Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der Schüler Gerber, Marcus Strahl, Schüler © Rolf Bock

Der Schüler Gerber, Marcus Strahl, Schüler © Rolf Bock

DER SCHÜLER GERBER Dramatische Abrechung mit „Gott Kupfer“

Die Schüler in der Schüler Gerber © Rolf Bock

Die Schüler in der Schüler Gerber © Rolf Bock

Felix Mitterer hat Friedrich Torbergs Roman für die Bühne „übersetzt“

Die Tafel in der Klasse ist mit Formeln, geometrischen Figuren und einer π mit vielen Stellen hinter dem Komma voll beschrieben. Wer zu Schulzeiten nicht gerade ein Mathe-Fan gewesen ist, dem läuft angesichts der x, Klammern und < bzw. > Zeichen kaltes Grauen auf. Man versteht auf der Stelle, was den Oktavanern Angst macht, zumal der neue Klassenvorstand niemand anderer als der Schrecken im Lehrkörper des Gymnasiums ist. Professor Kupfer ist überheblich, gnadenlos und ungerecht. Friedrich Torberg war 22 Jahre alt, als er mit seinem ersten Roman 1930 den Durchbruch in Wien schaffte, in einer Stadt, in der es von großen Literaten nur so wimmelte. Man könnte „Der Schüler Gerber“ als persönliche Aufarbeitung des eigenen Traumas und zugleich Warnung an derart unbelehrbare Lehrer sehen, die seinen Helden in den Selbstmord treiben. Ein Schriftsteller wie Torberg hat jedoch wesentlich mehr zwischen die Zeilen geschrieben. Die Psyche der einzelnen Gestalten wurde penibel aufgearbeitet, philosophische Überlegungen gewälzt und die wachsenden Mängel in einer Gesellschaft Ende der 1920er-Jahre thematisiert.

Angelo Konzett, Marcus Strahl © Rolf Bock

Angelo Konzett, Marcus Strahl © Rolf Bock

Rudolf Pfister, Schüler © Rolf Bock

Rudolf Pfister, Schüler © Rolf Bock

Wer, wenn nicht Felix Mitterer, hätte es geschafft, ein derart gewaltiges Werk in ein abendfüllendes Theaterstück zu verwandeln? Mitterer konzentriert das Geschehen auf eine Handlung, die zum guten Teil aus den Repressalien seitens des Lehrers, familiären Problemen und einer Liebesgeschichte zum Mädchen Lisa Berwald besteht. Damit wird das Stück klar verständlich und die verhängnisvolle Panik des Schülers Gerber auch für ein Publikum, das sich noch nicht der Mühe dieser Lektüre unterzogen hat, nachvollziehbar.

 

Als zweite Produktion der Wachaufestspiele 2021 hat Intendant Marcus Strahl das Wagnis übernommen, seine Zuschauer in diese Welt doch sehr ernster Literatur einzuführen. Der Teisenhoferhof (und später Bühnen in Wien, NÖ, Steiermark, OÖ und im Burgenland) wird zum Klassenzimmer, das dank des Einfallsreichtums von Martin Gesslbauer von den Darstellern selbst mit ein paar Handgriffen in das Wohnzimmer der Familie Gerber und in einen Kinosaal verwandelt werden kann. Die drei Bänke werden bald zur Folterkammer, wenn sich Marcus Strahl als Prof. Kupfer vor dem Katheder bedrohlich aufbaut.

Julia Braunegger, Angelo Konzett © Rolf Bock

Julia Braunegger, Angelo Konzett © Rolf Bock

Leila Strahl, Martin GEsslbauer, Angelo Konzett © Rolf Bock

Leila Strahl, Martin Gesslbauer, Angelo Konzett © Rolf Bock

Ihm gegenüber sitzen der fröhliche Weinberg (Jonathan Metu), ein lebenslustiger Lewy (Martin Gesslbauer), der goscherte Benda (Michael Zallinger), ein aus kleinen Verhältnissen kommender Zasche (Georg Hasenzagl), das Mathe-Genie Pollak (Anke Zisak) und eben Kurt Gerber. Angelo Konzett ist überzeugend der unangepasste, aber ausgesprochen reife junge Mann, der sich mit dem übermächtigen Feind anlegt und am Ende doch gebrochen wird. Als höchst alterselastisch erweist sich Martin Gesslbauer, der auch den herzkranken Vater Albert Gerber gibt und mit Mutter Gerber (Leila Strahl) in Sorge um ihren Sohn fast zugrunde geht. Julia Braunegger verwirrt als hübsche Lisa Berwald die Gefühle von Gerber, ohne sich selbst jemals über Liebe oder Treue klar zu werden. Ein Professor, wie man ihn glücklicherweise auch selbst erleben durfte, ist Rudolf Pfister. Sein Asso, offiziell Mattusch und für Deutsch zuständig, hat Herzenswärme und Einsehen mit den Kapriolen der Jugend, kann aber dennoch nicht das böse Ende seines Lieblingsschülers Gerber verhindern. Diese Gestalt ist eine Verbeugung sowohl von Torberg als auch von Mitterer vor einem Menschen, der als seltener Gegenpol wider Machtmissbrauch und Zynismus im Schulbetrieb zu finden ist.

Oliver Hebeler, Leila Strahl © Rolf Bock

Oliver Hebeler, Leila Strahl © Rolf Bock

MEINE ROSAROTE HOCHZEIT Ein respektvoller Spaß um Homoehen

Oliver Hebeler, Leopold Dallinger © Rolf Bock

Oliver Hebeler, Leopold Dallinger © Rolf Bock

Französische Komödie im Teisenhoferhof ist wie Champagner im Reich von Steinfeder, Federspiel und Smaragd

Einem Weinfreund braucht man nicht näher zu erklären, was es in Weißenkirchen mit der Vinea Wachau auf sich hat. Deren Weißweine sind ob ihrer hervorragenden Qualität mittlerweile weltweit anerkannt. Smaragde vom Riesling und Grünen Veltliner aus steilen Terrassen dürfen sich durchaus mit großen Gewächsen aus Frankreich messen. Was hat aber nun dieser gedankliche Ausflug in die Weinwirtschaft mit einer Theaterkritik zu tun? Ganz einfach: Es sind die Wachaufestspiele, die wie prickelnder Champagner das Publikum nach Paris entführen. Es ist eine Liebesgeschichte, ja, tatsächlich eine Histoire d´amour, wie es sich für die Stadt an der Seine gehört. In der Komödie „Meine rosarote Hochzeit“ von Gérard Bitton und Michel Munz (übersetzt von Anita Lochner) geht es um eine Heirat zweier Männer, also um eine Angelegenheit, die mittlerweile kaum mehr Aufsehen erregt, nachdem sich die Grenzen zwischen den Geschlechtern radikal verwischt haben.

LeopolMartin Gesslbauer, Leopoild Dallinger, Oliver Hebeler © Rolf Bock

Martin Gesslbauer, Leopold Dallinger, Oliver Hebeler © Rolf Bock

Oliver Hebeler, Reinhard Hauser © Rolf Bock

Oliver Hebeler, Reinhard Hauser © Rolf Bock

Das Ganze hat aber nichts mit der für einen solchen Schritt üblicherweise verbundenen sexuellen Komponente zu tun. Es ist eine reine Zweckverbindung, um das stattliche Erbe der jüngst verstorbenen Tante Yvonne in der uralten adeligen Familie zu halten. Notwendig geworden war die Mogelei, da der jüngste Spross, Henri de Sacy, bekennender Junggeselle ist und keinerlei Ambitionen zeigt, sich mit einer Frau ehelich zu verbinden, was aber Grundbedingung für den Erhalt des Vermögens ist. Wo bleibt dabei die Liebe? Es wären keine französischen Autoren, hätten sie nicht eine Frau in die Handlung eingeführt, die derlei Widerstände charmant überwindet und, wenn wir schon bei Homos sind, bei der Gelegenheit für einen weiteren amourösen Überraschungseffekt gesorgt. Mit Tür-auf-Tür-zu wird daraus ein rasantes Verwirrspiel, das mit Gags und pointierten Formulierungen den Teisenhoferhof mit herzlichem Lachen erfüllt.

Leila Strahl, Oliver Hebeler © Rolf Bock

Leila Strahl, Oliver Hebeler © Rolf Bock

Die österreichische Erstaufführung unter der Regie von Prinzipal Marcus Strahl wurde somit zum Erfolg, nicht zuletzt deswegen, da nach langen Monaten Corona-bedingter Einsamkeit endlich gemeinsame Heiterkeit gefeiert werden konnte. Leopold Dallinger ist der von Bindungsängsten geplagte Henri de Sacy, Reinhard Hauser sein etwas verschrobener Vater, der als Geistlicher einer nicht näher definierten Kirche auch Familienvater sein darf. Henri hat zwei Freunde, die mit ihm durch dick und dünn zu gehen bereit sind. Der Rechtsanwalt Norbert (Martin Gesslbauer, auch Bühnenbauer des rosaroten Heims) verfällt angesichts der zu einer Million angewachsenen Summe in Tantes Testament auf die Idee mit der Homo-Hochzeit. Als Bräutigam oder besser als Braut bietet sich der Computerfreak Dominique, genannt Dodo (Oliver Hebeler, der in dieser Rolle seine Komik umwerfend ausspielt) an. Alles läuft reibungslos, auch das Zusammenleben der beiden Burschen, abgesehen von ein paar ganz normalen ehelichen Reibereien.

Oliver Hebeler, Leila Strahl © Rolf Bock

Oliver Hebeler, Leila Strahl © Rolf Bock

Meine rosarote Hochzeit, Ensemble und Leading Team © Rolf Bock

Meine rosarote Hochzeit, Ensemble und Leading Team © Rolf Bock

Der wenig erfolgreiche Schauspieler Dodo hat Bügeln und Kochen übernommen und Henri bringt das Haushaltsgeld. Unter Umständen muss ein staatlicher Prüfer von der Echtheit der Ehe überzeugt werden. Als es endlich eine klitzekleine Rolle für Dodo gibt, setzt die Hetz so richtig ein. Er soll als Schwein verkleidet auf einem Kindergeburtstag den Alleinunterhalter geben. Das Kostüm hat er noch von einem Seriendreh und probiert es an. Nachdem nur die drei jungen Männer einander kennen, wird zuerst der Vater an den Rand des Wahnsinns gebracht, dann das mit Henri auftauchende blonde Gift namens Sylvie listig getäuscht. Das kann nicht gut gehen! Einer Frau wie Leila Strahl bleiben derartige Umtriebe nicht verborgen. Schließlich ist sie es, die das wackelige Gebäude aus Tricks und Lügen sehenswert zum Einsturz bringt. Ob am Ende das Erbe gerettet ist, das müssen sich die Zuschauer im Schlussapplaus selber fertig denken.

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