Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Die Ausstellung Face it! auf dem Bauzaun vor dem entkernten Wien Museum

FACE IT! Schau´s dir an! Die Porträts mit Corona-MNS

Eines der Porträts von Elodie Grethen:Daniela Holzer, Buslenkerin

Der Bauzaun als belebte Außenseite eines vorübergehend geschlossenen Museums

Die Fotografin Elodie Grethen hat für das Wien Museum in der Zeit des bereits ein wenig gelockerten Lockdowns Menschen porträtiert, die in besonderer Weise von den Folgen der Maßnahmen zur Eindämmung der Covic-19-Pandemie betroffen waren. So tragen die von ihr abgelichteten Personen durchwegs einen MNS. Zu sehen sind damit von ihrem Gesicht nur die Augen und eventuell Sorgenfalten auf der Stirn. Parallel zum Shooting wurden von Kurator Peter Stuiber Interviews geführt und so Geschichte aufgearbeitet, die sich Woche für Woche verändert hat und teilweise sogar schon heute wie Veteranenberichte aus einer überstandenen Heldenzeit anmutet. Ursprünglich waren Bilder und Texte für die Sammlung des Museums gedacht, sollten aber, nachdem sich der ideale Ausstellungsraum, der mit Platten abgedichtete Bauzaun vor dem in Umbau begriffenen Gebäude am Karlsplatz, gefunden hat, der gegenwärtigen Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden. Bis 10. Jänner 2021 gibt es nun die Möglichkeit, sich quasi im Vorbeigehen in jüngste Wiener Geschichte zu vertiefen.

Romana Zöchling, Modedesignerin  © Elodie Grethen/Bildrecht 2020

Berührend ist das Foto von der Ärztin, die am 27. April 2020 erzählt, dass sie selbst an Corona erkrankt war. Der AHS-Lehrer beklagt sich, dass er nicht einmal mehr seine Klasse betreten durfte und die Modedesignerin erinnert sich mit einem wohl hinter der Maske verborgenen Lächeln, dass sie sofort auf die Nachfrage nach entsprechend gestaltetem Gesichtsschutz reagiert hat. Im Grund war jeder von uns ein Opfer dieser Pandemie, wobei die Alten besonders im Mittelpunkt standen.

Wesentlich härter fiel es aber für die Kulturschaffende aus, die alle Aufträge und Engagements von einem Tag auf den anderen verloren hat, und für den Rettungssanitäter beim Roten Kreuz, für den jeder Einsatz bedeutete, sich selbst mit dem Virus anzustecken. Der Titel „Face it!“ ist die Aufforderung, hinzuschauen auf dieses Kaleidoskop des Alltags in Wien zwischen Ausnahmezustand und Routine, bestehend aus Momentaufnahmen in einer Zeit, wie wir sie bis vor Kurzem für undenkbar gehalten hätten.

Die Ausstellung Face it! auf dem Bauzaun vor dem entkernten Wien Museum

Miller House, Palm Springs, 1936/37  Foto: David Schreyer 2017

RICHARD NEUTRA Architekt von Wohnhäusern in Kalifornien

Ohara House, Silver Lake, Los Angeles, 1961  Foto: David Schreyer 2017

Amerikanische Moderne mit Wiener Wurzeln

Zum international erfolgreichsten österreichischen Architekten wurde Richard Neutra (1892-1970) – fast möchte man sagen – typischerweise in den USA. Daran mag es auch liegen, dass sein Werk hierzulande kaum bekannt ist. Seit 1925 war seine Wahlheimat Kalifornien. Zuvor hatte der Sohn einer jüdischen Familie an der Technischen Hochschule in Wien studiert und war bereits zu Beginn auch in die private Bauschule von Adolf Loos aufgenommen worden. Loos schwärmte von seinem Aufenthalt in Amerika und erweckte auch in Neutra den Wunsch, selbst in die USA zu reisen. In erster Linie ging es Neutra darum, angeregt von Reproduktionen des Werks von Frank Lloyd Wright neuartige Bautechniken zu studieren. Der Erste Weltkrieg und ein Fronteinsatz in Bosnien-Herzegowina machten die Reisepläne vorerst zunichte. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie gab es für den jungen Architekten in Wien kaum Perspektiven. Nach Tätigkeiten bei einem Landschaftsplaner in Zürich und einem Atelier in Berlin gelang Neutra 1923 die lang ersehnte Ausreise in die Vereinigten Staaten.

Richard Neutra, um 1960  © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung

Mit seiner Frau Dione bezog er zwei Jahre später in Los Angeles zunächst bei dem Otto Wagner-Schüler Rudolph M. Schindler Quartier. Gemeinsam mit ihm erhielt Neutra die Möglichkeit, eine Reihe von Wohnhäusern zu errichten. Aus einer Mischung von Wiener Prägung und dem Interesse an lokaler Baukultur der Pueblo-Indianer unter Verwendung innovativer Bautechniken und Materialien entstand eine genuin amerikanische, von historischen europäischen Stilen unabhängige Architektur. Heute zählen diese Wohnhäuser zu den bedeutendsten Bauten der kalifornischen Moderne.

Oyler House, Lone Pine, 1959  Foto: David Schreyer 2017

Das Wien Museum, zur Zeit im MUSA neben dem Rathaus untergebracht, würdigt das Wirken des „verlorenen Sohnes“ in der Ausstellung „RICHARD NEUTRA Wohnhäuser für Kalifornien“ (bis 20. September 2020). Anlass ist sein 50. Todestag, dem auch mit der begleitenden Publikation „Los Angeles Modernism Rivisited, Häuser von Neutra, Schindler, Ain und Zeitgenossen“, erschienen im Verlag Park Books, Rechnung getragen wird. Verantwortlich für das Buch zeichnen zwei Autoren.

Andreas Nierhaus ist Kunsthistoriker und Kurator der Architektursammlung des Wien Museums. Seine Texte basieren auf Interviews mit den Bewohnern, in denen diese ihr Verhältnis zum jeweiligen Bauwerk schildern. Die Illustrationen stammen von David Schreyer, einem ausgebildeten Architekten, der seinen persönlichen Schwerpunkt auf die Architekturfotografie verlegt hat. Ihm ist es gelungen, die faszinierende Raumökonomie im Bild festzuhalten. Die Fotos werden in der Ausstellung von Modellen ergänzt, an denen die gestalterische Reduktion und das kluge Reagieren auf die schwierigen klimatischen Bedingungen durch große Glasflächen dreidimensional sichtbar werden. Gebaut wurden die Häuser ursprünglich für die Vertreter der Mittelschicht.

Sie waren eher klein, boten aber erstaunliche Wohnqualität und erfüllen die Intention Neutras nach einem „naturnahen“ Leben. Dass diese Kunstwerke des Wohnens einmal erschwinglich waren, ist Geschichte. Mittlerweise sind sie ausgesprochene Luxusimmobilien, die man, wenn man es sich leisten kann, einfach besitzen muss, schließlich gilt Richard Neutra als einer der prominentesten Architekten der USA, der 1949 auf dem Zenit seines Ruhmes durch ein Titelbild des „Time“-Magazins geehrt wurde.

Freedman House, Pacific Palisades, Los Angeles, 1949  Foto: David Schreyer 2017
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