Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Gebänderter Pinselkäfer, Foto: Thorben Danke

Gebänderter Pinselkäfer, Foto: Thorben Danke

IM GROSSEN GANZEN Musik von Menschen als Teil der Natur

Chuchchepati Orchestra, Foto: Thomas Grill

Chuchchepati Orchestra, Foto: Thomas Grill

Komponistinnen entdecken die Klänge der Donau, hören auf Insekten und vergraben ein Klavier im Garten.

Zeitgenössische Musik hat sich zur Aufgabe gemacht, den Menschen zu zeigen, dass sie nicht länger im Zentrum der Kreativität stehen. Es sind zumeist Künstlerinnen und Komponistinnen, die der Natur den ihr zustehenden Platz im Schöpfungsprozess von Klängen einräumen. Sie weisen mit den Mitteln der Musik darauf hin, was uns ohne unser Zutun, alleine durch aufmerksames Lauschen an Schönheit umgibt. So hat die Wienerin Pia Palme mit ihrem Team ein abendfüllendes Werk erstellt, das über Monate hinweg nicht zuletzt aus Rauschen, Zwitschern und Summen im Nationalpark der Donau-Auen entstanden ist. Die zu den dort aufgenommenen Geräuschen entstandene Partitur wird unter der Leitung von Irene Delgado-Jiménez mit dem ORF RSO u. a. mit der Künstlerin Lisa Horvath und der Sopranistin Juliet Fraser den zweitlängsten Fluss Europas in dem dafür adaptierten Großen Saal des Konzerthauses begleiten. In diesem Sinn lässt die neuseeländische Deep-Listening-Pionierin Annea Lockwood im Otto Wagner Areal einen Flügel durch Verrotten zum Teil des Gartens bei Pavillon 10 werden.

Tönefischen für Soundmap of the Danube, Foto: Ruth Anderson

Tönefischen für Soundmap of the Danube, Foto: Ruth Anderson

  Annea Lockwood / Piano Garden,  Foto: Chris Ware

Annea Lockwood / Piano Garden, Foto: Chris Ware

„Field Recordings“ aus dem Wald von Kirsten Reese bringen unter „Future Forest“ den Schwarzwald und den Lainzer Tiergarten ins Theater am Werk im Kabelwerk. Mit Katrin Hornek und Judith Unterpertinger geht es unter dem Motto „Modified Ground #3“ mit einem 120-stimmigen Chor über die städtische Deponie Rautenweg. Liza Lim aus Australien gilt ebenfalls als Pionierin des Genres, da sie als eine der ersten ökologisches Denken auf die Bühnen der zeitgenössischen Musik gebracht hat. Ihre Oper „Tree of Codes“ wird in der Neuen Oper Wien Cluster, feinste Melodik und schroffe Dissonanzen zu einer eigenen, wohl sehr spannenden Klangwelt verbinden.

Beinahe konventionell nehmen sich dagegen einige Programmpunkte aus, in denen beispielsweise die „Soundspacesculpture“ von Bernhard Leitner in der Secession zu erleben ist. Was wenige wissen dürften, Elfriede Jelinek ist ausgebildete Organistin. Sie stellte ihren seit 30 Jahren ungestimmten und ungespielten Steinway-Flügel der Pianistin Marianne Schroeder für eine Live-Improvisation zur Verfügung. Sie wird mit dem teilweise von der Autorin selbst gesprochenen Text für „AnTasten Schatten. Eurydike“ verbunden. Einer der Höhepunkte von Wien Modern dürfte aus der Zusammenarbeit der Freundinnen Jelinek und Olga Neuwirth entstanden sein, wenn das Black Page Orchestra mit Neuwirths Kompositionen Jelineks Texte, gesprochen von Josef Hader, Birgit Minichmayr oder Samouil Stoyanov, erstmals der Öffentlichkeit vorstellt.

Mit der Donau,  Foto: Lisa Horvath

Mit der Donau, Foto: Lisa Horvath

  Gagokbounce  Foto: Kwanhee Yoon

Gagokbounce Foto: Kwanhee Yoon

THE GREAT LEARNING Musik als Lernkurve macht neugierig

  akua naru & Ensemble Foto: Fabian Hammerl

akua naru & Ensemble Foto: Fabian Hammerl

Ein Programm, das eine sich wandelnde Gesellschaft der Stadt widerspiegelt

1988 wurde Wien Modern gegründet. 37 Jahre sind seither vergangen, um satte 37 Prozent ist auch die Bevölkerung von Wien gewachsen. Damit steht ein Festival, das mit seiner Musik am Puls der Zeit sein will, vor vielen Fragen. Eine davon lautet, wie erreiche ich welche Menschen in einer immer diverser werdenden Metropole? Eine andere will eine Antwort auf die Entwicklung des Kulturlebens, das mit dieser rasanten Dynamik mithalten sollte. Woraus besteht diese Kunstform der Gegenwart? So fand eine Lernkurve im Plakat von Wien Modern Aufnahme und der Titel „THE GREAT LEARNING“, das gleichzeitig eine handgeschriebene Partitur von Cornelius Cardews ist und deren Umsetzung als beeindruckendes Finale am 30. November 2025 das Wiener Konzerhaus mit allen seinen sieben Paragraphen füllen wird.

  The Great Learning  Foto: Sofija Palurovic

The Great Learning Foto: Sofija Palurovic

  Jopa Jotakin  Foto: Andrea Knabl

Jopa Jotakin Foto: Andrea Knabl

Gefeiert werden einen Monat lang die Neugier, das Lernen und die Vielfalt mit neuer Musik für die Stadt, wie es der künstlerische Leiter Bernhard Günther formuliert. Zwischen 30. Oktober und 30. November 2025 wird neben den bekannten Interpreten das Hauptaugenmerk auf Musiker und Musikerinnen gelegt, die sich Wien als Wahlheimat erkoren haben. So hat gemeinsam mit dem Wahlwiener Vimbayi Kaziboni der Komponist, KI-Pionier, Wissenschaftler, Posaunist und Ensembledirektor George Lewis das Programm für das Eröffnungskonzert entwickelt und wird dabei selbst das RSO dirigieren. Präsentiert werden dabei sogenannte „afrikadiasporische“ Kompositionen, u. a. von der Britin Hannah Kendall und dem US-Musiker Jessie Cox.

Neben den Konzerten wird das Musiktheater nicht zu kurz kommen. Groß ist die Freude, das MusikTheater an der Wien für die Wiener Erstaufführung von Unsuk Chins Oper „Alice in Wonderland“ gewonnen zu haben. Die „Blues-Oper“ „longing to tell“ von der Hip-Hop-Künstlerin und politischen Poetin akua naru, dem Schlagzeuger Tyshawn Sorey und dem Ensemble Resonanz bringt die Tradition schwarzen Storytellings in die Halle E des Museumsquartiers Wien (19. November 2025). Projekte, die Klang und Bild verschränken, werden mit der Videoserie „Children´s Games“ des belgisch-mexikanischen Künstlers Francis Alÿs (zwischen 30. Oktober und 6. November 2025 im MAK) oder von PHACE Ensemble mit der immersiven Arbeit „Insulae“ (5.11.) geboten. Mit einem Augenzwinkern lädt „Der Blöde dritte Mittwoch“ (21. Bis 27.11.) nicht zuletzt zu einem Blick über die Tellerränder künstlerischer Disziplinen, wenn Installationen im Wiener Konzerthaus, im Werk im Kabelwerk und im Reaktor die Neugier elegant über besagte Lernkurve lenken.

  Vimbayi Kaziboni  Foto: Astrid Ackermann

Vimbayi Kaziboni Foto: Astrid Ackermann

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