Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Uwe Schmieder, Frank Genser © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

ENDSPIEL Frei reduziert nach Samuel Beckett

Frank Genser, Uwe Schmieder © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Die Absurdität des Theaters auf die Spitze getrieben

Zwei Männer haben überlebt; was immer, ganz bestimmt war es eine Katastrophe, die sie in einem fragwürdigen Unterschlupf gefangen hält. Sie sind offenbar die letzten Exemplare der Menschheit, vielleicht die kümmerlichen Überbleibsel allen Lebens. So genau erfährt man es nicht. Samuel Beckett hat 1956 diese düstere Endzeit-Vision als Theaterstück gestaltet. Bei ihm gibt es zwei in Mülltonnen einquartierte Eltern des Älteren namens Hamm, der blind und an einen Behindertenstuhl gefesselt ist. Der zweite ist Clov, jünger als der andere und aufgrund steifer Beine ausschließlich zum Stehen und Gehen verdammt. Regisseur und Hausherr des Volkstheaters Kay Voges verzichtet sowohl auf die Namen der Akteure als auch auf die wohnlichen Mistkübel samt Inhalt. Der in seiner augenscheinlichen Sinnlosigkeit brillante Text wurde von Elmar Tophoven ins Deutsche übertragen und von Voges in eine immer wiederkehrende Schleife mit folgendem Dialog eingearbeitet: Der Jüngere dreht in der trostlosen Kammer humpelnd einige Runden, bevor er sich zur Tür bewegt.

Frank Genser, Uwe Schmieder © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Er öffnet diese und fragt den Älteren: „Willst du, dass ich dich verlasse?“ Die Antwort: „Natürlich!“ „Dann werde ich dich verlassen!“ Darauf tönt es vom Sessel her: „Du kannst mich nicht verlassen!“ Worauf folgt: „Dann werde ich dich nicht verlassen!“ Beim Schließen der Tür zuckt ein Blitz auf, die Runde beginnt von vorne, gleicher Text, gleiche Reaktion, immer und immer wieder, begleitet von ohrenbetäubendem Bassgedröhne, das von Frank Genser und Uwe Schmieder überschrien werden muss und nach der x-ten Repetition beim Zuschauer Besorgnis um deren Stimme erweckt.

Frank Genser, Uwe Schmieder © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Bereits beim Eintreffen wird das Publikum damit empfangen und zur Erwartung Gehör schonender Sequenzen eingeladen. Es ist also Theater zum Auswendiglernen, wie es bereits bei Thomas Bernhards „Der Theatermacher“ geübt wurde. Bei einem absurden Stück wie dem „Endspiel“ gewinnt diese Technik paradoxerweise immens an Sinn. In der Mitte der Bühne steht das schwarz gestrichene Zimmer, dessen Einrichtung mit weißen Strichen an die Wand gezeichnet ist. Dort hängen auch einige Requisiten:

Eine Maschinenpistole oder die zeigerlose Uhr. Deren Zeit wird ebenso wie das Wetter mit „alles wie gewöhnlich“ angegeben. Ein Sehrohr verschafft zwar Aussicht, die aber wie die Gegend vor dem Fenster „Null“ ergibt. Der Ältere träumt von einem Floß, das ihn über ein nicht mehr existierendes Meer zu anderen bringen könnte. Der Jüngere jubelt über einen Floh, den er möglicherweise gefangen hat. Die Geräusche, die das deprimierende Geschehen untermalen, sind genial auf die Sekunde genau abgestimmt. Es knackt, wenn der Alte sein Unterkiefer nach oben klappt, es scheppert, wenn der Pudel, eine als H geformte Metallplatte, zu Boden geworfen wird und es quietscht, wenn der Junge den Spiegel poliert. Die Inszenierung ist also schlüssig, denn die Absurdität ist auf die Spitze getrieben und wird trotz aller Änderungen dem Original gerecht. Stellenweise gab es sogar laute Lacher und am Ende anhaltenden Applaus.

Nick Romeo Reimann © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

DER THEATERMACHER Ist dieses „Theater“-Stück bereits Programm?

Nick Romeo Reimann, Anna Rieser, Uwe Rohbeck, Andreas Beck, Anke Zillich © N. Ostermann / Volksth.

Ein Klassiker der österreichischen Gegenwart aus der Sicht von Kay Voges

Die Nazikeule sitzt locker an der Hüfte und wird allmählich zum Markenzeichen des Volkstheaters. Nach einigen diesbezüglichen Exzessen der Vorgängerin Anna Badora hat man sich schon daran gewöhnt, als schlechter Mensch von allen den Guten von der Rampe her beschimpft zu werden. Kay Voges scheint diese Linie konsequent fortsetzen zu wollen. Ausgezeichnet eignet sich dazu „Der Theatermacher“ von Thomas Bernhard. Man kennt seine Aversion gegenüber den Landsleuten. Wie kein anderer konnte er die Bösartigkeiten in brillante Formulierungen gießen, die man ihm ob deren literarischen Wert längst nicht mehr übel nimmt. Wahrscheinlich bis zu seinem Ende hat ihn der sogenannte Notlichtskandal gegiftet. Bei der Inszenierung seines Freundes Claus Peymann von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ bei den Salzburger Festspielen 1972 sollte am Ende absolute Dunkelheit herrschen. Als feuerpolizeiliche Bedenken jedoch ein Abschalten der Notlichter verbaten, kam es hinter der Bühne zu einer handfesten Rauferei um den Lichtschalter.

Andreas Beck © Birgit Hupfeld / Volkstheater

Die Angelegenheit landete schließlich vor dem Bühnengericht. In „Der Theatermacher“ wird der dabei entstandene Frust zum Running Gag hochstilisiert. In Utzenbach, einer 280-Seelengemeinde, hat der Feuerwehrkommandant das Sagen und wird zum Buhmann für allgemein herrschende Kulturlosigkeit. Das epochale Werk „Das Rad der Geschichte“ aus der Feder des Prinzipals dieser kleinen Truppe soll dort als Galavorstellung gegeben werden und wäre ohne die totale finale Finsternis vernichtet. Dazu hat sich Thomas Bernhard eine Reihe weiterer Bonmots einfallen lassen, angefangen von der wortgewaltigen Ablehnung von Frauen am Theater über präsente Hitlerbilder bis zum Gejammer über ewig zu fette Frittatensuppe in kleinen Landwirthäusern.

Ensemble in Lichtspielen © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Das an sich amüsante und außerordentlich pointierte Dahingeseier eines von seiner Genialität überzeugten Schmierendarstellers erfährt im Volkstheater unter der Regie des Hausherren Kay Voges eine kräftige Überhöhung. Zwei Stunden und 40 Minuten lang wird der in einer Stunde abgehandelte Text immer und immer wieder hergesagt, in wechselnden Rollen und Kostümen. Der Wirt wird z. B. zum Theatermacher, die Frau zur Tochter und alle zu bösen Nazifiguren.

In diesem Sinne erweist sich das Ensemble ungemein wandlungsfähig: Andreas Beck (der ursprüngliche Bruscon mit dem verzweifelten Brustton eines ignorierten Rechthabers), seine ihm gegenüber elegant skeptische Frau Anke Zillich, Nick Romeo Reimann als Sohn Ferrucio mit ein, zwei, drei Gipsverbänden, Töchterchen Sarah (Anna Rieser, die gegen Ende der Vorstellung mehr schreiend als singend hysterisch durch den Zuschauerraum rennt) und Uwe Rohbeck als willfährig träger Wirt. Verschwendung kann man Kay Voges nicht vorwerfen.

Mit kostengünstigen Mitteln wie akustischen Effekten (Komposition: Fink von Finkenstein), Licht (Beleuchtung: Julian Paget), verfremdeten Stimmen (Ton: Giorgio Mazzi) und ein bisschen Blut wird ordentlich Krawall gemacht. Die Ausstattung des abgefrackten Wirtshaussaals ist einfach, aber schlüssig. Das Logo für „Das Rad der Geschichte“ ist eine doppelte Swastika, also ein achtbeiniges Hakenkreuz. Damit wird die verbale Abrechung zum offenen Vorwurf, der bei der Premiere vom zum guten Teil jungen Publikum lautstark bejubelt wurde.

Anna Rieser © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Pia Hierzegger, Julia Franz Richter, Martina Zinner © Nikolaus Ostermann

DIE RECHERCHE-SHOW Erste Premiere von Kay Voges online abgeliefert

Pia Hierzegger © Nikolaus Ostermann

RED BULL versus DOSSIER als amüsanter Stierkampf im Volkstheater

Nach und nach gewöhnt man sich an den Bildschirm als Bühnenersatz. Mit dem Erwerb eines Tickets um 6,- € wird der Link geliefert, der in den folgenden eineinhalb Stunden Theater simulieren soll. Der Unterschied zu einer TV-Sendung ist marginal; eine investigative Show ist eine investigative Show, egal wo und hat stets auch das gleiche Muster. Das Fernsehen lebt von der Professionalität eines Teams, das im Theater eher als bemühte Truppe wirkt, die im Gegensatz zu vielen Kollegen au den TV-Studios allerdings großartig die Improvisation beherrscht. So stellt es keinerlei Problem dar, wenn die Bilder einfrieren oder der Ton ausfällt. Schauspieler sind geübt im Extemporieren und retten eine Vorstellung auch dann noch, wenn die Maschinerie streikt oder die Kulissen kippen. Dieses Kompliment darf auch Kreation Kollektiv unter der Regie von Ed Hauswirth gemacht werden, das mit der fast unfallfreien Premiere von „Die Recherche-Show“ die Spielzeit des neuen Direktors Kay Voges eingeleitet hat, mit einem, man möchte fast sagen, mittlerweile typischen Volkstheaterstück.

Martina Zinner © Nikolaus Ostermann

Zugrunde liegen dieser Show die Recherchen von DOSSIER, einer nach eigenen Angaben unabhängigen und gemeinnützigen Redaktion, die investigativen und Datenjournalismus betreibt und fördert. Ziel der Enthüllungen ist RED BULL, besser gesagt, dessen Betreiber Didi Mateschitz. Wer selbst das süße, nach Gummibärli schmeckende Dosengetränk nicht konsumiert, fragt sich bestenfalls, wie man damit zu einem derart sagenhaften Vermögen von zig-Milliarden kommen kann. Sind es die Stierhoden, die nicht jeder Darstellerin munden, oder das immer wieder aufflammende EXTREM, passend zu den langen Fangarmen dieser Krake? ServusTV mit einem Chefredakteur, der als nach ihm benannter Kasperl Wegscheider seltsame Wahrheiten verkündet, vom roten Bullen beherrschtes Sportgeschehen in Stadien oder auf Autorennstrecken und Abenteurer mit unglaublichem Mut zur Selbstvernichtung sind auch dem Ignoranten von Red Bull präsent.

In diesem Sinne spielen sich Pia Hierzegger, Rupert Lehofer, Julia Franz Richter, Martina Zinner und am Keyboard Thomas Pfeffer in der Dunkelkammer des Volkstheaters die Doserln zu, um sie jeweils zischend witzig aufzureißen. Für Seriosität bürgt der zugeschaltete Journalist Georg Eckelsberger von DOSSIER. Das Resümee: Man wird zum Dr. Faustus, der zwar mehrfach mitvoten darf, aber bezüglich des Mateschitz-Imperiums an der Stelle, wo üblicherweise der Schlussapplaus einsetzt, grad so klug ist als wie zuvor.

Rupert Lehofer © Nikolaus Ostermann
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