig und graziös mit Clownmaske tanzender SS-Obersturmbannführer Dostal in den Männerrollen zugange. Bei den Damen gibt Isabella Knöll eine hinreißend wilde Musch, aber auch die Puffmutter, eine Nonne oder die Lagerhure. Birgit Stöger ist die Wirtin zum Papagei ebenso wie Mandalcel alias „Der Zehner“ und Lisa-Maria Sommerfeld ein japanischer Kampfhund, KZ-Buchhalter, Gusti und Milady, die Spionin. Der Notwehrspezialist, der bei der Geburt schon sechs Kilo gewogen hat, mit vierzehn mehr Frauen gehabt hat als mancher mit sechzig und den perfekten Halsstich beherrscht, ist Thomas Frank. Sein Ferdinand Krutzler ist zum Fürchten, ein Hirschkäfer, an dem Kleinlichkeiten abprallen oder zum unerwarteten Ableben seiner Gegenüber führen.

Isabella Knöll, Matthias Luckey © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peer Gynt x 3 Nils Hohenhövel, Jan Thümer und Günter Franzmeier © www.lupispuma.com / Volkstheater

PEER GYNT Humoriges Zwiebelschälen für Gemütsmenschen

Peer Gynt x 3 Nils Hohenhövel, Jan Thümer und Günter Franzmeier © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der bekannteste Loser der Weltliteratur in unheiliger Dreifaltigkeit besetzt

Wer sich nordische Romantik a la Morgenstimmung, Aases Tod oder Solveigs Lied erwartet, wird enttäuscht sein. Viktor Bodó zeigt in seiner Regie für das Volkstheater „Peer Gynt“ quasi nackt, allem mythologischen Firlefanz entkleidet als Irrläufer auf der Suche nach seinem eigentlichen Sein, dem Gyntschen Selbst, das nichts weniger als ein Kaiser der Welt sein will. Der von Christian Morgenstern in braven kurzen Versen mit sauberen Reimen übersetzte Text Ibsens lässt eine ernsthafte oder gar opulente Betrachtung von Haus aus nicht zu. Nur durch eine Aneinanderreihung von Gags, für die man, um mitlachen zu können, allerdings den Inhalt sehr gut kennen sollte, wird man einer solchen Gestalt einigermaßen gerecht. Wie ein absurdes Ballett tanzen und stolpern auf kahler Bühne Stefan Suske, Günther Wiederschwinger und Andreas Grötzinger in diversen Rollen gegen die Damen Steffi Krautz u. a. als Aase, Solveigh/Trollprinzessin Evi Kehrstephan und Dorka Gryllus als Ingrid und Anitra an. In diesem Fall wäre eine Einmann-Besetzung des Helden schlicht zu wenig.

Peer Gynt Ensemble (Trolle) © www.lupispuma.com / Volkstheater

Also taucht die Figur des Peer Gynt in Personalunion von Nils Hohenhövel, Jan Thümer und Günter Franzmeier auf, um ihre üblen Späße zu treiben. Erforderlichenfalls bilden sie eine Rockband, in der die Gitarrenriffs von Franzmeier nur so fetzen, bis die tanzende Anitra die Instrumente einsammelt und damit diese hörenswerte Session kurzerhand beendet.

 

Was gelten einem Peer Gynt Frauen, Wahrheit und eigenes Leben? Wenn Peer den Mund aufmacht, kommt eine Lüge heraus, egal ob er seiner Mutter erzählt, auf einem Bock geritten und in einen Abgrund gestürzt zu sein, oder eine Braut raubt, um mit ihr, wie in dieser Inszenierung, geräuschvoll auf dem Balkon des Theaters zu bumsen und sie schnöde auf der Stelle wieder zu verlassen. Die Trolle werden als grün gewandete Business-Men entzaubert, die dem bemitleidenswerten Peer den obligaten Schwanz in den Arsch schieben, während die grün gekleidete Tochter des Bergkönigs ungeduldig, aber vergeblich des Beischlafs mit ihrem menschlichen Bräutigam harrt.

Auch der Satz „Edle Gedanken sind mehr als Gut und Geld“ erweist sich als pompöse Flunkerei, wenn der Antiheld über sein Vermögen erzählt, das er mit Menschenhandel gemacht hat, oder im ägyptischen Irrenhaus den Tod der absoluten Vernunft „gestern um Schlag elf“ feiert. Das Ganze ist einer musikalischen Begleitung a la Edvard Grieg wirklich nicht würdig und zeigt dennoch wunderbar anschaulich die Zwiebel, der nach und nach ihre Schalen abgerissen werden, um – keinen – Kern freizulegen.

Günter Franzmeier, Stefan Suske, Nils Hohenhövel Fotorechte: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wer hat meinen Vater umgebracht Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

WER HAT MEINEN VATER UMGEBRACHT als fünfstimmiger Monolog

Wer hat meinen Vater umgebracht Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Frankreich braucht offenbar eine neue Revolution!

Édouard Louis ist ein junger Franzose, geboren 1992 als Louis Bellegueule. In seiner Kindheit und Jugend hatte er es alles andere als leicht. Zerrüttete Familienverhältnisse, gepaart mit Bildungsferne des Landlebens und Homosexualität in einer vom Männlichkeitswahn beherrschten Umgebung, haben ihre Spuren hinterlassen. Gleichzeitig weckte die Misere jedoch sein schriftstellerisches Talent. Kurz nach seinem zwanzigsten Geburtstag hatte er das Manuskript eines autobiografischen Romans fertig und schickte dieses an einen großen Pariser Verlag. Es wurde mit der Bemerkung abgewiesen, dass die beschriebenen Zustände längst überwunden seien und niemand ein solches Buch lesen werde. Es ist trotzdem 2018 erschienen und wurde unter dem Titel „En finir avec Eddy Bellegueule“ zum Bestseller. Er rechnet darin radikal mit Zuständen in Frankreich ab, wie sie ihn zeitlebens begleitet haben. Jeder der Präsidenten seit Jacques Chirac, über Nicolas Sarkozy, François Hollande bis Emmanuel Macron hat das seine dazu beigetragen, das Leben der Landsleute beschwerlicher zu machen.

Wer hat meinen Vater umgebracht Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seinen Familiennamen hat er geändert, weil er die Herkunft aus dem abgelegenen Nest ebenso loswerden wollte wie die Erinnerung an die Familie, die über Jahre vom mageren Einkommen des Vaters, einem Fabrikarbeiter, leben musste. Aus der Anklage gegen den Mann, der gern gesoffen hat, zuhause nur vor dem Fernseher gesessen ist und Le Pen gewählt hat, wird jedoch bald eine Parteinahme für den Vater, dem in der Arbeit das Kreuz gebrochen und der dadurch zum Sozialhilfeempfänger und Faulpelz wider Willen degradiert wurde. Die logische Folge ist laut Édouard Louis die Revolution gegen die Mächtigen, die sich, so seine Annahme, zum ersten Mal gefürchtet haben, als die Gelbwesten ihre Muskeln spielen ließen.

Wer hat meinen Vater umgebracht Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dieser Einblick in die sozialen Missstände Frankreichs wurde nun von Christina Rast und Heike Müller-Merten aus einer Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel für die Bühne bearbeitet und unter dem deutschen Titel „Wer hat meinen Vater umgebracht“ im Volkstheater uraufgeführt. Entstanden ist unter der Regie von Christina Rast eine, fast möchte man sagen, bereits gewohnte Badora-Predigt, in der Zuschauer die Ohren anlegen, wenn ihnen von der Rampe her die Leviten gelesen werden.

Fünf Darsteller (Peter Fasching, Sebastian Klein, Julia Kreusch, Sebastian Pass, Birgit Stöger) werden zu Édouard Louis, die um eine riesige Vater-Puppe in Blaumax und Hacklerhelm an einem Tisch, auf den sie wie Kinder gerade noch hinaufsehen, ihr Leid beklagen. Sie werfen einander virtuos die Stichwörter zu und sorgen damit für eine beachtliche Rasanz, die vergessen lässt, wie wenig uns die ganze Materie im Grunde angeht. Unter die Haut geht die Szene, in der blau beleuchtete Masken den Buben verhöhnen, weil er schwul ist, während er erzählt, dass er angespuckt wurde und ihm der Rotz dabei übers Gesicht herab in den Mund geronnen ist.

Berührend ist die Erinnerung wie Édouard seinen Vater wieder gefunden hat, als kranken, kaum bewegungsfähigen Mann, der sich deswegen das erste Mal bei ihm entschuldigt, seine Bücher kauft und weitergibt und sogar den Partner seines Sohnes kennenlernen will, ganz gegen seine bisherige Natur, die ihn nichts mehr hassen ließ als einen weibischen Buben. Die Schuldigen wären damit also festgestellt, gilt nur mehr zu hoffen, dass Österreich nicht auch zu einem solchen Frankreich mutiert.

Wer hat meinen Vater umgebracht Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank, Blaskapelle ©  www.lupispuma.com / Volkstheater

DIE MEROWINGER oder Die totale (Wut-)Familie

Thomas Frank, Peter Fasching © www.lupisuma.com / Volkstheater

Muss man wirklich verrückt sein, um herzerfrischend wüten zu dürfen

Der Wiener, so sagt man, drückt seine Wut im Granteln aus. Fragt sich jetzt, was gefährlicher ist, ein richtiger Wutausbruch oder das Dahinmeckern, das jede positive Regung im Keim erstickt und angesichts der daraus folgenden Resignation einen beißenden Ingrimm verbunden mit unkontrolliertem Zornesanfall zeitigt. Die Chronikseiten der Tageszeitungen sind voll von solchen Berichten, die von der harmlosen Watschen übers Würgen bis zur Familienausrottung führen. Heimito von Doderer, einer der exzellentesten Kenner der österreichischen Seele, hat sich in seinem Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“ Gedanken darüber gemacht, die nun von Franzobel weitergesponnen wurden. Entstanden ist daraus ein Theaterstück, das frei nach dem literarischen Vorbild Childerich III., den letzten Spross der Merowinger (ein fränkisches Königsgeschlecht vom 5. bis ins 8. Jh.) als Klammer für vielseitige Reflektionen über alle möglichen Arten von Ausrastern seinem Traum nachgehen lässt, eine gesamte Familie mit Großvater, Vater, Onkel, Sohn und Enkel zu sein.

Katrin Grumeth, Peter Fasching © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dazu braucht es freilich Zeitenbockssprünge über mehr als ein Jahrtausend, die offenbar nur durch pathologisches Irresein bewältigt werden können. Typisch für Doderer sind die zahlreichen Handlungsstränge, sofern man überhaut von so etwas wie einer Handlung sprechen kann. Franzobel hat darin richtiggehend gebadet und lässt seinen eigenen Frust an der Welt, an der ein zünftiger Dichter von Berufs wegen leiden muss, in einem kurzweiligen turbulenten Abend auf das Publikum niederprasseln.

Peter Fasching, Bernhard Dechant © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badora, die Chefin des Volkstheaters, hat persönlich Regie geführt und schont dabei weder ihre Darsteller noch die Zuschauer, die frei Haus zu Wutbürgern ernannt werden. Die oben auf der Bühne machen´s besser als die Maulfaulen im Dunkel von Tribüne, Balkon und Loge. Thomas Frank als Irrenarzt Doktor Horn, spezialisiert auf Wutpatienten, weiß damit allerdings virtuos umzugehen. Kaum hebt Childerich zum Wüten an, werden schon seine Fußwinkel vermessen, was ihn umgehend beruhigt. Es endet mit der Kastration des an sich mannesstarken Kretins, dem sein Darsteller äußerlich allerdings nicht entspricht. Peter Fasching ist ein fescher, würdiger König ab, sogar nackt und blutend.

Sein Vater und der ihm später als Majordomus das Leben schwer machende Pippin ist Günter Franzmeier, der ausnahmsweise nicht wütet, sondern in der Rolle des Beamten Dr. Schajo sogar beruhigend auf die Menschen einwirkt. Childerich hat eine ganze Reihe von Ehefrauen zu Tode penetriert: Clara von Cellé (Katrin Grumeth), Barbara Bein (Lisa-Maria Sommerfeld), Christiane Paust (Renata Prokopiuk) und die Ägypterin Julia Keusch, die in einer weiteren Daseinsform als Schwester Helga und Vertreterin einer ominösen Firma ihrem eigenen Chef den Untergang bereiten muss. Wenn Michael Abendroth als Großvater von Childerich III. diesen ausgiebig verhöhnt hat, hinkt er mit Gehstock als überzeugend destruktiver Herr Zilek durch das Geschehen.

Treu ist nur der Hund mit Halskrause, als der Bernhard Dechant bellt, Pfote gibt und auch sonst dienstbeflissen mit dem Schwanz wedelt. Denn der wahre Verbrecher ist Döblinger (gemeint ist Doderer), der sich all das erdacht hat und von Sebastian Pass die Arroganz eines literarischen Losers mit auf den Weg bekommt. Für musikalischen Wirbel sorgt eine Blaskapelle, die immer dann mit ihren teils als Kakophonie virtuos gespielten Einlagen zur Stelle ist, wenn die Wut rhythmischen und melodischen Ausdruck braucht.

Sebastian Pass  © www.lupispuma.com / Volkstheater
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