Kultur und Wein

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DER WÜRGEENGEL, Ensemble © Marcel Urlaub

DER WÜRGEENGEL frei nach dem gleichnamigen Film von Luis Buñuel / Regie Sebastian Baumgarten Ensemble © Marcel Urlaub

DER WÜRGEENGEL als Versuch einer surrealen Inszenierung

DER WÜRGEENGEL, Ensemble © Marcel Urlaub

DER WÜRGEENGEL, Ensemble © Marcel Urlaub

Luis Buñuel und die seltsame Gelassenheit in nicht erklärbaren Zwängen

Man könnte schwindelig werden. Unablässig dreht sich die Bühne, die Räume darauf sind mit irritierenden Tapetenmustern bedeckt und über der Szene verwirren riesige Spiegel das Auge (Gestaltung: Tobias Rehberger). Vom Licht her findet eine Farbenschlacht statt, die den stiefmütterlich behandelten Inhalt des Stückes an sich reißt und ihn in der jungen Tradition des Volkstheaters, nennen wir ihn den VoT-Repeat, in einem Stakkato von enervierend wiederholten Sätzen erschöpfen lässt. Schließlich geht es um die Dramatisierung eines Films von Luis Buñuel (*1900, +1983), der mit André Breton oder Salvador Dalí im französischen Surrealismus gearbeitet hat. Die Handlung des ursprünglichen Steifens mit dem Titel „El Ángel Exterminador“ wurde für „Der Würgeengel“ auf die geheimnisvoll in einem Haus gefangene Gesellschaft und deren hilfloses Treiben eingekürzt. Zum Ausgleich gibt es dazu Auszüge aus Buñuels HAMLET, einer zehn Maschine getippten Seiten kurzen „Tragedia cómica“.

DER WÜRGEENGEL, Ensemble © Marcel Urlaub

DER WÜRGEENGEL, Ensemble © Marcel Urlaub

Frank Genser, Claudio Gatzke, Lavinia Nowak, Elias Eilinghoff © Marcel Urlaub

Frank Genser, Claudio Gatzke, Lavinia Nowak, Elias Eilinghoff © Marcel Urlaub

Sebastian Baumgarten zeichnet als Regisseur dieses Versuchs einer surrealen Inszenierung verantwortlich. Ihm zu Seite steht ein wahrlich engagiertes Ensemble, das trotz aller Sinnentleertheit nie den Faden verliert. Man darf Andreas Beck, Elias Eilinghoff, Claudio Gatzke, Frank Genser, Evi Kehrstephan, Lavinia Nowak, Nick Romeo Reimann, Julia Franz Richter, Uwe Rohbeck und Friederike Tiefenbacher vor den Vorhang bitten. Dort wirken sie als Gespenst des Vaters, Leticia oder Hamlet nahezu absurd komisch, um bei ihrer Rückkehr auf die Bühne in angedeuteten Dialogen als Arzt, Hauptmann oder die einzige verbliebene Dienstkraft mit Hunger, Durst und einem unterdrückten Sexualtrieb angesichts des Hinterns von Yoko Ono zu hadern. Es ist also, nach einigen Ausrutschern in zugängliche Inszenierungen, wieder gelungen, eine der vielen preisverdächtigen Produktionen dieses Theaters vorbei an einem hartnäckig unverständigen Publikum zu schaffen.

Andreas Beck, Claudio Gatzke © Franzi Kreis / Volkstheater

Andreas Beck, Claudio Gatzke © Franzi Kreis / Volkstheater

FAUST Der eindrucksvoll inszenierte Augenblick

Lavinia Nowak © Marcel Urlaub / Volkstheater

Lavinia Nowak © Marcel Urlaub / Volkstheater

Schonet mir Prospekte nicht und nicht Maschinen und nicht die Fotokamera

Marcel Urlaub ist Fotograf. Seine Aufgabe ist es, Augenblicke festzuhalten. Es beginnt mit einigen Schnappschüssen in das Publikum, das sich auf der Projektionsfläche erfreut wiedersieht. Das eigentliche Interesse des Mannes hinter der auf 12800 ISO hochgestellten Kamera gilt jedoch dem Ensemble, das für die Umsetzung des Klassikers aller Theaterklassiker zuständig ist. Immerhin geht es um das Festhalten des ganz speziellen Augenblicks, der, weil er so schön ist, verweilen soll. Die Idee dazu stammt von Kay Voges, dem Direktor des Volkstheaters, der sich die Regie für die Tragödie Faust vorbehalten hat. Voges hält sich, abgesehen von einigen Einsparungen wie der Marthe Schwerdtlein, an den von Johann Wolfgang von Goethe vorgegebenen Ablauf der Szenen, inklusive Zueignung, Vorspiel auf dem Theater und Prolog im Himmel. Schon dabei schafft er es, das (zugegebenermaßen skeptische) Publikum zu elektrisieren. Licht und Ton, Gesang und Art der Deklamation großteils originaler Texte lassen einen außergewöhnlichen Theaterabend erwarten. Der Theaterdirektor beherzigt mit ökonomischem Einsatz wirkungsvoller Effekte die Forderung seines vom Dichter erschaffenen Kollegen (Uwe Schmieder): Schonet mir an diesem Tag Prospekte nicht und nicht Maschinen. Gebraucht das groß´ und kleine Himmelslicht, die Sterne dürfet ihr verschwenden.“ Als optischer Kommentar unterstreicht die live eingespielte „Diashow“ konsequent das Gesagte.

Gitte Reppin, Ensemble © Franzi Kreis / Volkstheater

Gitte Reppin, Ensemble © Franzi Kreis / Volkstheater

Ensemble © Franzi Kreis / Volkstheater

Ensemble © Franzi Kreis / Volkstheater

Andreas Beck tritt schließlich als der mit seinen Studien unzufriedene Dr. Faustus auf, immer begleitet von Frank Genser als sein jüngeres Alter Ego auf der Projektion. Der Monolog kommt so natürlich, als hätte Goethe diesen nicht in Knittelversen, sondern in Prosa verfasst, eine Eigenschaft, die auch die meisten anderen Akteure auszeichnet. Mit sicherer Stimme ist bereits in der Zuneigung die Sängerin Hasti Molavian aufgefallen, muss sich allerdings beim abendlichen Versuch, die Ballade „Der König von Thule“ zum Besten zu geben, von Schmieder als gehässigen Theaterdirektor eine unliebsame Gesangsstunde gefallen lassen. Lavinia Nowak als Ersatzgretchen hat weniger Hemmungen, die von Mephistopheles hinterlegte massive Goldkette an sich zu reißen und ihrerseits mit dem nun verjüngten Faust (Claudio Gatzke) zu flirten.

Schließlich wird der junge Mann von ihr, Gitte Reppin und Friederike Tiefenbacher in dem mittig sich drehenden Häuschen per Gruppensex verwöhnt (auf Fotos). Auf eventuell weniger aufgeschlossene Zuschauer wird dabei mit erotischen, besser gesagt, pornographischen Einblicken wenig Rücksicht genommen. Der Geist, der stets verneint, ist, je nach Bedarf, sowohl männlich (Uwe Robeck) als auch weiblich (Lavinia Nowak). Songs wie „Satan´s River“ (Dolly Parton & Porter Wagoner), „Demon I´m bored“ von Paul Wallfisch in der Walpurgisnacht oder „People Take Pictures of Each Other“ (The Kinks) lockern den heiligen Ernst dieser Suche nach dem inneren Zusammenhalt der Welt ebenso auf wie etliche Gags, die aber alles andere als respektlos zum Schmunzeln reizen. Nur der Schluss beginnt sich etwas zu ziehen. Teile aus Faust, der Tragödie zweiter Teil, lassen schließlich nach langer Debatte einen erblindeten Faust (Uwe Schmieder) den erlösenden Ausspruch tun und, ungemütlich aufgehängt an einem Kran, wortreich gen Himmel entschweben.

Claudio Gatzke © Franzi Kreis / Volkstheater

Claudio Gatzke © Franzi Kreis / Volkstheater

KAROLINE UND KASIMIR - NOLI ME TANGERE  © Marcel Urlaub / Volkstheater

KAROLINE UND KASIMIR - NOLI ME TANGERE © Marcel Urlaub / Volkstheater

KASIMIR UND KAROLINE Horváths Tod für Unterhaltungsfreaks

Bence Mezei, Jürgen Weisert © Marcel Urlaub / Volkstheater

Bence Mezei, Jürgen Weisert © Marcel Urlaub / Volkstheater

Nature Theater of Oklahoma arbeitet sich originell an einer österreichischen Ikone ab

Es wäre nicht das Volkstheater unter Kay Voges, wäre im Stück drin, was der Titel verspricht. So sollte man bei Kasimir und Karoline allein vom Zusatz „Noli me tangere“ (ich will nicht, dass du mich festhältst) gewarnt sein. Was dieser – übrigens aus dem Griechischen meistens mit „Rühre mich nicht an!“ falsch übersetzte Spruch des Johannesevangeliums – mit Ödön von Horváth und der Produktion des Nature Theater of Oklahoma zu tun hat, erschließt sich auch nach knapp drei Stunden nicht einmal im Ansatz. Dafür gibt es die ganze Zeit aber ordentlich Hetz und Gaudi, Mummenschanz (Nikolaus Habjan) und mitreißendes Dancing, das von unmotivierten Drehungen angefangen bis zu einem schweißtreibenden Corps de Ballet des Ensembles für Kurzweil und Szenenapplaus sorgt. Hinter dem angekündigten Theaterstück verbirgt sich eine eigenwillige Aufarbeitung des letzten Tages im Leben von Ödön von Horváth. Kelly Copper und Pavol Liška haben dazu penibel recherchiert, angefangen von einem Besuch bei Horváths Grab, über das Archiv der Nationalbibliothek bis zum Theaterfundus und sämtlichen Werkstätten. Man darf beispielsweise darauf vertrauen, dass der letzte Film, den sich der Dichter in einem Pariser Kino reingezogen hat, Walt Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ war; für die beiden Theatermacher eine wahre Fundgrube für Gags, die auch kräftig geplündert wird.

Samouil Stoyanov, Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Samouil Stoyanov, Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

KAROLINE UND KASIMIR - NOLI ME TANGERE Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

KAROLINE UND KASIMIR Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Am Anfang steht jedoch das Wort. Und das Wort war nicht bei Gott. Sondern in Englisch. Elias Eilinghoff hält mit Bence Mezei eine ausgiebige Doppelconférence, um das Publikum auf kommende Überraschungen einzustimmen. In einer Kurzversion, bei der auch Souffleur Jürgen M. Weisert mit kräftiger Stimme mitmacht, wird das Drama Kasimir und Karoline abgehandelt, um nach einem Schnitt zu dessen Autor zu blenden, der an der Arbeit von „Adieu, Europa!“ verzweifelt. Samouil Stoyanov, mit violettem Schal als Horváth kenntlich gemacht, leidet an der Schreibhemmung und schreit seinen Jammer in tiefsinnigen Formulierungen in die Welt hinaus.

Laut Informationen zu Nature Theater of Oklahoma wird ihm und den anderen der Text dabei ins Ohr gesagt; auch einem seiner Nachfolger in dieser Rolle, dem eleganten Frank Genser, der schließlich im Gewitter mit großem Theaterdonner von einem Ast erschlagen wird. Virtuos beherrschen diese Technik auch die beiden Damen Lavinia Nowak und Julia Franz Richter, die in diversen Verkleidungen von Karoline bis zur bösen Hexe und Aufgaben wie das Spiel der singenden Säge reüssieren. Julia Franz Richter darf zuletzt sogar eine dicht an Thomas Bernhard angelehnte Wien-Beschimpfung vom Stapel lassen, inspiriert von Ottakringer Dosenbier. Wenn es dem Misanthropen aus Oberösterreich in „Heldenplatz“ noch gelungen ist, damit einen Skandal auszulösen, so findet ihre harsche Abrechnung mit allerhand heimischen Unsitten gnädige Aufnahme und nickende Zustimmung im Auditorium. Zu diesem Zeitpunkt sind die Zuschauer längst glücklich sediert. Es gibt wieder Unterhaltung, originell und vom Feinsten, im Volkstheater!

KAROLINE UND KASIMIR Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

KAROLINE UND KASIMIR Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Anna Rieser, Christoph Schüchner © Marcel Urlaub / Volkstheater

Anna Rieser, Christoph Schüchner © Marcel Urlaub / Volkstheater

ACH, SISI darfst dich endlich einmal köstlich unterhalten

Andreas Beck, Anna Rieser, Anke Zillich, Christoph Schüchner © Marcel Urlaub / Volkstheater

Andreas Beck, Anna Rieser, Anke Zillich, Christoph Schüchner © Marcel Urlaub / Volkstheater

Eine österreichische Kultfigur wird in neunundneunzig Szenen humorig seziert

Müssen wir uns das gefallen lassen, was da vom Rockradio 88.6 über unser Nationalheiligtum verbreitet wird? Unser aller Kaiserin Elisabeth wird gnadenlos durch den Kakao gezogen. Die Dame mit der Wespentaille muss sich beleibte Männer als ihre Darsteller gefallen lassen, darf nur auf einem Steckenpferd reiten und wird ungeniert für TV-Reklamesendungen eingespannt. Die Antwort ist eindeutig: Ja! Der deutsche Allrounder für Bühnenunterhaltung Rainald Grebe hat sich dieser spannend diversen Person angenommen und gemeinsam mit dem Ensemble alles Wissen, das man längst aus unzähligen Dokumentationen und Zeitschriftenartikeln zu kennen glaubt, zu einem kurzweiligen Kabarettabend komprimiert. Damit man verlässlich weiß, wie weit der Ablauf der neunundneunzig Szenen gediehen ist, läuft rechts oben auf der Bühne ein digitales Zählwerk mit, das mit dem Summerton jeweils um eins weiter springt.

ACH, SISI - NEUNUNDNEUNZIG SZENEN von Rainald Grebe und Ensemble  © Marcel Urlaub / Volkstheater

ACH, SISI - NEUNUNDNEUNZIG SZENEN von Rainald Grebe und Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

ACH, SISI - NEUNUNDNEUNZIG SZENEN von Rainald Grebe und Ensemble  Ensemble © Marcel Urlaub / Volksth

ACH, SISI - NEUNUNDNEUNZIG SZENEN von Rainald Grebe und Ensemble Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Eingebettet ist die Show in das Programm des Rocksenders 88.6, dessen Moderatorin in einer der Logen sitzt und dem Geschehen auf der Bühne die entsprechenden Impulse gibt. Für eine vielgestaltige Sisi und mit ihr in Verbindung stehenden Zeitgenossen, angefangen von ihrem Gemahl Kaiser Franz Joseph, dem schottischen Reitlehrer Bay Middleton, dem Griechen Konstantin Anastasios Christomanos Manno als Homer-Vorleser bis zu ihrem Mörder Luigi Lucheni sind Andreas Beck, Tilla Kratochwil, Anna Rieser, Uwe Schmieder, Christoph Schüchner, Anke Zillich und Susanna Peterka am Werk. Balázs Várnai verkörpert unter anderem Ungarn, die große Liebe der Monarchin, und schafft es fast, dem Publikum ein paar Brocken dieser zungenbrecherischen Sprache beizubringen. Die selbe Besetzung, die in Windeseile vom Reifrock in allerhand andere Kleidung springen muss, ist ebenso gut für Zeitsprünge in die 1950er-Jahre zur Sissi-Trilogie, zu zwei philosophischen Herren aus Favoriten und für die Erinnerungen einer reifen Dame, die seinerzeit ihre Liebespartner nach dem Geschmack von Romy Schneider ausgesucht hat.

Andreas Beck © Marcel Urlaub / Volkstheater

Andreas Beck © Marcel Urlaub / Volkstheater

Nicht alles ist aber reine Allotria. So kommt in einem Interview Erzherzogin Sophie zu Wort, besser gesagt, sie muss es sich gegen die Sprecherin des Senders 88.6 erkämpfen. Schließlich gelingt es ihr doch, ein feuriges Plädoyer für die von der Dynastie auferlegten Pflichten und gegen Egoismus aller Zeiten in das Auditorium zu schmettern. Nachdenklichkeit birgt auch das Gespräch mit einem Mitarbeiter der Roten Nasen Clowndoktors, der von berührenden Begegnungen mit Demenzkranken in Altersheimen erzählt. Die eigentliche Sensation dieser Produktion sind aber die Lieder. Elisabeth fühlte sich als Poetin, der kein Geringerer als Heinrich Heine die Verse diktiert hätte. Ihr dichterisches Schaffen war laut ihrer Verfügung erst 60 Jahre nach 1890 der Öffentlichkeit zugänglich geworden. In Arrangements der Musiker Simon Frick (Violine), Jens-Karsten Stoll (Keyboard) und dem verkappten Komiker und virtuosen Klarinettisten Christopher Haritzer sind aus den Gedichten Sisis erstaunlich reife Chansons geworden, die für sich allein schon ein Grund sind, wieder einmal, und dieses Mal ausnahmsweise zum Lachen, ins Volkstheater zu gehen.

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