Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Hermann Nitsch, Blutbild, 1963 © kunstdokumentationen

Hermann Nitsch, Blutbild, 1963 Blut, Kasel auf Jute © kunstdokumentationen

HERMANN NITSCH 1960 bis 1965

Zeit der Grundlagen des späteren Werks

Hermann Nitsch, Reliktmontage, 2007 © Simon Veres

Hermann Nitsch, Reliktmontage, 2007 © Simon Veres

Frühe, noch nie gezeigte Schütt- und Rinnbilder, Malaktionen und Reliktmontagen

Die „Blutorgel“ war der Startschuss für den Wiener Aktionismus, ist Direktor Klaus Albrecht Schröder überzeugt. 1962 hatten sich Adolf Frohner, Otto Muehl und Hermann Nitsch in Muehls Kelleratelier „einkerkern“ lassen. Nach drei Tagen präsentierten sie ein Manifest, als Gründungsurkunde einer Art der Kunstausübung, die sich nach anfänglich heftiger Ablehnung und harten Konflikten mit den Behörden als „Wiener Aktionismus“ die ihm zustehende Anerkennung erkämpft hat. Die künstlerischen Wege der drei Gründungsväter haben sich bald danach wieder getrennt, geblieben ist der Nimbus des Unerhörten, der wilden Performance und des Paradoxons, dass das Abstoßende gewaltige Anziehungskraft sowohl auf dessen Kritiker als auch auf begeisterte Anhänger ausübte.

Hermann Nitsch, 1969 bis 1965, Ausstellungsansicht © Wiener Aktionismus Museum

o.: Hermann Nitsch, 1969 bis 1965, Ausstellungsansicht © Wiener Aktionismus Museum

r.: Hermann Nitsch, Ludwig Hoffenreich, 3. Aktion, 1963 © kunstdokumentationen

Hermann Nitsch, Ludwig Hoffenreich, 3. Aktion, 1963 © kunstdokumentationen

Hermann Nitsch (1938-2022) hatte 1957 eine Stelle als Gebrauchsgrafiker am Technischen Museum Wien angenommen. Im dortigen Atelier entstanden kleinformatige Arbeiten auf Holzfaserplatten und älteren Bildträgern in Form von ersten Rinn- und Wachsbildern im Sinn des Informel. Zur weiteren Entwicklung erklärt Klaus Albrecht Schröder: „Um 1960 eröffnet sich Nitsch ein Weg zur Verwirklichung seines eigenen Anspruchs: Durch den Malprozess sollen physische und psychische Extremerfahrungen durchlebt, verdrängte Impulse freigelegt und überwunden werden, um so zu einer gesteigerten Daseinserfahrung zu gelangen. Nitsch beschüttet und bespritzt Leinwände und nennt die Arbeiten „Schüttbilder“. Er lässt Farbe vertikal über die Leinwand herab rinnen und bezeichnet seine Resultate als ‚Rinnbilder‘. Ende 1960 gibt es die erste Malaktion.

Farbe wird geschüttet, gespritzt und mit dem ganzen Körper auf die Bildfläche gebracht. Noch ist man an Vorbilder wie das Action Painting erinnert, das den Malvorgang zum eigentlichen Kunstgeschehen erhebt. Doch begleitend dabei waren bereits rituelle Handlungen wie die Kreuzigung eines geschlachteten Lammes als Symbol des Opfers, das viele Jahre später in das Zentrum seines Gesamtkunstwerks, dem „Orgien Mysterien Theater“ rückt. Das dritte Thema sind die Reliktmontagen, in denen Taschentücher, Pflaster und Menstruationsbinden auf grobes Leinen appliziert werden. Wieder ist der Kern der Aussage die Verletzlichkeit des Menschen, verbunden mit christlicher Symbolik, die schon damals in barocken Kaseln ihren Ausdruck fanden. So besehen sind die fünf Jahre, die hier beleuchtet werden, die Ouvertüre eines Lebenswerks, das Hermann Nitsch als einen der bedeutendsten Künstler Österreichs in die internationale Kunstgeschichte eingehen ließ.

Hermann Nitsch, Ohne Titel, 1963, Sammlung Jaegers © Foto: Manfred Thumberger

Hermann Nitsch, Ohne Titel, 1963, Sammlung Jaegers © Foto: Manfred Thumberger

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