Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Adi Hirschal, Peter Lodynski © Katharina Schiffl

DER EINGEBILDETE KRANKE Eine Commedia dell´Arte Viennese

Theresia Haiger, Adi Hirschal © Katharina Schiffl

Medikamente sind blau wie Curaçao. Ob sie auch so schmecken?

Das Wiener Lustspielhaus hat es zum 15. Mal geschafft, einen Klassiker erfolgreich ins Wienerische zu übersetzen. Das diesjährige Opfer ist Molière, den Max Gruber für Adi Hirschal umgedichtet hat, damit dieser und ein wohl ausgewähltes Ensemble ihr Komödiantentum an den Abend legen können. „Der eingebildete Kranke“ stammt aus dem Jahr 1673, bedurfte also sowohl in medizinischer als auch gesellschaftlicher Sicht eines Updates. Freilich gibt es noch den stinkreichen Hypochonder. der in Wien ein neurotischer Albert und nicht Argan ist, aus der Dienerin Toinette wurde die Haushälterin Toni, Angélique einfach zu Angie und die untreue Béline zu Belli verkürzt. Übersetzt hat man den Notar Monsieur de Bonnefoy frei zu Herrn Schönfahl und aus dem geldgierigen Arzt Purgon Prof. Medizinalrat usw. Dr. Vorhoff-Flimmer gemacht. Arztsohn Thomas ist geblieben und aus Cléante wurde das Death-Metal Band Mitglied Clemens. Neu in der Besetzung ist der Notfall-Assistent Help 2000, der einmal aktiviert einen mehr als zudringlichen elektronischen Krankenwärter abgibt.

Adi Hirschal, Sylvia Haider © Katharina Schiffl

Die Handlung hat insofern ein Reload erfahren, als es keiner Überredungskünste bedarf, dass sich Albert tot stellt. Er wird von der als Ärztin verkleideten Toni hypnotisiert und erfährt in der Trance, wie es um die Liebe seiner Nächsten zu ihm steht. Weggestrichen wurde auch die gagschwangere Szene, in der Argan selbst per gespieltem Aufnahmeritual zum Arzt gemacht wird. Aber dafür gibt es eine wundersüße Gesangsnummer, mit der nicht nur ihm, sondern auch dem Publikum, seine Tochter (Christine Scherrer begleitet sich auf der Ukulele) und sein wahrer Schwiegersohn (Nikolaus Firmkranz) Rührungstränen in die Augen treiben.

Christine Scherrer, Theresia Haiger © Katharina Schiffl

Der Auftrag dieser Komödie, über Krankheit und Tod lachen zu können, wird auch von Adi Hirschal sehr ernst genommen. Er grantelt, jammert, schimpft, kokettiert mit dem Herzinfarkt und ist im Grunde doch nichts als eine pumperlgsunde Nervensäge. Allzu gern möchte er in einer lustvollen Ekstase in den Armen seiner zweiten Frau Belli (Sylvia Haider) ableben. Diese jedoch, eher das Vermögen ihres siechenden Gatten als ihn selbst begehrend, schenkt ihre Erotik lieber Notar Schönfahl.

Der smarte glatzköpfige Jurist in Person von Alexander Braunshör könnte dieses spielend mit einigen Winkelzügen in ihr Eigentum transferieren, damit auch sie ein Ende „siecht“. Dabei darf sie sich voll und ganz auf Dr. Vorhoff-Flimmer verlassen. Wie gut, dass Peter Lodynski nicht Mediziner, sondern Schauspieler ist. Die Fachkenntnis im Ausnehmen von Patienten kommt so überzeugend über die Rampe, dass man sich einem echten Arzt gegenüber zu stehen vermeint. Bekanntlich ist der Erbschleicherei kein Erfolg beschert. Dafür sorgen in diesem Fall die aufrechte Toni und ihr Gerechtigkeitssinn. Einer Frau wie Theresia Haiger würde man ohne Zögern die Pflege eines Patienten anvertrauen. Resolut wie eine Krankenschwester geht sie zu Werke, wenn es gilt, den angeblich maroden Albert von seinem falschen Weibe fern zu halten, ihn an die frische Luft zu bringen und ihn letztlich von seiner Gesundheit zu überzeugen.

Regie führt Christine Wipplinger, die trotz einiger Textlängen aus diesem Stück eine kurzweilige Komödie geschaffen hat, indem sie die Schauspieler lustvoll agieren lässt. Eduard Neversal, der einst auch den genialen Theaterbau am Hof geschaffen hat, ist für die Bühne zuständig. Diese beherrschen unzählige Arzneifläschchen, alle mit einer geheimnisvollen Flüssigkeit gefüllt, blau wie Curaçao und wohl auch so wirksam wie dieser, wenn es um die Heilung nicht vorhandener Krankheiten geht.

Peter Lodynski, Nikolaus Firmkranz © Katharina Schiffl
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