Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Andreas Beck, Claudio Gatzke © Franzi Kreis / Volkstheater

Andreas Beck, Claudio Gatzke © Franzi Kreis / Volkstheater

FAUST Der eindrucksvoll inszenierte Augenblick

Lavinia Nowak © Marcel Urlaub / Volkstheater

Lavinia Nowak © Marcel Urlaub / Volkstheater

Schonet mir Prospekte nicht und nicht Maschinen und nicht die Fotokamera

Marcel Urlaub ist Fotograf. Seine Aufgabe ist es, Augenblicke festzuhalten. Es beginnt mit einigen Schnappschüssen in das Publikum, das sich auf der Projektionsfläche erfreut wiedersieht. Das eigentliche Interesse des Mannes hinter der auf 12800 ISO hochgestellten Kamera gilt jedoch dem Ensemble, das für die Umsetzung des Klassikers aller Theaterklassiker zuständig ist. Immerhin geht es um das Festhalten des ganz speziellen Augenblicks, der, weil er so schön ist, verweilen soll. Die Idee dazu stammt von Kay Voges, dem Direktor des Volkstheaters, der sich die Regie für die Tragödie Faust vorbehalten hat. Voges hält sich, abgesehen von einigen Einsparungen wie der Marthe Schwerdtlein, an den von Johann Wolfgang von Goethe vorgegebenen Ablauf der Szenen, inklusive Zueignung, Vorspiel auf dem Theater und Prolog im Himmel. Schon dabei schafft er es, das (zugegebenermaßen skeptische) Publikum zu elektrisieren. Licht und Ton, Gesang und Art der Deklamation großteils originaler Texte lassen einen außergewöhnlichen Theaterabend erwarten. Der Theaterdirektor beherzigt mit ökonomischem Einsatz wirkungsvoller Effekte die Forderung seines vom Dichter erschaffenen Kollegen (Uwe Schmieder): Schonet mir an diesem Tag Prospekte nicht und nicht Maschinen. Gebraucht das groß´ und kleine Himmelslicht, die Sterne dürfet ihr verschwenden.“ Als optischer Kommentar unterstreicht die live eingespielte „Diashow“ konsequent das Gesagte.

Gitte Reppin, Ensemble © Franzi Kreis / Volkstheater

Gitte Reppin, Ensemble © Franzi Kreis / Volkstheater

Ensemble © Franzi Kreis / Volkstheater

Ensemble © Franzi Kreis / Volkstheater

Andreas Beck tritt schließlich als der mit seinen Studien unzufriedene Dr. Faustus auf, immer begleitet von Frank Genser als sein jüngeres Alter Ego auf der Projektion. Der Monolog kommt so natürlich, als hätte Goethe diesen nicht in Knittelversen, sondern in Prosa verfasst, eine Eigenschaft, die auch die meisten anderen Akteure auszeichnet. Mit sicherer Stimme ist bereits in der Zuneigung die Sängerin Hasti Molavian aufgefallen, muss sich allerdings beim abendlichen Versuch, die Ballade „Der König von Thule“ zum Besten zu geben, von Schmieder als gehässigen Theaterdirektor eine unliebsame Gesangsstunde gefallen lassen. Lavinia Nowak als Ersatzgretchen hat weniger Hemmungen, die von Mephistopheles hinterlegte massive Goldkette an sich zu reißen und ihrerseits mit dem nun verjüngten Faust (Claudio Gatzke) zu flirten.

Schließlich wird der junge Mann von ihr, Gitte Reppin und Friederike Tiefenbacher in dem mittig sich drehenden Häuschen per Gruppensex verwöhnt (auf Fotos). Auf eventuell weniger aufgeschlossene Zuschauer wird dabei mit erotischen, besser gesagt, pornographischen Einblicken wenig Rücksicht genommen. Der Geist, der stets verneint, ist, je nach Bedarf, sowohl männlich (Uwe Robeck) als auch weiblich (Lavinia Nowak). Songs wie „Satan´s River“ (Dolly Parton & Porter Wagoner), „Demon I´m bored“ von Paul Wallfisch in der Walpurgisnacht oder „People Take Pictures of Each Other“ (The Kinks) lockern den heiligen Ernst dieser Suche nach dem inneren Zusammenhalt der Welt ebenso auf wie etliche Gags, die aber alles andere als respektlos zum Schmunzeln reizen. Nur der Schluss beginnt sich etwas zu ziehen. Teile aus Faust, der Tragödie zweiter Teil, lassen schließlich nach langer Debatte einen erblindeten Faust (Uwe Schmieder) den erlösenden Ausspruch tun und, ungemütlich aufgehängt an einem Kran, wortreich gen Himmel entschweben.

Claudio Gatzke © Franzi Kreis / Volkstheater

Claudio Gatzke © Franzi Kreis / Volkstheater

KAROLINE UND KASIMIR - NOLI ME TANGERE  © Marcel Urlaub / Volkstheater

KAROLINE UND KASIMIR - NOLI ME TANGERE © Marcel Urlaub / Volkstheater

KASIMIR UND KAROLINE Horváths Tod für Unterhaltungsfreaks

Bence Mezei, Jürgen Weisert © Marcel Urlaub / Volkstheater

Bence Mezei, Jürgen Weisert © Marcel Urlaub / Volkstheater

Nature Theater of Oklahoma arbeitet sich originell an einer österreichischen Ikone ab

Es wäre nicht das Volkstheater unter Kay Voges, wäre im Stück drin, was der Titel verspricht. So sollte man bei Kasimir und Karoline allein vom Zusatz „Noli me tangere“ (ich will nicht, dass du mich festhältst) gewarnt sein. Was dieser – übrigens aus dem Griechischen meistens mit „Rühre mich nicht an!“ falsch übersetzte Spruch des Johannesevangeliums – mit Ödön von Horváth und der Produktion des Nature Theater of Oklahoma zu tun hat, erschließt sich auch nach knapp drei Stunden nicht einmal im Ansatz. Dafür gibt es die ganze Zeit aber ordentlich Hetz und Gaudi, Mummenschanz (Nikolaus Habjan) und mitreißendes Dancing, das von unmotivierten Drehungen angefangen bis zu einem schweißtreibenden Corps de Ballet des Ensembles für Kurzweil und Szenenapplaus sorgt. Hinter dem angekündigten Theaterstück verbirgt sich eine eigenwillige Aufarbeitung des letzten Tages im Leben von Ödön von Horváth. Kelly Copper und Pavol Liška haben dazu penibel recherchiert, angefangen von einem Besuch bei Horváths Grab, über das Archiv der Nationalbibliothek bis zum Theaterfundus und sämtlichen Werkstätten. Man darf beispielsweise darauf vertrauen, dass der letzte Film, den sich der Dichter in einem Pariser Kino reingezogen hat, Walt Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ war; für die beiden Theatermacher eine wahre Fundgrube für Gags, die auch kräftig geplündert wird.

Samouil Stoyanov, Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Samouil Stoyanov, Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

KAROLINE UND KASIMIR - NOLI ME TANGERE Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

KAROLINE UND KASIMIR Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Am Anfang steht jedoch das Wort. Und das Wort war nicht bei Gott. Sondern in Englisch. Elias Eilinghoff hält mit Bence Mezei eine ausgiebige Doppelconférence, um das Publikum auf kommende Überraschungen einzustimmen. In einer Kurzversion, bei der auch Souffleur Jürgen M. Weisert mit kräftiger Stimme mitmacht, wird das Drama Kasimir und Karoline abgehandelt, um nach einem Schnitt zu dessen Autor zu blenden, der an der Arbeit von „Adieu, Europa!“ verzweifelt. Samouil Stoyanov, mit violettem Schal als Horváth kenntlich gemacht, leidet an der Schreibhemmung und schreit seinen Jammer in tiefsinnigen Formulierungen in die Welt hinaus.

Laut Informationen zu Nature Theater of Oklahoma wird ihm und den anderen der Text dabei ins Ohr gesagt; auch einem seiner Nachfolger in dieser Rolle, dem eleganten Frank Genser, der schließlich im Gewitter mit großem Theaterdonner von einem Ast erschlagen wird. Virtuos beherrschen diese Technik auch die beiden Damen Lavinia Nowak und Julia Franz Richter, die in diversen Verkleidungen von Karoline bis zur bösen Hexe und Aufgaben wie das Spiel der singenden Säge reüssieren. Julia Franz Richter darf zuletzt sogar eine dicht an Thomas Bernhard angelehnte Wien-Beschimpfung vom Stapel lassen, inspiriert von Ottakringer Dosenbier. Wenn es dem Misanthropen aus Oberösterreich in „Heldenplatz“ noch gelungen ist, damit einen Skandal auszulösen, so findet ihre harsche Abrechnung mit allerhand heimischen Unsitten gnädige Aufnahme und nickende Zustimmung im Auditorium. Zu diesem Zeitpunkt sind die Zuschauer längst glücklich sediert. Es gibt wieder Unterhaltung, originell und vom Feinsten, im Volkstheater!

KAROLINE UND KASIMIR Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

KAROLINE UND KASIMIR Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Anna Rieser, Christoph Schüchner © Marcel Urlaub / Volkstheater

Anna Rieser, Christoph Schüchner © Marcel Urlaub / Volkstheater

ACH, SISI darfst dich endlich einmal köstlich unterhalten

Andreas Beck, Anna Rieser, Anke Zillich, Christoph Schüchner © Marcel Urlaub / Volkstheater

Andreas Beck, Anna Rieser, Anke Zillich, Christoph Schüchner © Marcel Urlaub / Volkstheater

Eine österreichische Kultfigur wird in neunundneunzig Szenen humorig seziert

Müssen wir uns das gefallen lassen, was da vom Rockradio 88.6 über unser Nationalheiligtum verbreitet wird? Unser aller Kaiserin Elisabeth wird gnadenlos durch den Kakao gezogen. Die Dame mit der Wespentaille muss sich beleibte Männer als ihre Darsteller gefallen lassen, darf nur auf einem Steckenpferd reiten und wird ungeniert für TV-Reklamesendungen eingespannt. Die Antwort ist eindeutig: Ja! Der deutsche Allrounder für Bühnenunterhaltung Rainald Grebe hat sich dieser spannend diversen Person angenommen und gemeinsam mit dem Ensemble alles Wissen, das man längst aus unzähligen Dokumentationen und Zeitschriftenartikeln zu kennen glaubt, zu einem kurzweiligen Kabarettabend komprimiert. Damit man verlässlich weiß, wie weit der Ablauf der neunundneunzig Szenen gediehen ist, läuft rechts oben auf der Bühne ein digitales Zählwerk mit, das mit dem Summerton jeweils um eins weiter springt.

ACH, SISI - NEUNUNDNEUNZIG SZENEN von Rainald Grebe und Ensemble  © Marcel Urlaub / Volkstheater

ACH, SISI - NEUNUNDNEUNZIG SZENEN von Rainald Grebe und Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

ACH, SISI - NEUNUNDNEUNZIG SZENEN von Rainald Grebe und Ensemble  Ensemble © Marcel Urlaub / Volksth

ACH, SISI - NEUNUNDNEUNZIG SZENEN von Rainald Grebe und Ensemble Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Eingebettet ist die Show in das Programm des Rocksenders 88.6, dessen Moderatorin in einer der Logen sitzt und dem Geschehen auf der Bühne die entsprechenden Impulse gibt. Für eine vielgestaltige Sisi und mit ihr in Verbindung stehenden Zeitgenossen, angefangen von ihrem Gemahl Kaiser Franz Joseph, dem schottischen Reitlehrer Bay Middleton, dem Griechen Konstantin Anastasios Christomanos Manno als Homer-Vorleser bis zu ihrem Mörder Luigi Lucheni sind Andreas Beck, Tilla Kratochwil, Anna Rieser, Uwe Schmieder, Christoph Schüchner, Anke Zillich und Susanna Peterka am Werk. Balázs Várnai verkörpert unter anderem Ungarn, die große Liebe der Monarchin, und schafft es fast, dem Publikum ein paar Brocken dieser zungenbrecherischen Sprache beizubringen. Die selbe Besetzung, die in Windeseile vom Reifrock in allerhand andere Kleidung springen muss, ist ebenso gut für Zeitsprünge in die 1950er-Jahre zur Sissi-Trilogie, zu zwei philosophischen Herren aus Favoriten und für die Erinnerungen einer reifen Dame, die seinerzeit ihre Liebespartner nach dem Geschmack von Romy Schneider ausgesucht hat.

Andreas Beck © Marcel Urlaub / Volkstheater

Andreas Beck © Marcel Urlaub / Volkstheater

Nicht alles ist aber reine Allotria. So kommt in einem Interview Erzherzogin Sophie zu Wort, besser gesagt, sie muss es sich gegen die Sprecherin des Senders 88.6 erkämpfen. Schließlich gelingt es ihr doch, ein feuriges Plädoyer für die von der Dynastie auferlegten Pflichten und gegen Egoismus aller Zeiten in das Auditorium zu schmettern. Nachdenklichkeit birgt auch das Gespräch mit einem Mitarbeiter der Roten Nasen Clowndoktors, der von berührenden Begegnungen mit Demenzkranken in Altersheimen erzählt. Die eigentliche Sensation dieser Produktion sind aber die Lieder. Elisabeth fühlte sich als Poetin, der kein Geringerer als Heinrich Heine die Verse diktiert hätte. Ihr dichterisches Schaffen war laut ihrer Verfügung erst 60 Jahre nach 1890 der Öffentlichkeit zugänglich geworden. In Arrangements der Musiker Simon Frick (Violine), Jens-Karsten Stoll (Keyboard) und dem verkappten Komiker und virtuosen Klarinettisten Christopher Haritzer sind aus den Gedichten Sisis erstaunlich reife Chansons geworden, die für sich allein schon ein Grund sind, wieder einmal, und dieses Mal ausnahmsweise zum Lachen, ins Volkstheater zu gehen.

DREI SCHWESTERN The end ist never the end is never...

DREI SCHWESTERN Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

DREI SCHWESTERN Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Ein Guckkasten im Guckkasten und drin ist (fast) nichts

Auf dem Programmzettel steht das Drama „Drei Schwestern“ „nach“ Anton Tschechow. Dazwischen finden sich jedoch das Wörtchen „von“ und der Name Susanne Kennedy. Diese junge Frau wird bereits geraume Zeit als Wunderwuzzi des deutschen Theaters gehandelt, mit Preisen überschüttet und von der Fama, dass ihre Produktionen exorbitant anders seien als alles bisher Dagewesene, geheimnisvoll begleitet. Für Kay Voges, der im Augenblick mit aller Energie bemüht ist, das großartig renovierte Volkstheater leer zu spielen, war Punkt drei unbedingter Auftrag, diese Theatermacherin samt Kollaborateuren zu engagieren. Den Direktor verbindet mit Kennedy die Liebe zum Wiederholen, zum endlosen Repetieren von ein paar Textbrocken, bis auch der Verstockteste unter den Zuschauern das Stück auswendig hersagen kann. So läutet mehrfach in einer Ecke des in die Bühne eingebauten Guckkastens ein altmodisches Festnetztelefon. Es wird immer wieder abgehoben und aus dem Hörer tönt regelmäßig eine seltsame Stimme mit der Botschaft: „In zwei-, dreihundert Jahren wird das Leben auf der Erde unvorstellbar schön sein ... wundervoll.“ Dieser Satz ist ebenso blödsinnig wie die anderen Unweisheiten, wenngleich Philosophen wie Friedrich Nietzsche dafür bemüht werden. Wenn derlei, wie mehrfach in dieser Inszenierung, auf Englisch oder beinahe unverständlich geraunt wird, dann könnte zumindest der Eindruck verbleiben, es steckt ja doch was dahinter.

DREI SCHWESTERN Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

DREI SCHWESTERN Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

DREI SCHWESTERN Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

DREI SCHWESTERN Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Mag sein, dass ein paar Zitate von Tschechow stammen, wie der für dieses Theater leider allzu wahre Satz: „Wir sind genau da, wo wir immer sein werden.“ Im Übrigen wurde das Originaldrama aber völlig entkernt und teils auf platte Gespräche reduziert, die an satirische Filmchen von Loriot erinnern, in denen leere Phrasen Kult sind. Wäre Tschechow noch am Leben, er würde Susanne Kennedy wahrscheinlich wegen Missbrauchs von Namen und Titel klagen.

 

Die Besetzung bei der Premiere bestand aus Marie Groothof, Eva Löbau, Benjamin Radjaipour, Uwe Rohbeck, Martina Spitzer, Anna Maria Sturm, Claudio Gatzke, Susanne Luxbacher und Birgit Stimmer. Einzelne Rollen sind nicht zugewiesen. Die Darsteller sind vielmehr unkenntlich gemacht, sowohl vom Äußeren als auch mit ihren Stimmen. Wenn sie sprechen, dann monoton und ohne Zusammenhang. Das ständige Aus und An des Lichtes, begleitet von wuchtigem Bassgedröhne (Ton: Sebastian Hartl) nervt, hält aber die Hoffung auf einen verständlichen Beginn des Stückes bis zum Ende aufrecht. Ein Highlight sind die Videos von Rodrik Biersteker. Man rauscht schwerelos über Fußböden, fliegt durch ferne Weiten des Weltalls, steht an einem Gewässer, von dem man erfährt: „Was für ein breiter, was für ein prächtiger Fluss! Ein herrlicher Fluss!“ (Originalzitat Tschechow) oder sieht die Darsteller als Haufen von riesigen Pixeln durch eine nicht vorhandene Welt wabbern. Aber man geht ja nicht ins Theater, um Videos zu schauen, sondern um ein von Schauspielern verwirklichtes Stück zu sehen, abseits des Selbstverwirklichungstrips einer von sich „über“zeugten Regisseurin und Autorin.

Uwe Schmieder © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Uwe Schmieder © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

ERNIEDRIGTE UND BELEIDIGTE Dostojewski schräg interpretiert

Friederike Tiefenbacher © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Friederike Tiefenbacher © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Wie man einen großen Roman erfolgreich verwirrt über die Bühne zappelt

Im Russland Mitte des 19. Jahrhunderts müssen Epilepsie, motorische Hyperaktivität und pathologisch hervorgerufenes Brüllen epidemisch grassiert haben. Zumindest bleibt dieser Eindruck nach Betrachtung von Sascha Hawemanns Inszenierung von Jens Roselts Bühnenbearbeitung des Romans „Erniedrigte und Beleidigte“ zurück. Fjodor M. Dostojewski hat sich darin den Frust von acht Jahren Verbannung in Sibirien von der Seele geschrieben. Zwei junge Leute, die sich lieben, können nicht zusammenkommen, weil deren Väter Feinde sind und außerdem der eine, der reiche Fürst, gewinnbringendere Pläne mit seinem Söhnchen hat und alle miteinander ins Unglück treibt. Dazu kommt ein (angebliches) Waisenkind, das in Wirklichkeit den Lenden des Fürsten entsprossen ist. Es lebt von Kinderprostitution und stirbt schließlich an einem Nervenleiden. Wo sich bei soviel Tragik normalerweise die Weite der russischen Seele ausbreitet, lässt Regisseur Hawemann Hektik pur ausbrechen. Die bruchstückhaft übermittelte Handlung lässt sich nur durch extreme Aufmerksamkeit aus Wortbrocken der zappelnden und nervös laufenden Darsteller entnehmen. Sie fallen um, zittern am Boden weiter oder verkriechen sich dazu in einer mobilen Badewanne.

Lavinia Nowak, Samouil Stoyanov, Andreas Beck © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Lavinia Nowak, Samouil Stoyanov, Andreas Beck © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Um die Verwirrung perfekt zu machen, verkörpern die drei Schauspieler Frank Genser, Uwe Schmieder und Samouil Stoyanov den erfolglosen Schriftsteller Iwan Petrowitsch, kurz Wanja, um später andere Rollen wie den verarmten Gutsbesitzer oder den in Damenbeziehungen leichtfüßigen Draufgänger Aljoscha zu geben. Ein Fixpunkt in dem Ganzen ist Andreas Beck, der neben einem leicht zu identifizierenden Großvater zu einem in seiner Bösartigkeit ruhenden Fürst Pjotr Alexandrowitsch Walkowski wird. Diese Klarheit macht den Ungustl aus dem Roman hier sogar sympathisch. Bei Genser (auch als Aljoscha) und Schmieder (im Zweitberuf verarmter Gutsbesitzer) kennt man sich nicht immer aus, wer gerade wer ist.

Lavinia Nowak © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Lavinia Nowak © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Friederike Tiefenbacher, Andreas Beck, Evi Kehrstephan © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Friederike Tiefenbacher, Andreas Beck, Evi Kehrstephan © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Die beiden Frauen, also die nicht geheiratete mittelose Natascha und die mit großer Mitgift ausgestattete Katja sind Friederike Tiefenbacher und Evi Kehrstephan. Als attraktive Russinnen haben beide Einsehen mit den Gelüsten des jungen Fürsten, der am liebsten beide heiraten würde. Das vom Leben und der sadistischen Kleinbürgerin Bubnowa (Tiefenbacher in einem auffälligen Kostüm dick gemacht) malträtierte Mädchen Nelly bringt mit Lavinia Nowak einige Momente berührender Emotionen ins Spiel. Aber auch das wird ihr schwer gemacht, denn die Bühne (Wolf Gutjahr) ist mit einer nicht immer nachvollziehbaren Ausstattung wie Krankenbett oder bewohnbarem Kreuz und viel Dreck alles andere als eine Einladung zum Hinschauen, trotz der einfühlsamen Live-Musik von XELL.. Die Bedeutung der beiden mit Licht gezeichneten kyrillischen Buchstaben Я (ja) und Ж (ž) bleibt ein Geheimnis. Sie erschließt sich auch nicht, wenn Samouil Stoyanov in guter alter Volkstheatertradition im Schlussmonolog dem nach zwei Stunden und 40 Minuten ungeduldig gewordenen Publikum von der Verbesserung der Welt predigt.

Andreas Beck © Marcel Urlaub / Volkstheater

Andreas Beck © Marcel Urlaub / Volkstheater

DIE POLITIKER Eine lyrische (nicht poetische) Zumutung

Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Ein seltsamer Versuch, abstraktes Theater zu machen

Eigentlich müsste das vom Deutschen Wolfram Lotz gedichtete Stück „Die Politika“ heißen. Zum guten Teil stehen Landsleute von ihm auf der Bühne. Sie variieren den Endlaut dieses Wortes beliebig, bevorzugen aber bei den gefühlten 10.000 Mal, in denen es gesagt wird, zumeist ein deutliches A am Schluss. Im Übrigen muss man vor diesem Ensemble aber den Hut ziehen. Abgesehen, dass es kaum einen zusammenhängenden Text gibt und die Merkarbeit bei sinnentleerten Wortkaskaden gewaltig ist, verstehen sie es, den größten Schwachsinn so überzeugend über die Rampe zu bringen, dass man sich bereits freut, diese Mimen in einem normalen Stück mit Handlung etc. bei der Arbeit zu erleben. Die Namen der Tapferen: Andreas Beck, Rebekka Biener, Bettina Lieder, Lavinia Nowak, Nick Romeo Reimann, Gitte Reppin, Uwe Schmieder, Christoph Schüchner, Samouil Stoyanov, Stefan Suske, Friederike Tiefenbacher, Anke Zillich. Regisseur und Hausherr Kay Voges macht es ihnen allerdings nicht leicht. Er ist ein Freund enervierender Wiederholungen, greller Lichteffekte und vor allem überlauter Töne. Gehörschutz ist angesagt, sonst helfen nur die Zeigefinger, mit denen man die Ohren verstopft, wenn es auf Tastendruck von Dana Schechter und Paul Wallfisch aus den Boxen brüllt und donnert, dass das Trommelfell schmerzhaft aufjault.

Gitte Reppin © Marcel Urlaub / Volkstheater

Gitte Reppin © Marcel Urlaub / Volkstheater

Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Gibt es Inhalt? Gute Frage! Man wartet geduldig eine Weile, dass es irgendwann sinnvoll losgeht. Umsonst. Man lässt offenbar abstraktes Theater über sich ergehen. So viel kann man sich allerdings herausnehmen: Wie es der Titel will, wird über die Kaste der Politik treibenden Menschen hergezogen, zeitweise ganz in undifferenzierter Stammtischmanier, dann wieder mit raffiniert verklausulierter Wortsymbolik, die Lyrik vortäuschen will. Zwei Beispiele: „Politika gehen die verschneiten Abhänge hinab“??? Wäre genug zum Nachdenken. Aber es wird immer und immer wieder gesagt, bis es einem zum Hals heraushängt. Oder: „Sind es die Politika oder die Fensterläden, die klappern?“ Aha! Eh klar! Grübeln ist auch angesagt, wenn einer der Herren aufzählt, wer aller wen oder was in den Arsch fickt. Die Liste ist lang und erstreckt sich von Ministerpopos bis zum unschuldigen Haarföhn. Ähnlich ergeht es dem Zuhörer, wenn ihm in wunderbar pathetischer Manier alle nur erdenklichen Gemüsesorten aufgezählt werden. Da diese Passage jedoch eher gegen Ende kommt, haben sie schon etliche aus dem ohnehin spärlich anwesenden Publikum nicht mehr mitbekommen. Sie hatten bereits still und leise ihre Sitze verlassen. Das Fazit des Abends: Die Leerung des Volkstheaters schreitet erfolgreich voran.

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