Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Geschichten aus dem Wiener Wald Ensemble © Rolf Bock

GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD und aus der schönen Wachau

Waltraut Haas, Anna Sophie Krenn, Marcus Strahl © Rolf Bock

Horváth ist nicht schuld, wenn aus dem süßen Mariandl eine dämonische Kindsmörderin wird

Alle zusammen sind gar nicht so böse Menschen, wie man vermuten möchte, wenn man sich den Inhalt von Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ zu Gemüte führt. Zu den diversen Missetaten werden sie eher durch ihre Schwächen getrieben. Der junge Jusstudent Erich hat die nationalsozialistische Ideologie offenbar schon mit der Muttermilch eingesogen und merkt nicht, was für eine lächerliche Figur er im Grunde ist. Valerie, die resche Trafikantin, kann einfach nicht widerstehen, wenn ihr ein Mann Avancen macht, und seien diese in ihrer Falschheit noch so durchschaubar. Auch ein Fleischhauer wie Oskar bleibt eben ein Fleischhauer. Wie soll ein Mensch, der das Schlachten eines Schweins von seiner augenblicklichen Laune abhängig macht, zu einer Frau zärtlich sein können? Die Liebe eines Vaters schlägt ebenso rasch in trotzigen Schmerz um, wenn seine Tochter nicht so spurt, wie sich ein Zauberkönig das vorstellt. Die junge Frau ihrerseits verschließt fest die Augen vor der offensichtlichen Dummheit, die ihr die Liebe zu diesem Luftikus ins Herz gepflanzt hat.

Anna Sophie Krenn, Martin Oberhauser © Rolf Bock

Marianne schlägt nicht nur deswegen verständlicherweise die Heirat mit dem Grobian Oskar aus. Es wäre so leicht, diesen Alfred als Haupttäter hinzustellen. Er ist arbeitsscheu, ein Schürzenjäger und auch in seinen übrigen Anlage ein ausgewachsener Nichtsnutz. Aber gerade die Summe dieses Unvermögens zwingt ihn zu seinen Handlungen, die das Mädchen schließlich in den Abgrund reißen. Die einzige, die eventuell für ihr Tun verantwortlich gemacht werden könnte, ist die Großmutter. Horváth hat mit dieser Figur einen ganz besonderen Geniestreich geliefert. Omas kennt man üblicherweise als warmherzige Wesen, die ihren Nachkommen nur das Beste zukommen lassen wollen. Diese Frau aber wurde in ihren 90 Lebensjahren zur verbiesterten Alten, die keine Hemmungen hat, den ledigen Bankert ihres Enkels zu beseitigen.

Christian Futterkrnecht, Marcus Stahl © Rolf Bock

Bei den Wachau Festspielen in Weißenkirchen unter der Intendanz von Marcus Strahl wurde diesem Schockmoment noch eins draufgesetzt. Die Großmutter spielt niemand Geringerer als seine Mutter. Bekannt wurde Waltraut Haas als das liebreizende Mariandl aus der Wachau, an eben diesem Ort, an dem sie nun zur Kindsmörderin wird. Haas selbst hatte Hemmungen, diese Rolle zu übernehmen. Man könnte es ihr übel nehmen, sind ihre Bedenken. Keine Spur! Eine große Schauspielerin wie sie begeistert das Publikum, ganz egal ob sie in eleganter Robe als feine Dame auftritt oder als graue alte Vettel, deren Mimik aus einem verschlagenen Grinsen besteht, das die tragischen Geschehnisse in der Familie besser kommentiert als jedes gesprochene Wort. Einer der ganz wenigen Menschen, denen sie eine Spur von Zuneigung entgegenbringt, ist Enkelsohn Alfred. Martin Oberhauser verleiht diesem Tagedieb eine ganze Menge an Sympathie, wenn er Zigaretten schnorrend bei Valerie (Nici Neiss als absolut attraktive Trafikantin) wieder unter deren Decke und Geldversorgung schlüpfen will.

Er schafft es sogar, dass er, nachdem er Marianne nolens volens ein Kind anhängt hat und als Vertreter sein Auskommen suchen muss, eine Spur von Mitleid zu schinden. Gegen den Charme eines derart unbeholfenen Windbeutels hat Oskar natürlich keine Chance, auch wenn er von Marcus Strahl selbst mit durchschimmernder Warmherzigkeit gespielt wird und damit gar kein so übler Heiratskandidat wäre. Aber was sollte eine zierliche Marianne mit einem so ungehobelten Burschen anfangen, der ihr droht, dass sie seiner Liebe nicht entgehen wird.

Anna Sophie Krenn legt sich derart ins Zeug, dass echte Tränen fließen, als sie erfährt, dass ihr Kind verstorben ist. Sie bleibt bis zum Schluss das unschuldige Mädchen, das man von Herzen bedauert und man kann es schwer nachvollziehen, wie sie ihr Vater (Christan Futterknecht) so grausam verstoßen kann.

 

Regie führt Martin Gesslbauer. Er schafft es mit Projektionen von Andreas Ivancsics die zahlreichen Schauplätze in den Teisenhoferhof zu zaubern und damit von einem Moment auf den anderen die entsprechende Stimmung zu erzeugen. Mit dem von ihm geschaffenen Bühnenbild, das mit ein paar Stühlen und Tischen auskommt, lässt er auch trotz üppiger Besetzungsliste genügend Platz für die Entfaltung der einzelnen Schauspieler, zu denen schließlich auch er selbst gehört, als zackiger Erich, der sich so gar nichts mit der Ruhe eines österreichischen Rittmeisters anfangen kann, aber aufgrund des Größenunterschieds zum langen Gerhard Karzel vernünftigerweise von einer Satisfaktion Abstand nimmt.

Martin Gesslabuer, Nici Neiss © Rolf Bock
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