Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Selfstorage in einem Erdgeschoßlokal  Foto: Klaus Pichler/Wien Museum

WO DINGE WOHNEN Platz für den äußeren Teil unserer Habe

Selfstorage-Container an der südlichen Peripherie in Wien  Foto: Klaus Pichler/Wien Museum

Selfstorage für das, was man nicht braucht und doch nicht weggeben will

Freilich kann es auch die Skiausrüstung sein, die einmal im Jahr hervorgeholt und auf das Autodach geladen und nach dem Winterurlaub wieder für ein Jahr – in der Wohnung keinen Platz hat. Also muss sie irgendwo draußen deponiert werden, ähnlich den vielen, vielen Dingen, die das Wien Museum derzeit aus der kommenden Baustelle ausräumt, um es an anderem Ort sicher zu lagern. Deswegen nun auch die erste Ausstellung im Exil des MUSA mit dem geheimnisvollen Titel „Wo die Dinge wohnen“ und dem Thema „Das Phänomen Selfstorage“. Dieses betrifft einen großen Teil unserer Habe, der die seltsame Eigenschaft immanent ist, dass wir sie nicht mehr brauchen, aber uns dennoch nicht davon trennen können. Neben der knallvollen Bücherwand stapeln sich Stöße von bereits gelesenen Bänden, kaum getragenes, aber liebgewonnenes Gewand sprengt beinahe den Kleiderkasten oder ein alter Koffer steht penetrant im Wege, aber behauptet seines Inhalts wegen, tausende alte, vom Großvater gesammelte Postkarten, eine Art von Heimrecht in unseren vier Wänden.

Frau M. in ihrem Selfstorage-Abteil  Foto: Klaus Pichler/Wien Museum

Um sie zwar wegzugeben, aber nicht wegschmeißen zu müssen, hat man längst das Selfstorage erfunden. Laut Wien Museum in den 1960er-Jahren in den –USA, daher auch die englischsprachige Bezeichnung. Seit 2000 gibt es auch in Wien einen Boom zur „Selbsteinlagerung“, wie der etwas eckige deutsche Begriff für diese kostenintensive Auslagerung lautet. Aber nur diese Institution erlaubt es uns, Gegenstände aus unserem Sichtfeld zu entfernen, ohne uns von ihnen auf ewig trennen zu müssen.

Reisekoffer aus den 1920er Jahren, aufbewahrt in einem Storage-Abteil © Klaus Pichler/Wien Museum

Die Ausstellung geht mit tollen Fotos von Klaus Pichler, betroffenen Fremdstauern, Statistiken und Hör- und Videostationen den Gründen nach, die zu dieser „neuen Dienstleistung“ geführt haben. So heißt es dort, dass der Trend zum Mietlager viel über die Herausforderungen an das heutige Leben in der Stadt erzählt. Die Kurzformel beschränkt sich auf vier Mal den Buchstaben D: Dislocation (Umzug), Divorce (Scheidung), Downsizing (in eine kleinere Wohnung umziehen) und Death (Ableben).

Es wurde erhoben, dass in Wien seit einigen Jahren rund zehn Prozent der Bevölkerung jedes Jahr einmal umzieht. Das wiederum ist die Folge von befristeten Mietverträgen oder gestiegener beruflicher Mobilität. Wenn im Zuge des Endes einer Ehe aus einer großen zwei kleine Wohnungen werden, hat eben vieles nicht mehr Platz, was im harmonischen Zusammenleben im Zuge gesellschaftlicher Verpflichtungen davor ungemein notwendig war, wie das große Tisch- und Sessel-Ensemble im Speiseraum oder die Ledergarnitur im Wohnzimmer. Der Tod unserer Lieben kennt kein Zwischenlager, er räumt gnadenlos Menschen aus unserer Umgebung weg.

Deren oft in einem langen Leben gehorteten Schätze lässt er aber gnädig den Hinterbliebenen und es wäre von den Erben wirklich ungeschickt, den zweihundert Jahre alten Biedermeierschrank oder die zwölf eleganten Thonetsessel einfach an den nächstbesten Antiquitätenhändler zu verhökern. Es zahlt sich offenbar in jedem Fall aus, die geschmalzenen Quadratmeterpreise eines der längst zahlreichen Anbieter zu akzeptieren, um mit unnötigen Dingen zu leben, an denen trotz allem unser Herz hängt.

Einblick in ein mittelgroßes Selfstorage-Abteil  Foto: Klaus Pichler/Wien Museum
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