Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Augenblick! Straßenfotografie in Wien, Ausstellungsansicht

Augenblick! Straßenfotografie in Wien, Ausstellungsansicht

AUGENBLICK! 160 Jahre Straßenfotografie in Wien

Unbekannt, An der Ferdinandsbrücke, Wien um 1911  Sammlung Wien Museum

Unbekannt, An der Ferdinandsbrücke, Wien um 1911 Wien Museum

Das sich wandelnde Bild der Stadt in noch nie gezeigten Aufnahmen

Es sind immer die Menschen, die eine Stadt prägen; nicht nur die bedeutenden Gestalten, nein, auch die ganz einfachen Passanten, die wie zufällig ins Bild geraten sind. Der Blick des Fotografen mag auf etwas ganz anderes gerichtet gewesen sein, als er den Auslöser seiner Kamera drückte, und erst beim späteren Sondieren der Aufnahmen hat sich herausgestellt, wie originell der zufällig festgehaltene „Beifang“ das Foto bereichert. Andere Fotografen sind wiederum losgezogen, um bewusst das aktuelle Leben auf Plätzen, aber auch in kleinen Hinterhöfen zu dokumentieren. Sie haben sich immer wieder die Freiheit herausgenommen, die Staffage so zu inszenieren, damit ihre jeweiligen Anliegen sichtbar wurden. Entstanden ist damit ein Bilderbogen, der Geschichte erzählt und die rasante Entwicklung einer Stadt von den 1860er-Jahren bis heute in einer zumindest scheinbaren Realität sichtbar macht.

Leo Jahn-Dietrichstein, Im Prater, 1957  Sammlung Wien Museum © Leo Jahn-Dietrichstein, Wien Museum

Leo Jahn-Dietrichstein, Im Prater, 1957 Sammlung Wien Museum © Leo Jahn-Dietrichstein, Wien Museum

Emil Mayer, Unterwegs mit der Straßenbahn, 1905–1912  Sammlung Wien Museum

Emil Mayer, Unterwegs mit der Straßenbahn, 1905–1912 Sammlung Wien Museum

„Augenblick! Straßenfotografie in Wien“ (bis 23. Oktober 2022 im MUSA) präsentiert nun einen Querschnitt durch das Werk teils anonymer, aber auch prominenter Fotografen, die im rechten Moment am richtigen Ort waren und vor allem eine Kamera bei sich hatten, um eine unwiederbringliche Situation festhalten zu können. Man braucht gar nicht den heute scheinbar unvermeidlichen englischen Ausdruck „Street Photography“ zu bemühen, um diese Art des Bildermachens zu benennen, denn seit der Erfindung dieser faszinierenden Technik hat es Damen und Herren mit ihren Apparaten ins Freie gezogen, bis in jüngste Zeit noch mit dem Stativ, das die Gegenwart eines Photographen unübersehbar machte.

 

Dem Mann, der auf dem Bild des unbekannten Fotografen aus 1878 unbeeindruckt von einem Pferdefuhrwerk über die Schottenkreuzung schlendert, steht das Jonasreindl gegenüber, mit Autos und Straßenbahn, in denen sich die Menschen verstecken, 1964 festgehalten von Albert Hilscher.

Ein berührender Hinschauer ist die alte Frau, die in einem Papierkorb nach Essensresten sucht und dabei vom Beifahrer eines Rollers streng gemustert wird. Den Auslöser gedrückt hat dabei Heinrich Steinfest 1956. Franz Hubmann hat einen Paradewiener 1962 im Böhmischen Prater am Wirtshaustisch erwischt und Erich Lessing 1953 zwei rauchende Männer im Kaffeehaus bei einer Partie Schach beobachtet, genau wie die alte Dame, die dabei durch das Fenster zuschaut und sich vielleicht auch ihre Gedanken über den nächsten Zug macht, unklar ob am Schachbrett oder an der Zigarette. Nostalgie kommt auf, nicht nur bei diesem Foto, sondern bei vielen der gezeigten Objekte dieser reichlichen bebilderten Zeitreise durch 160 Jahre auf den Straßen der Stadt. Der dazu erschiene Katalog ist zwar monströs geraten, erlaubt aber in seiner Fülle entspannte Stunden des Schauens und Beredens im gemütlichen Heim und stellt im Grund für alte, aber auch neue Wiener beinahe so etwas wie eine Pflichtlektüre dar.

Leo Jahn-Dietrichstein, Auf der Kärntner Straße, 1950–1965  Sammlung Wien Museum © Leo Jahn-Dietrich

Leo Jahn-Dietrichstein, Auf der Kärntner Straße, 1950–1965 Sammlung Wien Museum © Leo Jahn-Dietrichstein, Wien Museum

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