Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Arbeiter-Olympiade, Hürdenlauf © ASKÖ WAT Wien

Naturfreunde & Arbeiterolympiade Rote Lust an Bewegung

Von Karl Renner entworfenes Abzeichen der Naturfreunde

Zwei Ausstellungen erinnern an die sportliche Aufbruchsstimmung der Sozialdemokratie

Die Häuser waren grau, die Wohnungen klein und düster, nicht mehr als Schlafstätten für viele Menschen, die sich in den tristen sozialen Verhältnissen des ausgehenden 19. Jahrhunderts einfach nichts Besseres leisten konnten. So stach eine Anzeige in der Arbeiterzeitung im März 1895 den Lesern sofort ins Auge: „Naturfreunde werden zur Gründung einer touristischen Gruppe eingeladen, ihre Adressen unter ,Natur 2080´ einzusenden an die Exped.“ Aufgegeben hatten sie der sozialdemokratische Pädagoge Georg Schmiedl und sein Wanderkollege Simon Katz. Karl Renner, damals noch Jura-Student, war einer der ersten, die darauf reagierten. Als drei Wochen später zur ersten Wanderung aufgebrochen wurde, mit dem Ziel, den Anninger im südlichen Wienerwald zu erklimmen, erschienen bereits 62 Teilnehmer. Männer wie Frauen waren gewillt, aus grauer Städte Mauern durch Wald und Feld zu ziehen. Das gleichnamige Lied hat damals zwar noch nicht existiert, es entstand erst ein paar Jahrzehnte später, sein Geist trieb aber die Menschen hinaus, getragen von der Gemeinschaft der „Naturfreunde“, die bis heute nur wenig von der Begeisterung seiner Mitglieder eingebüßt hat.

Plakat © Archiv der Naturfreunde

Ein Jahr nach der Gründung entwarf Karl Renner das Emblem des neuen Vereins, den berühmten Handschlag und einen wahrhaft griffigen Wahlspruch „Hand in Hand durch Berg und Land“. Die Gründungsväter sahen es durchaus als Ausdruck des politischen Kampfes, entgegen meckernder Stimmen, die in diesem „Steckenpferd“ eher ein Hemmnis sahen. Aber man hat nicht auf sie gehört. Einigen Geistes erstiegen die Sports-Genossen Gebirge, um von diesen ab 1905, trainiert in der ersten Skischule, auf zwei Bretteln wieder ins Tal zu rutschen. Das Wandern hat nicht zuletzt über die Verheerungen und Depression des Ersten Weltkriegs hinweggeholfen. 1925 durften die Naturfreunde auf 138.400 Mitglieder verweisen, die sich in erster Linie aus österreichischen und deutschen Wandervögeln rekrutierten. Aus dem Verein der Wiener Sozialdemokraten war eine internationale Bewegung geworden.

Bergsteigerseil von Fritz Moravec und Alpinausrüstung

Von den Anfängen dieses „Touristenvereins“ haben sich noch etliche Memorabilia erhalten, die nun bis 24. Jänner 2021 im Waschsalon anlässlich der 125 Jahre Naturfreunde gezeigt werden. Neben einer Alpinausrüstung, einem Mitgliedsausweis oder der Taschenuhr aus dem Besitz von Alois Rohrauer mit der Gravur „Naturfreunde“ sind es Fotos mit den verwegenen Gesichtern der Bergsteiger, die auch vor Expeditionen in den Kaukasus und sogar in den Himalaya nicht zurückscheuten.

Als von 19. bis 26. Juli 1931 in Wien die 2. Arbeiterolympiade ausgerichtet wurde, veranstalteten die Naturfreunde auf dem Nussberg mit allem nur erdenklichen Pomp eine „Weihestunde“, die damals bestimmt nicht nur Sportler, sondern auch weniger bewegungsfreudige Wiener an den Fuß des Kahlenbergs pilgern ließ. 45.000 Teilnehmer erlebten, so ein zeitgenössischer Bericht, oben die feierlichen Reden, während „hunderte mit roten Lampions und Blumen geschmückte Boote unserer Paddler unter dem Jubel der begeisterten Zuschauer die Donau abwärts“ glitten.

Dieser 2. Arbeiterolympiade (sic!) ist die zweite Ausstellung gewidmet (bis 28. November 2021). Es sollte nach dem Willen der Veranstalter (beauftragt mit der Durchführung war der ASKÖ) von vornherein auf alle Sensationen verzichtet werden (Julius Deutsch). Trotzdem ließ es sich die Arbeiter Zeitung nicht nehmen, die Erfolge heimischer Athleten zu bejubeln. Von „Neuen Menschen“ für eine „neue Welt“ war die Rede, gemeint waren nicht nur die 25.000 Sportler aus 27 Nationen, sondern alle Sozialdemokraten, die dadurch die ganze Größe dieser Bewegung erahnen sollten. Eingerichtet ist die Schau im Dachboden des Waschsalons. Eine gemütliche Sitzecke lädt ein, sich das ca. 10-minütige Video anzuschauen, das aus erhaltenen Filmen zusammengestellt wurde. Großer Raum wird darin der Errichtung des Praterstadions eingeräumt, das bis heute als sportliches Zentrum des Landes gilt. Zum Schmunzeln ist der kolossale Kopf des Kapitalisten, der auf dem Spielfeld thronte und unter aufbrandendem Beifall der Zuschauer zerstört wurde. Damals herrschte eben noch Einigkeit über den ideologischen Gegner, der im Roten Wien dieser Tage garantiert kein einfaches Dasein hatte.

Arbeiter-Olympiade, Gewichtheber © ASKÖ WAT Wien
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